Kolumne Ausgehen und Rumstehen

Der Sound schmeckt blasshellgrün

Kryptische Visuals beim Synästhesie-Festival, eine Lesung mit hohem Frauenanteil und Racletteaufklärung im Chagall. Ein Wochenendrückblick.

Zwei Personen mit Gitarren stehen auf einer dramatisch beleuchteten Bühne

Tolles Licht, tolle Visuals, tolle Band: Rán beim Synästhesie-Festival Foto: Michael Brake

Das Räuberrad ist zurück! Okay, schon seit zwei Monaten, aber ich sehe es zum ersten Mal am Freitagabend, als ich die Rosa-Luxemburg-Straße hochfahre, Richtung Synästhesie, einem Noise-Postpunk-Kraut-Psych-Garage-usw.-Festival. Das war letztes Jahr selbst noch in der Volksbühne, ohne Räuberrad, jetzt ist es am zweitsterilsaniertesten Ort von ganz Prenzlauer Berg: der Kulturbrauerei.

Beim Festival bin ich vor allem wegen Camera. Um 19 Uhr sollen sie spielen, um 19.02 Uhr huschen viele Leute geschäftig über die Bühne und machen Soundcheck, ein Typ schwenkt Weihrauch, ein anderer hampelt mit einem Minisaxofon herum.

Camera hatte ich vor rund sieben Jahren an der Warschauer Straße liebengelernt, drei sehr junge Männer, die in einer U-Bahn-Unterführung eine irre wuchtige Krautrocksoundwand gebaut haben. Inzwischen ist aus diesem minimalistischen Guerillakonzept ein größeres Ensemble geworden, der Auftritt wirkt eher wie ein 60er-Jahre-Happening. Die Musik ist aber noch ungefähr die gleiche und der Soundcheck war gar keiner, sondern schon das Konzert, das unterbrechungslos eine gute Stunde durchläuft – und emotional leider nicht so recht zu mir vordringt. Erst am nächsten Tag verstehe ich, dass der Sound im Kesselhaus schlichtweg mies ist. Breiig, nicht raumfüllend oder, im Sinne des Synästhesie-Festivals: er schmeckt bestenfalls blasshellgrün.

Am Freitagabend muss ich aber schon wieder los, zur Kolumnenbuch-Lesung von M., und zwar an den allersterilsaniertesten Ort in Prenzlauer Berg, in die Backfabrik und dort in einen Keller namens „Clinkerlounge“ (das C macht mich so aggressiv!). Auf einen Mann kommen hier circa neun Frauen und der Abend ist ein Selbstläufer: Alle wissen, warum sie da sind, und M. liefert verlässlich ab. Es wird gelacht über Arbeitskleidung im Baumarkt, trottelige Online-Trolle, Jens Jessen und Pimmelwitze (also nicht über die Witze, sondern ihre Existenz). Und am Ende, beim Q+A, werden wirklich Fragen gestellt, kein „Well, it’s actually more of a comment“-Gedödel. Ein Segen.

Später sind wir dann noch im „Chagall“, wo es nach russischem Glühwein riecht und alle Gäste gleich aussehen. Eine Schweizer Musikerin ist auch mit, sie erzählt auf eine Art, dass ich ihr sehr gern zuhöre, von einem Carsten, der eine Art mobilen Mikrofonverleih macht, sodass sie jetzt auch in ihrer Küche so gut wie im Studio aufnehmen kann (wie nervig es bitte wäre, wenn ich meine Texte zu Hause nur grob vorschreiben könnte und dann müsste ich immer noch in ein Textstudio fahren, um sie in Zeitungsqualität abzutippen, weil es nur da alle Buchstaben gibt oder so), und davon, wie Schweizer Heim-Raclette machen, nämlich nicht so mit albernen Pfännchen, der Käse kommt im Stück in eine amtliche Raclettemaschine. Es klingt sehr gut.

Beim Q+A nach der Lesung werden wirklich Fragen gestellt, kein „Well, it’s actually more of a comment“-Gedödel. Ein Segen

Am zweiten Tag des Synästhesie-Festivals gibt es unter anderem Cafeteria-Synth-Punk von Frauen in silbernen Space-Anzügen (Gym Tonic), Psychedelic Rock von etwas zu gut gelaunten Gerade-aus-dem-College-Boys (Blac Rabbit), eine Band mit Cello und goth-artigem Gesang, bei dem auch mal metals horns im Publikum zu sehen sind (The Blue Angel Lounge) und, mein persönliches Highlight: Rán. Die machen irgendwas, das treibend, düster, wuchtig, melodisch, rau, arschcool zugleich ist und spielen zum Glück im kleineren Raum, der auch genug Soundfülle hat.

Die restliche Musik holt mich, nun ja, eher mittelgut ab. Viel besser, und es ist ja ein Synästhesie-Festival, ist der visuelle Teil, Videos, Licht, Nebel, Stroboskop, all das sitzt. Nur einmal, es ist graues Schneegegrissel und eine Sanduhr zu sehen, weiß ich nicht: Ist das jetzt Konzeptkunst oder ist der Beamer ausgefallen?

Als ich nach Hause komme, hängt ein Zettel im Flur. Die riesige alte Kastanie im Innenhof ist krank und muss leider gefällt werden. „Leider“ steht da wirklich und dieses Wort inmitten des Technokraten-Speak unserer Hausverwaltung zu lesen, rührt mich irgendwie. Das Räuberrad wieder da, die Kastanie bald weg. Es ist kein guter Tausch.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, zeit.de und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren.

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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