Der Hausbesuch

Platten, alles voller Platten

Günther Hartig war Buchdrucker und Gewerkschafter. Ein Kommunist, der immer wieder die USA bereiste. Der Grund: seine Liebe zum Rock ’n’ Roll.

Ein Mann steht vor einem Spiegel, im Hintergrund Regale voller Platten

Vorne Günther Hartig, hinten die Plattensammlung – das sind natürlich längst nicht alle Foto: Andreas Burmann

Wie viele Schallplatten er hat, weiß er selbst nicht genau. Früher hat er sie durchnummeriert, doch irgendwo bei 25.000 hat er aufgehört. Und das ist schon über fünfzehn Jahre her. Zu Besuch bei Günther Hartig in Oldenburg.

Draußen: Es ist ein eher unspektakuläres Haus, in dem er lebt, klein, zweigeschossig, mit Giebel. Aufregender ist, was sich hinten im Garten erhebt: ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, gebaut von Zwangsarbeitern. Nebenan stand damals noch eine Kaserne, das Haus bekam auch einen Bombentreffer ab. Es gibt noch die Rechnung der „durch Feindeinwirkung“ zerstörten Toilette.

Drinnen: Geschichten wie diese erzählt Günther Hartig mit voller, ruhiger Stimme und am liebsten in Szenen: „Der kam dann her und sagte: …“ Um ihn herum in seinem Musikzimmer: Wände voller Schallplatten, 85 Regalmeter, fast alles Rock’n’ Roll. An der Decke hängen 50er-Jahre-Lampen, an einer Wand stehen alte Musikabspielgeräte, manche groß wie Möbelstücke, und in der Ecke auf dem Schreibtisch ein Computer.

Der Bruder: Manfred ist zehn Jahre älter als Günther, als Erster bringt er Rock-’n’-Roll-Platten ins Haus. Der Vater hört damals Freddy Quinn und Margot Eskens, „diese richtig seichten Schlagersachen“, Rock’n’ Roll findet er schlimm: „Für ihn war das ‚Hottentottenmusik‘. Wir durften es nur auflegen, wenn er nicht da war.“

Der Vater: Geboren wurde Hartig im Dezember 1951, in Oldenburg. Mit drei Geschwistern wächst er auf, sein Vater ist Verwaltungsangestellter, Alkoholiker – und wählt die rechtsextreme Deutsche Reichspartei. „Er war für uns nur ‚Der Alte‘ und es gab immer Kontra.“ Gut wurde das Verhältnis zum Vater bis zu dessen Tod nie mehr.

Frontalansicht eines weißen zweigeschossigen Hauses mit Giebel

Draußen: Hartigs Haus in Oldenburg Foto: Andreas Burmann

Der Lehrling: Nach dem Realschulabschluss beginnt Günther Hartig 1968 eine Lehre als Buchdrucker. „Damals war es noch so, dass nach der ersten Woche einer ankam und sagte: Du musst in die Gewerkschaft. Da dachte ich: Wenn das so üblich ist, dann machst du das einfach.“ Neben der Studentenbewegung gab es damals auch eine Lehrlingsbewegung. „Da bin ich politisiert worden. Allerdings auch durch den Vietnamkrieg und weil Vater so’n alter Nazi war“, sagt Hartig. Er tritt aus der Kirche aus, versucht den Kriegsdienst zu verweigern. Alles wird diskutiert, von der Ausbeutung der Lehrlinge bis zur sexuellen Befreiung. „Wie sollte man da unpolitisch bleiben?“

Der Funktionär: In der Gewerkschaftsjugend hatte Günther Hartig viel übers Arbeitsrecht gelernt, in der Druckerei liegt einiges im Argen – mit 23 Jahren ist er auf einmal Betriebsratsvorsitzender und bleibt das, fast ununterbrochen, bis zu seiner Pensionierung 2012. In der Gewerkschaft engagiert er sich im Landesbezirksvorstand, auch in die DKP tritt Hartig ein. „Einmal kam unser Chef mit Kunden rein, ich glaube, aus Schweden, und sagte: Und das hier ist unser Herr Hartig, unser Betriebsratsvorsitzender. Ist ein netter Kerl, sieht gut aus, aber: Kommunist!“

Der Sammler: Seine erste Schallplatte kauft Hartig sich 1963, zum Sammler wird er aber es erst Mitte der 70er Jahre, als ihm die neuere Popmusik nicht mehr so gut gefällt. „Ich versuchte, mir vieles zu besorgen, was mein Bruder gespielt hat.“ Der hatte seine Platten immer nach einiger Zeit verkauft. „Das tat mir in der Seele weh. Die schöne Musik!“ Zur gleichen Zeit kommen die Flohmärkte auf, Hartig findet Gleichgesinnte.

Das Magazin: Im Frühjahr 1977 hat einer der Sammler, ein Buchbinder, die Idee mit der Fan-­Zeitschrift. Heute hat das Rock ’n’ Roll Musikmagazin noch rund 800 Abonnenten, Tendenz: rückläufig, wobei die meisten nicht kündigen, sondern sterben. „Aber solange es uns Spaß macht, wir auch zu Konzerten hinkommen oder Künstler treffen, machen wir weiter.“

Buddy Holly: Von einem sammelt er alles: Buddy Holly. Los ging es mit „Peggy Sue“. „Das fand ich super. Und dann erzählte Manfred: Ja, der ist übrigens jetzt gestorben, mit dem Flugzeug abgestürzt.“ The day the music died, es war im Februar 1959, Hartig nahm sich vor: „Irgendwann willst du mal sein Grab besuchen! Wie man das eben als Siebenjähriger macht.“ Es dauert 21 Jahre bis zu seiner ersten Reise ins Heimatland des Rock’n’ Roll. Gemeinsam mit einem Holländer fährt er nach Texas zu Buddy Hollys Grab, sie treffen seine Eltern, seine Geschwister, seine Witwe, Mit­musiker. Bis ihnen nach zwei Wochen das Geld ausgeht.

Moment: USA? Kommunist und Musik aus dem imperialistischen Feindesland – wie geht das zusammen? „Das haben mich damals viele gefragt. Aber weil ich die Musik mochte, heißt das ja nicht, dass die USA bei mir wohlgelitten ist, ganz im Gegenteil.“ Außerdem, sagt Hartig, war Rock’n’ Roll eben auch Rebellion und habe dazu beigetragen, dass in den USA Barrieren zwischen Schwarzen und Weißen gefallen sind. „Es gibt halt nicht nur das schlechte Amerika“, sagt er, „aber was ich dort auf Reisen immer wieder erlebe: wie wenig die Leute von der Welt wissen. Die werden so richtig dumm gehalten von den Medien.“

Ein Elvis-Poster hängt an einer Wand, darunter alte Musikabspielgeräte

Drinnen: Rock'n'Roll Foto: Andreas Burmann

Das Musical: Als in den 90er-Jahren ein Buddy-Holly-Musical nach Hamburg kommt, arbeitet Hartig als ehrenamtlicher Berater mit. „Ich finde nichts schlimmer, als wenn Buddy da mit der falschen Gitarre steht“, sagt er, „Auch wenn das 98 Prozent nicht sehen.“ Auch inhaltlich kann Hartig Einfluss nehmen. Besucht hat er „Buddy“ um die 50 Mal – und traf auch Buddy Hollys Witwe wieder.

Ein Fass ohne Boden: Zu Flohmärkten ist längst eBay dazugekommen, denn es gibt immer noch Platten, die Günther Hartig noch nicht hat, die besonders seltenen. „Also es gibt schon Grenzen, ich muss nicht von Elvis jede Pressung haben. Von Buddy Holly schon, aber ich sehe nicht, dass das irgendwann der Fall sein wird.“ Ist es nicht frustrierend, wenn man niemals fertig werden kann? Im Gegenteil, sagt er. „Wenn’s denn vollständig wäre, dann ist das Thema ja durch und abgeschlossen. Und damit nicht mehr interessant.“

Zusammenleben: „Ich kenne viele Sammler, die sind längst geschieden“, sagt Günther Hartig. Die Beziehung zu seiner Frau Waltraut hält seit 38 Jahren, auch, weil es Regeln gibt. Wohnzimmer und Küche sind plattenfrei zum Beispiel. Schade findet sie nur, dass die Platten ausgerechnet das Zimmer zum Garten belegen müssen – weil es der einzige Raum ist, der nicht unterkellert ist und damit der Boden stabil genug. „Denn Schallplatten sind schwer. Schwerer als Papier.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Musikhören: Die meisten seiner Platten hat Günther Hartig auch gehört, jedenfalls kurz. Als er noch gearbeitet hat, hatte er ein Ritual: Jeden Morgen vor der Arbeit, um 6.40 Uhr, hat er sich in seinen Sessel gesetzt und eine halbe Stunde Musik angemacht. Mit Kopfhörer und Augen zu. „Waltraut hat noch gepennt, das war die Zeit, wo ich einfach Ruhe hatte. Das hab ich richtig genossen.“ Heute macht er das nur noch ganz selten. Seit dem Ruhestand steht er erst um 8 Uhr auf.

Ruhestand, kein Ruhestand: Denn da ist natürlich noch immer das Rock ’n’ Roll Musikmagazin. Da ist die Pressearbeit für das Moormuseum im nahen Benthullen, wohin Hartig seine Sammlung von 50er-Jahre-Möbeln und -Geräten ausgelagert hat. Da ist die Arbeit an einem Stadtteilprojekt eines Oldenburger Medienarchivs. Da ist die Aufgabe als ehrenamtlicher Arbeitsrichter – und dann da auch noch die Doppelkopfrunde und die Hobby-Mixed-Gruppe im Volleyball, jeden Montagabend. Sieht so aus, als wäre er gut beschäftigt. „Ja“, sagt Günther Hartig. „Und das würde ich gern auch noch lange machen.“

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