Auf Radtour in der Toskana und Umbrien

„Keiner will das E-Bike ausleihen“

Stets leistungsbereit, eher ehrgeizig – bei der Gruppentour durch die Toskana und Umbrien geben alle ihr Bestes: Sportlich und fit muss es sein.

Akku wird aufgeladen: Zwangspause für E-Biker.  Bild: imago/Eisend

Sie zischt. Er schnaubt. Die Nächste stöhnt: „Du schon wieder.“ Ich ziehe auf einem E-Bike an einem nach dem anderen vorbei. Motorstufe „medium“. Die anderen haben normale Fahrräder. Es geht bergauf. Mehr muss man eigentlich nicht sagen.

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Man konnte wählen, für diese Radtour durch die Südtoskana und Umbrien: E-Bike oder normales Fahrrad. Die anderen zehn TeilnehmerInnen schätzen den sportlichen Aspekt der Tour und nehmen normale Räder. Nur ich nicht. Schließlich will ich einen Artikel über E-Biken in Umbrien schreiben. Das wird der erste Lacher. Meine Mitreisenden halten es für eine gelungene Ausrede.

Wir starten in Florenz. Stadtführung und Verspeisen des berühmten Bistecca fiorentia, eines Steaks vom weißen Chianina-Rind aus der Gegend. Rotalis nennt die Reise „klein und fein“, nur elf TeilnehmerInnen, maximal 50 Kilometer radeln pro Tag. Das Gepäck wird transportiert, man übernachtet in 4-Sterne-Hotels und wird mit viergängigen Menus traktiert. Gehobenes Radeln quasi.

Die anderen, das sind Ehepaare rund um die fünfzig, ein Einzelradler und zwei Töchter, die dem Papa die Reise zum 90. Geburtstag schenken. Hartwig [Name geändert, d. R.] wird bewundert. Mit 90 noch eine Radtour.

Ich habe schon einen leichten E-Bike-Komplex und biete gleich an, dass wir auch mal tauschen könnten. Aber Hartwig, hager und drahtig, ist fit, ein E-Bike unter seiner Würde.

Florenz: Ristorante Cafaggi, Via Guelfa, 50129 Firenze, ein rührend altmodisches Restaurant, Familienbetrieb, spezialisiert auf Fisch und Fleisch, insbesondere die Bistecca fiorentina, sagenhaft zartes Steak vom Chianina-Rind, eine der ältesten Rinderrassen der Welt, und der Chef ist äußerst beleidigt, wenn etwas davon übrig bleibt.

 

Montefalco: Antico Frantoio Paolo Brizi, Alte Ölmühle, die Olivenöl der Extraklasse herstellt, kalt gepresst mit uralten Methoden. Man lässt sich von der Chefin die Mühle zeigen und degustiert danach in einer gemütlichen Remise Öle auf Röstbrot. Im Flecken Casale liegt das junge Weingut "Perticaia", wo der Sagrantino gekeltert wird: Handverlesene Trauben, im Barrique ausgebaut, ein kräftiger, würziger Wein mit ordentlich Tannin. Verkostet wird auf der riesigen Terrasse mit weitem Blick über die Landschaft.

 

Orvieto: Le Grotte del Funaro liegt in einer Höhle, die den Etruskern als Zisterne gedient hatte, im Mittelalter wurden hier Seile gedreht, die Instrumente sind noch zu sehen.

 

Essen: Raffinierte Variationen vom Bewährten, immer mit diesem italienischen Extra an Geschmack, den man in Deutschland nie so findet.

 

 

Veranstalter: Fahrradreisen.de ist die größte Datenbank für Radtouren, die etwa 30 Veranstalter umfasst. Rennradreisen und Mountainbiketouren inklusive. Rotalis (www.rotalis.de) gibt es schon seit 40 Jahren. Die Firma bezeichnet ihre Radreisen als „eher gemütlich“, aber „Bummelfahrten“ sind es auch nicht. Der Altersdurchschnitt der Reiseteilnehmer liegt laut Rotalis zwischen 45 und 65 Jahren. Die Toskana/Umbrien-Tour kostet im Doppelzimmer 1.490 Euro, das Mittagessen ist noch nicht enthalten.

 

Die beschriebene Reise erfolgte mit Unterstützung des Veranstalters Rotalis

Größere oder nicht so schöne Strecken werden mit dem Zug oder dem Kleinbus zurückgelegt. Wir düsen per Zug nach Arezzo, wo wir knappe 20 Minuten Besichtigungszeit haben.

Dann geht’s los. Erik radelt vorweg. Erik und Tobias begleiten uns, zwei Studenten. Tobias fährt den Bus und bereitet das Mittagspicknick zu, Erik radelt. Und wie. Schon ist er um die nächste Kurve verschwunden, das Radlerfeld zieht sich auseinander.

Und, wie ist es auf dem E-Bike?, wollen alle wissen. Man kann den Motor zuschalten und Low, Medium und High einstellen. Als ich mit Medium anfahren will, fährt das Rad fast von allein los. Vor Schreck stelle ich den Motor aus. Das Rad hat außerdem noch eine Kettenschaltung, eigentlich kann man auch ohne Motor ganz gut damit fahren. Aber an Steigungen macht sich das Gewicht bemerkbar.

Mit dem E-Bike am Berg

Mitten auf einem Anstieg zu einer Brücke will ich den Motor zuschalten. Geht nicht. Allgemeines Blinken. Schon muss ich schieben. Merke: den Motor nicht erst bei Belastung zuschalten, sondern schon vorher. Dann aber gibt es diesen wunderbaren Schwung, man tritt, und es ist, als habe man Riesenkräfte.

An den Steigungen muss ich mir Mühe geben, nicht immer allen davonzuradeln. Soziales E-Bike-Fahren heißt, dass man sich trotzdem im Mittelfeld einsortiert, auch wenn man sogar Erik abhängen könnte.

Apropos: Wo ist eigentlich Erik? Weit weg. Und der Schluss der Gruppe? Ganz weit hinten, der Einzelradler Dieter, der auch schon älter ist – und Hartwig.

Wir fahren durch ein Weingebiet. Toskanagefühl. Apfelplantagen, Tabakfelder. Die Wege sind prima ausgewählt, kaum Autostraßen, liebevollst wurden sie mithilfe von Militärlandkarten ausgekundschaftet. Man radelt mal neben dieser, mal neben jenem. Mehrere ÄrztInnen sind dabei, Unternehmer, Manager. Obere Mittelschicht. Völlig unprätentiös. Sofort wird geduzt.

Schlafen in der Traumvilla

Wir logieren in einer Traumvilla von 1527 mitten auf dem Land. Stille. Einer plätschert im Pool, zwei spazieren durch den Garten. Dieter, der Informatiker im Ruhestand, erzählt, dass er gleich wieder umkehren wollte, als er die Gruppe in Florenz sah.

Warum? Wir sehen nicht aufregend exklusiv aus, aber eigentlich auch nicht so abschreckend. „Ich bin eigentlich kein Gruppentyp“, windet er sich.

Er hatte schon einen Rückflug gebucht. Erst eine nette Unterhaltung mit Hartwig konnte ihn umstimmen. Als er von weiteren Hobbys erzählt, wird auch klar, dass es ihm nichts ausmacht, eine 1.500 Euro teure Reise mal eben abzubrechen. Am liebsten fliegt er mit dem Heißluftballon über die Alpen. Wohnt im teuren Münchner Stadtteil Lehel. Hat ein zweites Haus am Tegernsee.

Die Weine sind alle gut. Alle

Es geht zum Lago di Trasimeno. Erik erzählt von „dem guten Hannibal“, der hier im Zweiten Punischen Krieg 217 vor Christus die Römer besiegte. Tobias bereitet ein Picknick am See. Käse von Parmigiano bis Scamorza, Schinken, Salami, Salat, Antipasti, Prosecco Jetzt schon trinken? Na ja, nur ein Schlückchen.

Die Weine sind alle gut. Alle. Und schon ist Erik wieder weg. Das Tempo ist ordentlich. Warum beklagt sich eigentlich keiner? Weil hier die obere Mittelschicht radelt, stets leistungsbereit, eher ehrgeizig.

Keiner will das E-Bike von mir leihen. Mittlerweile würde ich es aber auch nicht mehr so gern hergeben. Ich habe mich daran gewöhnt. Steht eine Steigung bevor, werfe ich den Motor an. Radfahren im hügeligen Gelände wird zum Kinderspiel. Ich werde beneidet und gefoppt.

Abends gibt es noch eine Stadtführung in Perugia. Dann Crostini mit Steinpilzen, Tagliatelle in Safransoße, Rind mit Spinat und Profiteroles.

Schwarze, graue und braune Mönche

Mit dem Bus hinauf nach Assisi. Wir lernen, dass es schwarze, braune und graue Franziskanermönche gibt. Sehen fantastische Giotto-Fresken, deren berühmtestes zeigt, wie Franziskus den Vögeln predigt.

Von Assisi, malerisch am Hang des Apennin-Berges Monte Subasio gelegen, radeln wir bergab durch Olivenhaine, durch nette Städtchen bis zu einer Villa auf dem Land, die wieder ein echter Traum ist. Der Blick von den riesigen Terrassen geht über das Valle Umbra mit Zypressen, Gärten und Feldern bis zur Apenninkette.

Man kommt sich näher und spricht davon, wie man die eigenen Scheidung verkraftet hat und wie man die Ehen der Mitreisenden einschätzt.

Am „Ruhetag“ geht es, halb radelnd, halb wandernd durch eine Landschaft, die einem toskanischen Tromp l’oeil gleicht, ins Bergstädtchen Montefalco, besichtigen eine alte Ölmühle, verkosten Öl und fangen nun schon, ohne mit der Wimper zu zucken, um halb 12 an Wein zu trinken. Der Sagrantino di Montefalco ist schon wieder eine Entdeckung.

Heimliche Werbung fürs E-Bike

Hartwig ist das Tempo übrigens doch zu schnell, aber laut sagt er es nicht. Neuester E-Bike-Schnack: Ich wurde der Gruppe zugeteilt, um Schleichwerbung für E-Bikes zu machen.

Inzwischen sind wir vollgefüllt: Fresken, Kirchen, fantastisches Essen und der ewig treibende Erik. Der Wunsch nach Ruhe macht sich breit. In Todi, der Trüffelstadt, decken wir uns mit herrlichsten Trüffelpasten ein und haben nur noch für die Sexszenen an einem Kirchenportal Augen. Dafür wird die Landschaft jetzt immer noch schöner. Weniger zersiedelt, wild romantisch – und bergig.

Wieder gibt es Etappen im Bus oder mit einer Wanderung, wenn die Steigung zu arg ist. Beim Mittag in einem Agriturismo mit selbst gemachten Pizzen und Weinen schlagen wir nun routiniert zu. Wir trinken ordentlich und entspannen uns.

Danach zieht Erik uns davon: eine lange Steigung. Zum ersten Mal zeigt der Akku an, dass er nicht mehr lange kann. Mir graut. Wie man mit Wein intus ohne E-Bike den Berg hochkommt, ist mir ein Rätsel. Aber meine Mitreisenden jammern nicht einmal.

„Ich kaufe mir auch so ein Ding“

Zur unserer letzten Station, Or.Dvieto, fahren wir auf langen Rolltreppen hinauf, es liegt auf einem Tuffsteinblock. Unglaublich schöner Dom, tolle Altstadt, fantastisches Abendessen. Hartwig wird gewürdigt, die Mitfahrenden, die Stimmung ist super.

Ein letztes Mal geht es um das E-Bike. Würde ich die nächste Tour wieder mit Motor machen? Ja, denn es ist Radfahren ohne jede Quälerei. Und bei Dieter hat die E-Bike-Werbung gefruchtet: „So, die Entscheidung ist gefallen“, verkündet er: „Ich kauf mir auch so ein Ding.“

 

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11. 05. 2013

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