Ausgezeichnet:
Die wahren Hüter der Verfassung

Die Initiative SOKO Tierschutz und Taina Gärtner sind die Preisträger*innen des diesjährigen Panter Preises. Gleichwohl macht der Einsatz aller sechs nominierten Gruppen und Einzelpersonen in Zeiten rechtsradikaler Mobilisierung Mut für mehr Zivilcourage

Von Lin Hierse

Was ist eigentlich unsere Zivilgesellschaft? Katrin Gottschalk, stellvertretende Chefredakteurin der taz, wollte in diesem Jahr eine leichte, lustige Rede halten. Die Nominierten in Anlehnung an den Quelle-Katalog beschreiben und sich für einen solidarischen Kapitalismus aussprechen, in dem wir mit einer Spende für jedes der Projekte die richtige Entscheidung treffen.

Angesichts der Bilder von rechtsradikalen Aufmärschen in Chemnitz und Köthen haben ihre Worte dann dennoch Schwere. „Auch die rechten Gruppen gehören zur sogenannten Zivilgesellschaft, wenn wir diese normfrei betrachten“, sagt Gottschalk. Dann richtet sie sich an die Nominierten des Panter Preises 2018: „Sie alle sind nicht die Zivilgesellschaft. Aber Sie sind der Teil, den wir unterstützen müssen.“

Die Ereignisse in Chemnitz und Köthen sind nicht weit an diesem Abend, genauso wie die Frage nach dem „mehr“. „Wir sind nicht mehr“, meinte der Jugend-Sozialarbeiter und Panter-Preisträger von 2016 Tobias Burdukat erst kürzlich im Interview mit der taz. „Die schlechten Menschen sind nicht mehr, sondern nur lauter“, findet Mohamad Malas, der mit seinen Mitstreiter*innen von „Familienleben für alle“ für den diesjährigen Preis nominiert ist.

Klar ist: An diesem Abend im Deutschen Theater sind gute Menschen laut und sichtbar. Der Blick auf die Arbeit der Nominierten und ihren Einsatz für eine gerechtere Gesellschaft ermutigt besonders in Zeiten, wo Rassismus und Faschismus offen auf deutschen Straßen ausgebreitet werden und in der Politik ihre Kompliz*innen finden. „So einen Verfassungsschutz, wie wir ihn derzeit haben, braucht kein Mensch“, betont Georg Restle, der gemeinsam mit Ebru Tasdemir durch den Abend führt. “Menschen wie Sie, liebe Nominierte, die für Demokratie und Rechtsstaat kämpfen, sind die eigentlichen Verfassungsschützer in diesem Land“.

Die sechs Nominierten sind Initiativen und Menschen, die sich auf verschiedenste Weise für die bundesdeutschen Grundrechte im Besonderen und eine bessere Welt im Allgemeinen einsetzen. „Familienleben für alle“ etwa kämpft für den uneingeschränkten Familiennachzug nach Deutschland. Taina Gärtner engagiert sich ihr ganzes Leben lang in ihrem Stadtviertel für soziale Gerechtigkeit. Kobra e. V. unterstützt Opfer von Menschenhandel. Der Hamburger Verein Kulturistenhoch2 ermöglicht bedürftigen Senior*innen in Begleitung von jungen Schüler*innen Besuche von Kulturveranstaltungen. Die SOKO Tierschutz macht auf Tierleid aufmerksam und setzt sich für Verbraucherschutz ein. Und die Mitglieder von „Adopt a revolution“ unterstützen zivilgesellschaftliches Engagement in Syrien und tragen mit ihrer Berichterstattung dazu bei, dass die Menschen dort nicht in Vergessenheit geraten.

Alle dieser Initiativen wären würdige Preis­träger*innen, die nicht nur Anerkennung und Sichtbarkeit, sondern auch finanzielle Unterstützung verdienen. Den mit jeweils 5.000 Euro dotierten diesjährigen Panter Preis erhalten die SOKO Tierschutz und Taina Gärtner.

„Besonders angesichts der Situation der Menschenrechte haben wir nicht mit dem Preis gerechnet“, sagt Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz. Mülln macht deutlich, dass Tier- auch Menschenrechte sind, dass beides miteinander zusammenhängt. Unermüdlich dokumentieren Mülln und sein Team die grausamen Umstände, unter denen viele Tiere in Deutschland gehalten werden, bevor sie zerlegt und säuberlich verpackt in unseren Supermärkten landen. In nächtlichen Aktionen filmen die Aktivist*innen unhaltbare Zustände in Mastbetrieben. Mittlerweile erhalten sie für ihre Arbeit nicht nur Zustimmung, sondern zunehmend auch Gegenwind. Aber die SOKO macht weiter – auch, um Verbraucher*innen zu vermitteln, „welche Macht sie durch ihre Kaufentscheidungen haben“, betont Mülln.

Mit Taina Gärtner zeichnet die Panter-Jury eine Frau aus, die sich seit Jahren für ihre Mitmenschen einsetzt. „Sie ist keine Vollzeitaktivistin“, stellt taz-Redakteur Bernd Pickert während seiner Laudatio auf die Gewinnerin fest. „Taina Gärtner ist Vollzeitmensch. Sie macht sich nicht zum Sprachrohr, sondern hilft den Menschen dabei, selbst gehört zu werden.“ Während die Gewinnerin auf der Bühne Luftsprünge macht und dabei ein wenig fassungslos erscheint, fallen sich Freund*innen und Mitstreiter*innen im Publikum weinend in die Arme.

Während die Nominierten und Gewinner*innen Gruppenfotos mit symbolischen Schecks und bunten Blumen machen, kann man als Zuschauer*in kaum anders, als mit einem guten Gefühl den Saal zu verlassen. Weil sie mindestens qualitativ mehr sind, die guten Menschen. Und weil man sich durch die Initiative einzelner ermutigt fühlt, selbst im Kleinen und vor der eigenen Haustür die Gesellschaft zum Besseren zu gestalten.