Doris Akrap
So nicht

Rassismus in Deutschland? Alles wie immer

Foto: privat

Kürzlich wollte ich in die Schweiz. Bei der Einreise am Baseler Flughafen dreht das Handy durch: „Willkommen in Frankreich!“ Eine Riesenschlange steht vor zwei Schaltern mit Schildern, Style frühe 80er, auf denen in bröckelnden Buchstaben steht: „Alle Pässe. All Passports“. Die rechte Schlange geht wesentlich schneller voran. Ich stehe natürlich in der linken. Endlich hinter der Passkontrolle sind wieder zwei Schilder, Style späte 00er Jahre. Sie weisen Vorbeikommende daraufhin, zwei Optionen zu haben: die Tür rechts oder die Tür links. Geh ich durch die rechte Tür, lande ich in Frankreich. Geh ich durch die linke Tür, bin ich in der Schweiz.

Stelle mir vor, wie hier einmal alle wahlberechtigten Europäer hintereinander in einer Schlange stehen und jeder muss sich entscheiden, ob er durch die linke oder die rechte Tür geht. Hinter den Türen geht die eine Gruppe dann den rechten, die andere den linken Weg und jeder macht was Schönes für und unter sich und in ein paar Jahren gibt es eventuell mal ein Treffen zwecks Erfahrungsaustausch.

Leider reden wir stattdessen derzeit über Bücherregale als wären sie das Mobiliar der neuen Konzentrationslager und ich muss mit Kulturbetriebsangehörigen in der Schweiz über Rassismus reden, obwohl es um Literatur gehen soll. Alle hier wollen dringend wissen, wie es dem Rassismus in Deutschland gehe und sagen, dass sie Angst haben. Was ich sage, finden sie seltsam. Ich sage, dass alles irre durchgedreht ist gerade, der Stand des Rassismus dabei aber sehr stabil. Damit meine ich: Alles wie immer, nur jetzt eben auch im Bundestag.

Ich sage, dass ich mir heute weniger Sorgen machen würde als noch in den 90er Jahren. Damals fuhr ich mit meiner Clique – die mit den komischen Nachnamen und den dunklen Haaren – mit Baseballschläger im Auto, weil es auch in Westdeutschland damals nicht ganz selten vorkam, dass sich einem ein paar Schlägernazis in den Weg stellen. Dass ich helle Haare habe und nicht in zugewiesenen Heimen in ost- oder westdeutschen Kleinstädten leben muss, ist ganz sicher ein Element, das mich über die heutigen Zustände weniger alarmistisch denken lässt.

Ich kann nicht anders, als festzustellen, dass die Deutschen nicht mehr die aus den 90ern sind. Damals demonstrierten Linksradikale mit zwei Gewerkschafts-, drei Kirchenmitgliedern und vier Vertrauenslehrern gegen die Abschaffung des Asylrechts und hatten die Lichterketten gegen Rassismus zumindest im Verdacht, nur fürs Ausland inszeniert worden zu sein. Heute ist nicht nur die AfD in der Mitte des Bundestags angekommen. Das Reden über Rassismus, den Mob und wie man die mit den Sorgen wieder auf die richtige Bahn bringt, ist in der Mitte des politischen Diskurses angekommen.

Die Fünftage-vorschau

Mi., 14. 11.

Franziska Seyboldt

Psycho

Do., 15. 11.

Jürn Kruse

Nach Geburt

Fr., 16. 11.

Michelle Demishevich

Lost in Trans*lation

Mo., 19. 11.

Kefah Ali Deeb

Nachbarn

Di, 20. 11.

Sonja Vogel

German Angst

kolumne@taz.de

Das heißt nicht, dass nicht alles wieder schlimmer werden kann. Ich aber fühle mich wohler, weil ich weiß, dass wir nicht mehr nur drei Freunde plus x sind, die im Notfall den Baseballschläger dabei haben.