zwischen den rillen

Glück und Käse

Stella Sommer: „13 Kinds of Happiness“ (Affairs of the Heart/Indigo)

Bei ihrem ersten Konzert nach Veröffentlichung ihres Solodebüts „13 Kinds of Happiness“ trug Stella Sommer graue Mauseohren. In Berlin spielte sie mit Max Gruber (alias Drangsal) als Die Mausis und sang von Käse in Anatolien, den es, „nur in Folien“ gebe. Der Dunkle-Prinzessin-Diskurs, der sich um das Image der Hamburger Künstlerin rankt, lief an diesem Abend ins Leere.

Auf „13 Kinds of Happiness“ exerziert Sommer klassische Songwriting-Kunst. Das Wort „Happiness“ im Titel klingt ironisch: „Ob mich jemand mit Glück assoziiert, wollen wir mal sehen“, sagt sie lachend. Ihr Albumtitel „13 Kinds of Happiness“ ist an Richard Yates Kurzgeschichtensammlung „Eleven Kinds of Loneliness“ (1962) angelehnt. Sommer reizen seit jeher große Themen der Pop-Folklore: „Ich finde interessant, dass man dieses Wort austauschen kann. Das Gefühl, das transportiert wird, bleibt das gleiche: Ob Happiness oder Lone­liness, ist egal.“

Sommers Band Die Heiterkeit galt nach dem Bekanntwerden 2011 als neues weibliches Update der Hamburger Schrammel-Schule. Im Zentrum stand schon damals ihre Stimme, die die Kritik zu pophistorischen Vergleichen anregte: Wie Nico klinge Sommer, denn da fließe etwas Erhabenes und Dunkles. Zudem singt Sommer auf Deutsch: „Dass jede Frau, die zu singen anfängt, mit anderen Sängerinnen verglichen wird, nervt“, ärgert sich Sommer. Und fand ein für sie passenderes Pendant: die Stimme von Hans Albers.

An den getragenen Sound des letzten Heiterkeit-Albums schließt Sommer solo an, auch an die Distanz zur eigenen Musik, an das Künstliche, dem Alltag radikal Entgegengesetzte, gerade, wenn Allgegenwärtiges verhandelt wird. Die Musik wird jedoch noch einmal aufgebrochen: durch Humor, aber sie kippt trotzdem nicht ins Komische. Im Gespräch wirkt die Künstlerin weder abweisend noch melancholisch, sondern eher vorsichtig, sie lacht oft.

Sommer singt nun Englisch. Auch ein Wink an ihre Vergangenheit: „Mit 11 habe ich angefangen, Lieder zu komponieren und auf Englisch geschrieben. Ich bin an der Nordseeküste aufgewachsen, von Hamburger Schule war dort nichts zu spüren.“ Einige alte Ideen blieben hängen, an ihnen bastelte sie weiter. Ihr Englisch ist durchaus eines mit Hang ins ­Artifizielle, ähnlich, wie das Dirk von ­Lowtzow in seinem Projekt Phantom/Ghost macht. Er ist auch Sommers Duettpartner: „Birds of the Night“ heißt das Stück, eine wundervolle, minimalistische Klavierballade, die zwei der feierlichsten Stimmen des Landes effektvoll verbindet.

„Viel davon, wie ich Songs schreibe, kommt von dieser Einfachheit der Sprache. Nicht zu viele Worte benutzen, ohne dumm zu klingen. Auf Deutsch zu texten war für mich zuletzt fast mechanisch. Ich wollte eine Herausforderung. Es war dann aber fast das Gleiche.“ Kein Grund, die Freiheit vom Band-Setting zu noch mehr Experiment zu nutzen, allerdings: „Ich bin eben Songwriterin. Gerade das Klassische am Songwriting mag ich gerne“ – eine Qualität, die Sommer immer seltener geschätzt sieht. „Ich habe das Gefühl, dass Songwriting als Handwerk verschwindet, dass viel über eine Ästhetik läuft, unter der der Song verschwindet. Es verschwindet, dass du etwas schaffst, was immer funktionieren würde. Wenn du das Arrangement veränderst oder wegnimmst, ist da immer noch der Song.“

Reichlich Songs bietet ihr Album „13 Kinds of Happiness“. Einen sogar, zum Finale, dann doch auf Deutsch: „Hierhin kommt der Teufel“, heißt er, klingt kalt und nach Berliner Nacht und doch auch nach einer Schutzhütte im Dreißigjährigen Krieg: Ein guter Song transzendiert nicht nur Inhalte, sondern auch die Zeiten und Emotionen, die er weckt. Bei einer Ausnahme-Musikerin wie Stella Sommer kann er dann eben auch von Käse handeln.

Steffen Greiner