Die Wahrheit

Auf Wiedersehen im Ungefähren

Neues vom Mayakalender: Letzte Reise- und Ausgehtipps der Wahrheit zum Weltuntergang.

Nun endlich ist es geschafft, die quälende Wartezeit ist vorüber, das letzte Türchen am Mayakalender ist geöffnet. In Japan geht die Welt aufgrund der Zeitzonen zuerst unter und in Kalifornien zuletzt, wir können also circa bis zur Hälfte noch live vor den Bildschirmen dabei sein. Ist das geschmacklos? Ach was! Das ist pragmatisch, und stets serviceorientiert, wie die Wahrheit ist, verrät sie Ihnen ein paar ausgesuchte Ziele und Veranstaltungen, die Sie heute auf jeden Fall meiden sollten.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden erlebte schon in den letzten Wochen und Monaten einen Besucheransturm. Die Menschenmassen stürmten die Schatzkammer der Einrichtung, ließen sämtliche Kulturschätze links und rechts liegen und stürzten sich auf den aus Feigenbaumrinde gefertigten Dresdner Kodex, eine von drei originalen Mayaschriften, die den Mayakalender enthält. Der aktuelle Besucherstrom wurde in der Presse mit der Angst begründet, den Mayakodex nach dem 21. 12. 2012 nicht mehr sehen zu können.

Mitarbeiter dementierten dies bereits. Dabei ist doch das Problem, mit dem sich die Bibliothek bald herumschlagen muss, vermutlich viel eher der enorme Einbruch der Besucherzahlen ab dem 22. Dezember. Denn wer will dann noch einen Mayakodex sehen, den ohnehin keiner versteht, wenn man auch Boot fahren und ein Stück Kuchen essen kann, ohne nach Dresden zu müssen?

Am heutigen Freitag kann man den Kodex noch bis 18 Uhr ansehen, danach schließt die Schatzkammer und öffnet erst morgen wieder, wenn das dann allerdings noch möglich ist. Aber das Abendprogramm der SLUB hat es dafür in sich: Zunächst gibt es die Veranstaltung „Apokalypse – Lesung/Gespräch“ mit Peter Sloterdijk und anschließend ein schon seit Wochen ausverkauftes „Konzert zum Ende der Zeit“. Wer diesen Abend durchhält, hat gute Chancen, jeden Weltuntergang zu überleben.

Eine andere nette Location für die letzten 24 Stunden oder auch weniger ist das Dorf Bugarach in den südfranzösischen Pyrenäen. Seit Jahren schon geistert die Nachricht durch die einschlägigen Esoterikportale, dort sei der einzig sichere Ort während des Weltuntergangs am 21. 12. 2012. Der Berg, an dessen Fuß das Dorf errichtet wurde, soll eine Startbahn für Außerirdische sein.

Nur auf der obersten Spitze soll man wirklich überleben können. Doch um die Horden von durchgeknallten Esofreaks vom Aufstieg abzuhalten, ist der Zutritt zum 1.231 Meter hohen Pic de Bugarach zwischen dem 19. und 23. Dezember verboten. Selbst ein Überflugverbot gibt es – offiziell, um besonders Schlaue vom Landen mit Leichtflugzeugen auf dem Berg abzuhalten, womöglich aber auch, um die Außerirdischen daran zu hindern, ihre Kumpels von der Erde abzuholen.

Es könnte also heute durchaus lustig sein, zu beobachten, wie die erzürnten Aufstiegswilligen von einer Hundertschaft Gendarmen an ihrer Rettung gehindert werden und der letzte Ausweg aus der Katastrophe versperrt bleibt.

In der Türkei gibt es auch ein Dorf, das Sicherheit vor dem Weltuntergang bietet. In Sirince nahe der Ägäis-Küste bei Ephesus lebt eine spirituelle sogenannte blaue Energiegruppe und wartet meditierend auf die Ankunft des Erlösers. Dort findet man den Weltuntergang bisher gar nicht so schlecht, wie ein Hotelangestellter der Nachrichtenagentur AFP sagte: „Die Gerüchte hier haben uns mehr Kundschaft verschafft.“ Was bei anderen Zeitgenossen Angst und Schrecken auslöst, lässt in Sirince die Hoteliers und Ladeninhaber strahlen.

Man rechnet im Ort mit mehreren tausend Besuchern. Im Internet verbreitete sich in den vergangenen Tagen auch noch das Gerücht, der Hollywood-Scientology Tom Cruise habe sich in dem Städtchen angesagt, um dem Weltuntergang zu entgehen. Die Nachricht verlieh dem Sirince-Fieber einen zusätzlichen Schub. In türkischen Zeitungen werden inzwischen Besuchermassen von bis zu 60.000 Menschen genannt, die über den Ort hereinbrechen werden – „das wäre tatsächlich der Weltuntergang für Sirince“, wie AFP süffisant anmerkte.

Von zahlreichen anderen Orten der Erde wird Ähnliches behauptet. Seien es nun aber Außerirdische, gefiederte Schlangen oder der Rettungswagen, irgendetwas wird heute kommen, um einen abzuholen. Aber wie kommt man jetzt noch nach Frankreich oder in die Türkei? Mit einem nagelneuen Renault zum Beispiel, den man sich vorm Weltuntergang noch kaufen soll. Die Automarke wirbt mit einer Dame namens „Maya“, die letzten Stunden am Steuer einem solchen Fahrzeugs zu verbringen. Auf Wunsch wurden Airbags gar nicht mit eingebaut.

Die Gebiete in Mittelamerika, wo einst die Maya lebten, sind seit Monaten ausgebucht, die Mayatempel in Chichén Itzá, Palenque und Tikal erwarten für heute Besucherrekorde. Doch wer es jetzt nicht mehr schafft, nach Mexiko zu fliegen und trotzdem teilhaben möchte, kann auch in eines der zahlreichen Restaurants gehen, die heute das „Letzte Gericht“ oder Ähnliches anbieten. Die Witze dazu sind seit Monaten im Umlauf: Wenn die Welt untergeht, muss nichts mehr bezahlt werden, der Überlebende gewinnt die Million und so weiter.

Apropos Umlauf: Eine Unterhaltungsshow mit den pubertierenden Jungblödlern Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf lief bereits in der Nacht zu heute – eine Art exitio praecox des Fernsehnachwuches. Dabei sollten den ausgewählten Gästen letzte Wünsche erfüllt werden. Gerüchten zufolge wollte die eingeladene Untergangsexpertin Nina Hagen dann endlich live im Fernsehen ein Ufo besteigen, was auf alle Fälle sehr wünschenswert ist.

Aber was wünschen sich Joko und Klaas selbst? Eine niemals endende Sprühflasche mit Pupsgeruchsspray für die neuen Fernsehgags 2013? Die Vorstellung, den Planeten mit solchen Vollpfosten auch im nächsten Jahr wieder teilen zu müssen, lässt einen doch auf den Weltuntergang hoffen.

Die Wahrheit auf taz.de

 
21. 12. 2012

Um einen Kommentar zu schreiben, registrieren Sie sich bitte.

Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette.

Sie finden Ihren Kommentar nicht?

Ihren Kommentar hier eingeben