Vielfalt ist gut – so lautet das Prinzip der Inklusion. Doch der Weg zu einer inklusiven Gesellschaft ist weit. Welche Hürden liegen noch vor uns, wie können sie überwunden werden? von Sylva Brit Jürgensen

"Wir sind alle verschieden verschieden" – das Buch beschreibt, wie diese Tatsache für Schulkinder selbstverständlich werden soll. Bild: AP
Wer sich dieser Tage mit dem Begriff der Inklusion befasst, landet in einer Schlucht. Die auf der einen Seite haben keine Ahnung, was das eigentlich bedeuten soll. Die auf der anderen wissen es so genau, dass schnell Streit über winzige Details ausbricht. Das Buch "Eine Schule für alle" zeigt den Weg auf dem vermeintlich weißen Fleck auf der Landkarte – der in Wahrheit schon ziemlich gut profiliert ist.
LehrerInnen, die im Umgang mit sehr heterogenen Schülergruppen vertraut sind, werden in "Eine Schule für alle" höchstwahrscheinlich viele alte Bekannte begrüßen können: offene Lernformen, Klima der Wertschätzung, den Rollenwechsel vom Pauker zum Coach. Da wird bei vielen, die sich bislang einsam fühlten, Freude darüber aufkommen, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Erfreulich ist auch, dass eine oft wenig beachtete pädagogische Randgruppe, die SonderpädagogInnen, so durchgängig zu Wort kommt – mit ihrer Expertise.
Möglicherweise verstecken sich hier auch die bislang unscheinbaren Chancen des Paradigmenwechsels von "Regelschulen" zu gelebten Inklusionsschulen. FörderschullehrerInnen haben ja selten die Gelegenheit, einen "normalen" Regelschüler zu unterrichten. Dafür haben sie unendlich viele Chancen, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, Schritt für Schritt.
SYLVA BRIT JÜRGENSEN ist Förderlehrerin in Kiel.
Dazu passt aber keine Methode 08/15, die in mancher Regelschule den Alltag bestimmt. Dies geht nur in einem Klima des Vertrauens, der Wertschätzung, in offenen anregenden Lernräumen, mit hoher Sach- und Methodenkompetenz plus diagnostischer Sicherheit. Was nun für besondere Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf gilt - und das ist eigentlich eine Binsenweisheit - ist für alle Kinder bedeutsam. Die sonderpädagogische Kompetenz des Auffindens der "Zone der nächsten Entwicklung", sie wird in einem guten inklusiven Schulkonzept auf alle Beteiligten ausgeweitet: vom Schwerstmehrfachbehinderten bis zum Hochbegabten, vom Integrationshelfer bis zum Schulleiter.
Die Herausforderungen, die eine solche Schule der Vielfalt zu bewältigen hat, werden deutlich, die Schritte, die zu gehen sind, aufgezeigt. Wo viele Experten im Nebel stochern und Talkrunden zurück ins letzte Jahrhundert gehen, da gibt "Eine Schule für alle" Auskunft - und macht Hoffnung. Und die brauchen wir: Denn die Hürden, die auf dem Weg zu einer allgemein anerkannten Inklusion zu überspringen sein werden, sind oft hoch - höher, als viele sich zu überwinden zutrauen.
Wer neugierig ist auf die Veränderung von Schule findet in dem Werk verschiedener Autoren fundierte theoretische Einschübe, Checklisten aller wichtigen pädagogischen Bereiche, spannende und nachvollziehbare Unterrichtseinheiten und Hinweise auf Materialien - alles Beispiele aus der Praxis bereits gelingender Inklusion. Es schafft Mut, sich auf den Weg zu machen. Wer sich fürchtet, Frontalunterricht und Schubladisierungshaltung aufzugeben, wird nach der Lektüre das Buch verdammen.
Wer sich fürchtet, dass es immer so weitergehen könnte mit unserem superexklusiven Schulsystem, wird etwas ganz anderes erleben. Die Berichtenden sehen in der entstehenden inklusiven Schule ein Nest, ein Nest, in dem eine inklusive Gesellschaft vorbereitet wird. Die Vision dieser Gesellschaft heißt: dass Verschiedenheit Vielfalt bedeutet und Schule dieser gerecht werden kann - wenn vielfältig gehandelt wird. Dazu gehört:
1. eine Vielfalt im Team. Hilfreich sind hier gerade die Hinweise zum Thema Schulhelfer und Assistenz sowie Beispiele für sinnvolles Teamteaching, da ich in einer inklusiven Klasse als alleinige Lehrkraft nicht mehr sinnvoll unterrichten kann.
2. eine Vielfalt in der Methodik, Binnendifferenzierung ist tägliches Brot. Aufgelockert werden kann dies durch unterschiedliche Sozialformen und Arrangements der Lernangebote, auch Hinweise zum Umgang mit Förderplänen werden ebenfalls sehr deutlich und motivierend beschrieben.
3. eine Vielfalt der Schulstruktur, Auflösung starrer Unterrichtszeiten und -orte zugunsten offener Lernzeiten, kreative Angebote und Nutzung außerschulischer Lernorte und Experten. Schule als Lern- und Lebensort wird begeisternd aufgezeigt.
Besonders berührt hat mich das Resümee der Lehrer nach der Unterrichtseinheit "Wir sind alle verschieden verschieden". Schüler nehmen sich in heterogenen inklusiven Klassen sehr deutlich in ihrer Verschiedenheit wahr - aber sie hören auf, dies abzuwerten, sondern beginnen etwas, das ganz selbstverständlich sein sollte, es aber lange noch nicht ist: Verschiedensein als interessant und "normal" zu empfinden.
Diese Kinder sind die Botschafter und die Vorbilder für eine Gesellschaft, die es zwar noch nicht gibt, die aber möglich ist.
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Leserkommentare
30.01.2012 21:14 | Simsalabim
Hm, schöne Idee, nur wie in die Praxis umsetzen? Bei einer Klassengröße von 25 Kindern müssten 5 Lehrer + Assistenten unter ...
19.01.2012 08:17 | Wolfgang Banse
Inklusion beinhaltet die ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention ...
18.01.2012 19:42 | MeinName
"Die Berichtenden sehen in der entstehenden inklusiven Schule ein Nest, ein Nest, in dem eine inklusive Gesellschaft vorber ...