Kolumne Nullen und Einsen

Die Pinguine helfen auch nicht weiter

Ein neuer Fernseher soll her, doch die Kaufentscheidung soll nicht zur Wissenschaft ausarten. Klingt ganz easy? Ist es aber nicht.

Über ein Dutzend Fernseher stehen in drei Reihen hintereinander, auf den meisten von ihnen ist eine blonde Frau zu sehen

Willkommen im Kapitalismus! Foto: imago/Petra Schneider

Mein Freund P. hat sich neulich einen Fernseher gekauft. „Ganz easy“ war das, sagt er. „Ich schaute in den Kalender, es war ein Donnerstag. Ich sagte, hey, ich nehme mir jetzt eine Dreiviertelstunde Zeit. 25 Minuten später war ich im Media Markt, da musste ich mich beeilen.“

Ich will mir auch einen neuen Fernseher kaufen. Wegen WM und so, und weil mein alter, ein wunderschöner, tonnenschwerer grauer Klotz Baujahr 1981, nicht mehr richtig geht. Aber ich nehme mir fest vor: der Kauf soll keine Wissenschaft werden! Der Neue soll günstig sein und nicht explizit scheiße. Mehr nicht. Ich mache also Folgendes:

1. Ich gehe in einen Laden und bin sofort komplett überfordert von über 70 Bildschirmen und 7.000 Optionen (die hochauflösenden Demofilmchen mit Pinguinen und Spielen von Real Madrid helfen mir auch nicht weiter).

2. Ich taste mich im Internet vorsichtig an ein Gefühl für Preise und Funktionen heran.

3. Ich falte Rechtecke aus einem Zollstock, um zu testen, welche Bildschirmdiagonale gut zu meinem Wohnzimmer passt.

4. Ich gebe auf der Media-Markt-Seite UHD und 43 Zoll ein und schaue mir die billigsten und die „Topseller“-Modelle an.

5. Ich google ein paar davon – nur Fehlervermeidung, keine große Sache.

Anderthalb Stunden später habe ich 15 neue Tabs offen und lese Amazon-Ein-Sterne-Rezensionen. Denn nur die verraten mir, ob es für meine Bedürfnisse nicht vielleicht doch einen Haken gibt. Leider finde ich dabei ganz viele neue Bedürfnisse. Brauche ich nicht doch eine Timeshift-Funktion? Oder einen optischen Kopfhörerausgang? Und wenn nicht jetzt, vielleicht in fünf Jahren?

Schlecht für Gamer

Es ist egal, welches technische Gerät man kauft: Blitzschnell taucht man in den Irrsinn ein, den eine hochentwickelte kapitalistische Warengesellschaft mit sich bringt. Alle Fernseher ab 400 Euro können eigentlich alles, aber manche können eben noch mehr. Dazu ertönt ein Klagechor aus Superspezialistennerds, die Probleme bemängeln, die niemandem sonst auffallen würden. Auf einmal weiß ich, was Clouding ist, der „Taschenlampeneffekt“.

Ich versuche alles wieder zu vergessen, doch lese versehentlich noch, dass mein favorisiertes Modell nur eine Bildwiederholungsrate von 50 Hertz hat. Das ist schlecht für Gamer – und bei Fußball! Angeblich erscheint der Ball dreifach, wenn er sich schnell bewegt.

Würde ich das auch sehen? Oder nur Sven aus dem UHDTV-Forum? Ich verbringe weitere Stunden mit dieser Frage. Ich frage auch P., wie viel Hertz sein Fernseher hat. Er weiß es nicht einmal! „Du liest schon wieder zu viel, Junge“, sagt er. „Am Ende vermiest du mir mit deiner Expertise noch meine Kaufentscheidung.“

Schließlich gehe ich zum inzwischen dritten Mal in den Laden. Wenn mir das mit dem Ball vorher nie aufgefallen wäre, sagt der Verkäufer, wird es das jetzt auch nicht tun. Ich kaufe also einen Fernseher. Es ist der, den mir die Media-Markt-Seite als allererstes vorgeschlagen hatte. Ganz easy eigentlich.

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Michael Brake lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Er schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

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