Esther Slevogt
betrachtet das Treiben
auf Berlins Bühnen

Vor ein paar Jahren hat der Fall Ungarn vorgeführt, was mit Kunst und Kultur geschehen kann, wenn Rechtspopulisten das Ruder übernehmen. Denn seit Viktor Orbán das zweite Mal Premierminister wurde, wurde die ungarische Theaterlandschaft komplett umgekrempelt. Linke Künstler verloren Leitungspositionen, Gelder wurden gestrichen und umverteilt. Es kam sogar vor, das bekennende Rechtsradikale Intendanzen übernahmen. War das ungarische Theater in den Nullerjahren stilprägend in Europa, ist es inzwischen fast in die Bedeutungslosigkeit gerutscht. Auch deshalb, weil viele seiner Protagonisten das Land verlassen haben.

Árpad Schilling zum Beispiel. Er führte die Proteste derer an, die von Anfang an gegen den kulturpolitischen Kahlschlag der Orbán-Regierung vorgegangen sind. Schilling war 1995 Gründer und Leiter der berühmten Budapester Theaterkompagnie „Krétakör“ („Kreidekreis“), deren Arbeiten auch international ein Aushängeschild des ungarischen Theaters waren. Dann begannen aufgrund des Protests seines Theaters gegen die Kulturpolitik der Regierung Orbán die Subventionen zu versiegen, die Arbeit der Gruppe wurde radikaler und wandte sich dabei auch von klassischen Theaterformen ab. Schließlich wurde Schilling zum Staatsfeind erklärt und konnte seitdem fast nur noch im Ausland arbeiten. Im vergangenen Sommer verließ er mit seiner Familie Ungarn und zog nach Frankreich. Im Berliner Ensemble hat Schilling nun ein Stück inszeniert: Der letzte Gast“, in dem er das Fremdsein verhandelt. Autoren sind er selbst und Éva Zabezsinszkij, die unter anderem das Drehbuch des Oscar-gekrönten Films „Son of Saul“ schrieb (Berliner Ensemble: „Der letzte Gast“, Premiere 15. 3., 19.30 Uhr).

Dabei haben Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei einmal als Bürgerrechtler gegen das kommunistische Regime in Ungarn begonnen, das in Ungarn bekanntlich als Erstes porös wurde, bevor dann auch in Berlin 1989 die Mauer fiel. Das ist in diesem Jahr nun 30 Jahre her. Anlass für das HAU, ein Festival zu veranstalten. „Comrades, I Am Not Ashamed Of My Communist Past / Genossen, Ich schäme mich nicht für meine kommunistische Vergangenheit“. Das Festival zeigt diverse Arbeiten, die sich mit Fragen befassen, die auch nach dreißig Jahren noch nicht beantwortet sind (HAU: „Comrades“, 11.–17. 3., Alle Infos: www.m.hebbel-am-ufer.de).

In der Schaubühne steht wieder Milo Raus Beschwörung der letzten Tages des Führers der Russischen Revolution Lenin auf dem Programm. Mit Ursina Lardi in der Titelrolle (Schaubühne: „Lenin“, 14. & 15. 3., jeweils 20 Uhr, 16. 3., 18 Uhr).