50. Deutscher Historikertag

Vorkämpfer für Urninden und Urninge

Weg mit dem Anti-Homo-Paragraphen 175: Das forderte schon im 19. Jahrhundert Karl Heinrich Ulrichs. Nun wurde er in Göttingen mit einer Gedenktafel geehrt.

Früher Kämpfer, spät gewürdigt: Karl Heinrich Ulrichs. Bild: WikiCommons

GÖTTINGEN taz | Es war eine kleine Veranstaltung in der Göttinger Innenstadt, mit Absicht während des 50. Historikertages an der Universität der niedersächsischen geplant, jedoch nicht als Rahmenprogramm der offiziellen geschichtswissenschaftlichen Erörterungen: Neben dem Alten Rathaus, mit der Adresse Markt 5, ist eine Hinweistafel für Karl Heinrich Ulrichs enthüllt worden.

„Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen“ steht auf der Tafel – und das war Ulrichs in der Tat, wenngleich er schwule Männer (wie man heute sagt) nicht das medizinalisiert klingende Wort „homosexuell“ benutzte, sondern „Urning“, aus dem Griechischem stammend. Lesben hießen „Urninden“.

Ulrichs, 1825 im Ostfriesischen nah bei Aurich geboren, studierte und lebte in Göttingen. Auf dem deutschen Juristentag 1867 forderte er, jedes Sonderstrafgesetz für Gleichgeschlechtliche zu tilgen – er erntete statt wenigstens höflichen Interesse Tumulte der Empörung: Ulrichs war fortan eine Person, die nicht mehr als zurechnungsfähig zu gelten hatte.

Er selbst aber schrieb in seinen Erinnerungen: „Bis an meinen Tod werde ich es mir zum Ruhme an rechnen, daß ich am 29. August 1867 zu München in mir den Muth fand, Aug’ in Auge entgegenzutreten einer tausendjährigen, vieltausendköpfigen, wuthblickenden Hydra, welche mich und meine Naturgenossen wahrlich nur zu lange schon, mit Gift und Geifer bespritzt hat, viele zum Selbstmord trieb, ihr Lebensglück allen vergiftete. Ja, ich bin stolz, daß ich die Kraft fand, der Hydra der öffentlichen Verachtung einen ersten Lanzenstoß in die Weichen zu versetzen.“

Der Paragraph 175 existierte als Straf-, Terror- wie Einschüchterungsinstrument bis 1994. Vor einigen Jahren versuchten Mitglieder des Rats von Göttingen schon einmal, Ulrichs als ehrenwerten Bewohner der Stadt mit einer eigenen Erwähnungen auf einer Straßentafel zu ehren. Das wurde vor allem von den konservativen Mitgliedern abgelehnt, vor allem die explizite Benennung als Homosexuellen.

Bei einer neuerlichen Initiative, so der Stuttgarter Historiker Norman Domeier und Dagmar Schlapeit-Beck, Kulturdezernentin Göttingens, gab es gar keinen Widerspruch mehr: Die Zeiten haben sich offenkundig geändert.

Die Bohème aus Göttingen

Die kleine Zeremonie mit 50 Leuten, die in einem Empfang in der Göttinger Aidshilfe mündete, verwies auf zwei Projekte, von denen eines soeben begonnen hat. Das Straßenschild für Karl Heinrich Ulrichs böte die Chance, etwa auch in dieser Universitätsstadt einen Stadtrundgang zu konzipieren – zu den Orten, die (nicht allein) für ihre schwulen, lesbischen und transidenten Menschen wichtig sein könnte.

Orte der Erinnerung gäbe es genug: In der Nähe Göttingens hat sich seit den frühen achtziger Jahren das queere Tagungshaus der Akademie Waldschlösschen etabliert; das Café Kabale, wo die französischen Chanteuse Barbara 1964 ihr Lied „Göttingen“ verfasste, war auch immer ein Platz für die (homo-)sexuelle Bohème der Gegend; in der Innenstadt wären die Kneipen aufzufinden, in denen jene, denen Ulrichs seine Arbeit widmete, wenigstens kulturelles Asyl fanden. Obendrein könnten an der Universität Göttingen Forschungen zu ihrer Geschichte der Homosexuellen angestrengt werden.

Das zweite Projekt, das die öffentliche Ehrung Ulrichs nahelegt, ist eines, das auf dem 50. Historikertag quasi zur Welt kam: die erste offizielle Sektion zur Homosexuellengeschichte. Die deutsche Geschichtswissenschaft könnte mehr von dieser Art Aufklärung vertragen. In besseren Zeiten wäre dann möglich gewesen, die Ehrung für den ostfriesischen Juristen als Teil des eigenen Tagungsprogramms auszuweisen.

 

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