Ausstellungsempfehlung für Berlin

Durchs Raster betrachtet

Im Lichtenberger Kunstraum After the Butcher treffen Sunah Chois Skulpturen auf Marcus Webers Malerei. Die taz sprach mit Marcus Weber.

Blick in die Ausstellung „Quaderna“ von Sunah Choi und Marcus Weber bei After the Butcher Foto: Uwe Walter

Als das Kollektiv Superstudio in den 1970er Jahre in ihren Entwürfen Möbel wie Gebäude mit einem schwarz-weißen Raster überzog, verfolgte dieses damit die Idee, Architektur und Design konsumkritisch neu zu denken.

„Quaderna“ nannten sie eine tatsächlich realisierte Serie aus Tischen und Bänken. Diesen Titel haben sich Sunah Choi und Marcus Weber für ihre Ausstellung bei After the Butcher ausgeliehen und tatsächlich finden sich jene Raster, in denen die Überlegungen des Radical Designs nachhallen, bei beiden wieder.

Bei Choi in Form von Maschengittern, die an farbig beschichteten Stangen angebracht sind, die ähnlich wie Haltegriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln aus dem Boden in die Decke wachsen. So ist es stets bei Choi, ihre skulpturalen oder fotografischen Abstraktionen gehen von auf Funktionalität ausgerichteten Gegenständen des Alltags aus.

In der Schau bilden sie wiederum die Raumordnung, durch die man auf die comichaften Malereien Webers blickt. Kugelköpfige Figuren lesen darin zwischen Industriemüll Zeitung, bohnenköpfige brausen auf diversen Verkehrsmitteln durch triste, mit allerlei Werbelogos ausgestattete Stadtlandschaften. Autos sind dabei, vor allem aber Fahrräder, Motorräder und einige jener per App mietbaren E-Roller.

"Quaderna" von Sunah Choi und Marcus Weber läuft bis zum 20. April bei After the Butcher. Besuch nach Vereinbarung unter 0178/3298106 oder ina@after-the-butcher.de, Spittastr. 25

Manche tragen Lieferserviceboxen auf dem Buckel, andere ziehen Rollkoffer hinter sich her – womöglich handelt es sich um digitale Nomaden, die ihr Airbnb suchen. Gehetzt wirken sie allesamt, ameisenhaft den zeitgenössischen Verwertungslogiken völlig unterworfen.

Einblick (762): Marcus Weber, Künstler

taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt? Und warum?

Marcus Weber: In der Galerie Buchholz sind frühe Zeichnungen von Andy Warhol zu sehen. Besonders gut haben mir die an Winsor McCays Comicreihe „Little Nemo“ erinnernden Illustrationen für ein mit Corkie Ward geplantes Buchprojekt „THE HOUSE THAT went to TOWN“ von 1952/53, als auch Warhols Buchcover-Entwürfe, gefallen, die in den für die Galerie fast schon obligatorischen Vitrinen innerhalb eines nahezu perfekten Ausstellungsdisplays präsentiert werden.

Marcus Weber ist 1965 in Stuttgart geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf und lebt in Berlin. Einzelausstellungen waren in der Villa Merkel, Esslingen, in der Städtischen Galerie Waldkraiburg und in der Thomas Erben Gallery, New York (alle 2018) zu sehen. Gruppenausstellungen bei Metro Pictures, New York, Laura Mars Gallery, Berlin, Galerie Krobath, Wien und im kunstbunker, Nürnberg (alle 2017). Noch druckfrisch ist sein gerade im Snoeck Verlag erschienener Katalog „Krazy Dog Moon Kat“ sowie die im Fantôme Verlag erschienene Publikation „Adalbertstraße 2008–2010“. Aktuell läuft bei After the Butcher die Ausstellung „Quaderna“ von Marcus Weber und Sunah Choi. Das Porträtfoto "M.W." stammt von Heidi Specker.

Martin Städelis Vogel-Skulpturen in der Laura Mars Gallery und Raphaela Vogels kaleidoskopische Videoinstallation „Son of a Witch“ in der Berlinischen Galerie kann ich ebenfalls empfehlen.

Welches Konzert oder welchen Klub in Berlin kannst du empfehlen?

Bellinis Oper „La Sonnambula“ in der Deutschen Oper Berlin. Anna Viebrocks unheimlicher Bühnenbild-Raumkörper eines Landgasthofs lassen das Unterbewusstsein aus den gigantomanischen Schränken kriechen. Von der Musik ganz zu schweigen.

Welche Zeitschrift/welches Magazin und welches Buch begleitet dich zurzeit durch den Alltag?

Ich lese gerade staunend Andrej Platonows Kommunismus-Groteske „Tschewengur“ in Kombination mit den beiden vom Städel Museum herausgegebenen Oral-History-Backsteinen „Café Deutschland“. Klatsch und Backstage-Info über Westdeutschlands Wirtschaftswunder-Kunstszene mit Rashomon-Effekt.

Was ist dein nächstes Projekt?

Malen. Ich arbeite an den letzten Bildern für meine Ausstellung in der Thomas Erben Gallery, New York, die im Mai eröffnet wird.

Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten Freude?

„Streichhölzer“ & „Blaue Bohnen“ von Gabi Dziuba.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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