Kolumne Kapitalozän

Börsenabstürze als Entgiftungskur

Ich freue mich über die Kursstürze an den Aktienbörsen. Es wird Zeit zur vollständigen Finanzapokalypse. Denn ich will nur eines: Rache.

Die New Yorker Börse an der Wall Street im Finanzdistrikt.

Börsenabstürze, das ist, als verbünde sich der Weltgeist für ein paar Tage mit dir Foto: dpa

Juhu! Kursstürze an den Aktienbörsen! Wundervoll, ich will mehr, mehr, mehr! Ich will den kompletten Crash, alles soll abrauschen bis zur vollständigen Finanzapokalypse. Die schönsten Tagesschaubilder sind die von verzweifelten Börsianern, die sich entsetzt die Haare raufen. Ich liebe es, wenn sie weinen, verzweifeln, an ihren Krawattenknoten rumfummeln, als erwürge sie jemand. Wir stehen in den tiefen Schluchten der Finanzmetropolen der Welt und rufen alle: Jump, you fuckers.

Ich will Rache. An wem auch immer. Für all die Ungerechtigkeit dieser Welt. An diesen Millionen von Idioten, Zockern, Börsenheinis, diese Nichtsnutze, die einem abgrundtief kranken System dienen, das sie reich und andere arm macht. Möge ihr Leben hohl und leer sein, mögen sie in tiefer Einsamkeit sterben.

So, Ingo, jetzt mal kräftig durchatmen. Puh. „Einen Rachegedanken haben und ihn ausführen, heißt einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber vorübergeht“, schreibt Nietzsche. Ich hab gerade wirklich Fieber. Aber, sagen wir mal, den Grundreflex, den können Sie vielleicht teilen: Börsenabstürze, das ist der Triumph der Mittellosen, des Proletariats, wobei man heute wohl eher von Mittelschicht und Postmaterialisten spricht. Börsenabstürze, das ist, als verbünde sich der Weltgeist für ein paar Tage mit dir. Einen Rachegedanken zu haben und keine Kraft und Mut, ihn auszuführen, das heißt „eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen.“ Auch Nietzsche. Börsenabstürze sind eine Entgiftungskur für die Seele.

Systemische Korruption bleibt konsequenzlos

Leider bringen sie bei Lichte betrachtet nichts. Niemand wird aus einem Banktower springen. Es gibt Boni, wenn man Verlust macht, denn Finanzmärkte sind Selbstbedienungsläden. Spätestens seit der letzten Finanzkrise weiß jeder, dass systemische Korruption in Großbanken straflos und konsequenzlos ist.

Das Kapitalozän ist ein eigenes Erdzeitalter. In dieser Kolumne geht es ums Überleben in selbigem. Vielleicht kennen Sie bereit das Anthropozän. Super Palaverthema. Wie die Kreidezeit, das Jura oder das Paläoproterozoikum, so ist auch das Anthropozän ein eigenes Erdzeitalter. Es besagt, dass die Menschheit durch Acker- und Bergbau, durch Städte, Atombomben und Straßen die Erde so sehr umgegraben hat, dass man das noch in 1000 Millionen Jahren im Gestein erkennen wird.

Das Kapitalozän ist die linksökologische Erweiterung des Anthropozäns. Demnach ist es nicht der Mensch an sich, der Ánthropos, der den Planeten geologisch verändert. Nein, es sind die Kapitalisten. Schließlich können, global gesehen, die meisten Menschen nichts für die Naturzerstückelung.

Wobei, nicht ganz. Nach der Krise wurde ich Zeuge des wohl einzigen Opfers, das die Finanzwelt nach dem Crash zu beklagen hatte. Ich spazierte im Herbst 2008 durch Frankfurt am Main und traf auf einen Banker: gesunder Teint, helle Augen, akkurat gegeltes Haar. Er stand vor den Zwillingstürmen der Deutschen Bank, und touchscreente auf seinem Handy herum. Plötzlich hielt er inne und schüttelte seinen Kopf. Erst bedächtig, dann immer schneller und seltsam ruckartig.

Schließlich rotierte sein Kopf um 360 Grad auf seinem Hals, dabei läutete er wie ein Börsengong, immer höher und lauter gongte er. Aus seinem Mund drang grüner Schleim, den er zu allen Seiten verspritzte. Er streckte seine Hände aus und taumelte zombiegleich, mit rotierendem Kopf, auf mich zu, sprintete dann los, ich sprang gerade noch zur Seite. Er rannte mit dem Kopf voraus in eine Laterne. Die kam mit einem Knick davon. Der Banker fiel zur Seite und lag regungslos auf dem Boden, in seinen Augen zuckten Blitze, dann erloschen sie. Seitdem weiß ich: Sie sind keine Menschen. Sie sind Roboter. Und sie ernähren sich von grüner Grütze.

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