Arabischer Frühling

Für einen Revolutionstourismus!

Die Achillesferse der Revolutionen ist die Wirtschaft. Aber sie kann aktiv unterstützt werden. Zum Beispiel mit einem Urlaub an den Stränden des südlichen Mittelmeers.

Ruhe nach dem revolutionären Sturm – die Touristen bleiben in Ägypten weg.  Bild: Thomas Kauroff

Sollten sich die Lebensumstände in einem halben Jahr in Tunesien nicht deutlich verbessert haben, können Sie uns zur Verantwortung ziehen und ich bin bereit zurückzutreten", sagte der neu gewählte Präsident Tunesiens, Mouncef Marzouki, bei seinem Amtsantritt am 12. Dezember 2011.

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Denn die Wirtschaft ist die Achillesferse des demokratischen Aufbruchs in den arabischen Ländern. Die Arbeitslosigkeit in Tunesien liegt bei 18 Prozent, im Landesinneren ist fast jeder Dritte arbeitslos. Dort war im Januar der Aufstand ausgebrochen, der zur Absetzung des Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali geführt hatte. Der für das Land wichtige Tourismus ist darauf beinahe zum Erliegen gekommen.

Nicht viel besser sieht es in Ägypten aus. Auch hier brachte der Frust der Jungen Mubarak zu Fall - doch nach der Revolution warten die Betroffenen vergebens auf ein besseres Leben. Hauptproblem auch hier die hohe Arbeitslosigkeit. Experten schätzen die Quote auf 30 Prozent, darunter sehr viel Beschäftigte aus dem eingebrochenen Tourismusgeschäft.

Rundgang durch die Medina: In der Altstadt von Tunis kann man der Vergangenheit nachspüren, aber auch jene Orte kennenlernen, an denen 2011 nach jahrzehntelanger Unterdrückung ein Tor in die Zukunft des Landes aufgestoßen wurde. Führungen durch die Medina jeden Samstag von 10 bis 12 Uhr mit Jamila Binous (Historikerin und Urbanistin). Treffpunkt: Kunstgalerie Le Diwan 10, rue dar el Jeld - La Kasbah, Tunis-Medina, Information und Reservation: (+2 16) 22 53 98 08

Avenue Habib Bourguiba: Die Flanierstraße vor den Toren der Altstadt ist seit Monaten offener politischer Raum, wo über Tunesiens politische Zukunft diskutiert wird. Sie wird besucht beim Rundgang durch Tunis "Circuit de la révolution du Jasmin", organisiert von: Expedition voyage,

Tel.: (0 02 16) 20 26 55 26, Facebook: les voyage dexpedition, www.expedition.com.tnexpeditionvoyage@yahoo.com

Denn das erfolgreiche Aufbegehren gegen die totalitären Regime mit den politischen und sozialen Umwälzungen bestrafen die Urlauber mit Enthaltung. Sie fürchten Chaos, Unsicherheit, Unbequemlichkeiten. Obwohl davon nichts in den touristischen Regionen, schon gar nicht in den Urlaubsresorts zu spüren ist. Doch beim Aufbau der neuen Gesellschaftsstrukturen müssen die Menschen dort erleben, dass die Touristen um die einst beliebten Reiseländer derzeit weitestgehend einen Bogen machen. Und damit die wirtschaftliche Situation verschlechtern. Zu diesem Ergebnis kommt nicht nur eine Umfrage des Travel Industry Clubs.

Kein Vertrauen

77 Prozent der im November 2011 befragten 202 Manager des TOP Entscheider-Panels der deutschen Reiseindustrie sind der Meinung, dass Reisende ihr Vertrauen in diese beiden Länder noch nicht wiedergefunden haben. Und 80 Prozent glauben nicht daran, dass Ägypten und Tunesien noch in der Wintersaison 2011/2012 wieder zur alten Stärke zurückkehren werden. 77 Prozent gehen davon aus, dass es noch längere Zeit dauern wird, bis Ägypten und Tunesien wieder als "normale" Reiseländer eingestuft werden.

Dabei sind selbst die bei den Wahlen in Ägypten und Tunesien vorn liegenden Islamisten daran interessiert, dass der Tourismus wieder angekurbelt wird. "Alkoholische Getränke und das Tragen von Badeanzügen sind individuelle Freiheiten, die sowohl Ausländern als auch Tunesiern garantiert sind", stellte Hamadi Dschebali, Generalsekretär der islamischen Partei Tunesiens Ennadha, klar. Der Tourismus sei ein vitaler wirtschaftlicher Sektor Tunesiens. Diesen wolle auch Ennahda nicht lähmen.

Auch die ägyptischen Islamisten gaben sich nach ihrem Sieg bei den ersten Parlamentswahlen im Dezember weltoffen und bekräftigten ihre Unterstützung für die Tourismusbranche. Während die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit der Muslimbrüder in Kairo eine Konferenz mit dem Titel "Stärken wir den Tourismus" organisierte, hielt die salafistische Partei El Nur in Assuan eine Konferenz ab, um Angestellte des Tourismussektors zu beruhigen.

Zugleich besuchten Mitglieder der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit die Pyramiden , um "die Unterstützung der Muslimbrüder für den Tourismus" auszudrücken, während der oberste Führer der islamistischen Bewegung, Mohammed Badie, für Fotos mit Touristen in Luxor posierte.

Der Sprecher von El Nur, Nader Bakkar, sagte dem Satellitensender CBC, seine Partei wolle den Tourismus keineswegs verbieten, sondern stärken. Allerdings strebe sie einen Tourismus gemäß den islamischen Prinzipien an mit nach Geschlechtern getrennten Stränden. Salafisten hatten wiederholt erklärt, Touristen zum Tragen eines Kopftuchs zwingen zu wollen und in den Badeorten Bikini und Alkohol zu verbieten.

Die Moral der Islamisten schreckt Touristen. Möglicherweise fahren sonnenhungrige Urlauber dann doch lieber gleich auf die Kanarischen Inseln. Das wirtschaftlich angeschlagene Spanien profitierte stark von den politischen Umwälzungen in Nordafrika. Die Kanaren verzeichneten mit 7,4 Millionen Touristen zwischen Januar und September ein Besucherplus von 19,7 Prozent.

Dabei sind die Touristenhochburgen des südlichen Mittelmeers in Tunesien und Ägypten sicheres Gebiet. Sie sind saturierte Inseln mit der gewohnten Trink- und Kleiderordnung. Dass dies so bleibt, dazu könnten Reisende mit ihren Devisen, ihrem Lebensstil beitragen. Gerade jetzt. Das wäre ein aktiver, großherziger Beitrag zur Unterstützung der arabischen Revolution und vor allem der Gästeführer, Kellner und Ladenbesitzer, die vom Tourismus leben.

 

In den letzten Jahren hat sich ein vom Terror heimgesuchte Städtchen am Roten Meer von einer Hippie-Oase zum fast normalen Urlaubsort gewandelt. Doch was tun, wenn schon bei der Anreise der Koffer verloren geht?

14. 01. 2012
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