10 Jahre taz Panter Stiftung

Remmidemmi zwischen den Zeilen

Als Till Kellerhoff das Thema seines taz Panter Workshops „Stadt und Land“ erfuhr, war er erst mal enttäuscht.

TeilnehmerInnen des taz Panter Workshops Nr. 17 Bild: Anja Weber

von Till Kellerhoff

Journalist werden – nach meiner Vorstellung hieß das am Puls der Zeit zu sein, gesellschaftliche Diskurse mitzugestalten und von Berufswegen zum Besserwissen bestimmt zu sein. Zu Beginn meines Studiums schien das der ideale Beruf für mich. Ein guter Nebeneffekt war zudem, den eigenen Namen regelmäßig in der Zeitung zu lesen.

Damals hatte ich bereits einige Artikel für die Regionalzeitung meiner Heimatstadt Coburg geschrieben, mein erster Bericht über das dortige Seniorenfest der Volksmusik war mir besonders in Erinnerung geblieben. Mit meiner Idee vom Journalismus hatte das allerdings weniger zu tun.

Die taz repräsentierte da schon eher das Zeitungswesen nach meinen Vorstellungen. Kritisch und meinungsstark, Ungerechtigkeiten anprangernd, den Konflikt nicht scheuend – im Zweifel auch nicht mit den eigenen LeserInnen. Realisiert hatte ich das bereits einige Monate vor meiner Teilnahme am taz Panter Workshop. Beim taz lab, dem Kongress im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, diskutierte der damals noch nicht deutschlandweit bekannte Journalist Deniz Yücel vom Podium aus lautstark mit dem Publikum. Es ging um den Zusammenhang von Sprache und Diskriminierung. Später schrieb Yücel die polemische Kolumne „Liebe N-Wörter, ihr habt 'nen Knall“, die die emotional geführte Kontroverse über „Political Correctness“ in Sprache abbildete. Ich fand die taz jetzt noch sympathischer.

Genauso langweilig wie Urban Gardening

Dass meine Teilnahme am Panter Workshop im zweiten Anlauf klappte, freute mich also. Als ich Wochen später das Thema der von uns 20 JournalismusanwärterInnen zu produzierenden Zeitungsseiten erfuhr, war ich erst mal enttäuscht. „Stadt und Land“ – ich fand Dörfer genauso langweilig wie Urban Gardening.

Dennoch reiste ich gespannt aus Erfurt, wo ich zu diesem Zeitpunkt Staatswissenschaften studierte, in die Rudi-Dutschke-Straße nach Berlin. Ein herzlicher Empfang der RedakteurInnen und BetreuerInnen gab unserer Gruppe von Anfang an das Gefühl, für ein paar Tage Teil der taz zu sein. Schnell wurden wir ein Redaktionsteam und der Konferenzraum für die nächsten vier Tage ein Zuhause. Besonders wichtig war der Ort rund um die Kaffeemaschine, denn hier entstanden aus vagen Ideen konkrete Konzepte.

Bei der Themenwahl und Gestaltung der vier Zeitungsseiten hatten wir freie Hand, wobei uns die RedakteurInnen und LayouterInnen bei der konkreten Umsetzung unserer Ideen unterstützten.

Eine Reportage über Deutschlands erstes „Bierdorf“

Unser vierköpfiges Team entschied sich, eine Reportage über das Q-Dorf zu schreiben, jener Großraumdiskothek in Berlin, die einst als Deutschlands erstes „Bierdorf“ auf sich aufmerksam gemacht hatte. Das etwas andere „Dorf“, das sich schon im Namen der Diskothek ankündigte, schien uns der passende Ort für eine gute Geschichte.

In einer Partynacht wollten wir Geschichten über den dörflichen Charme inmitten der Hauptstadt finden, wollten den Mythos des Ortes erspüren, der seine besten Zeiten wohl längst hinter sich hatte und sein Publikum nun mit einer Mischung aus Mainstream-Musik und aufdringlicher Dekoration zu halten versuchte.

Bei der Recherche wurde mir schnell klar, dass die Geschichten nicht „auf der Straße“ (und nicht einmal im Q-Dorf) liegen und nur darauf warten, aufgeschrieben zu werden. In die Routine eines Ortes einzutauchen, der für viele Menschen zum alltäglichen Freizeitprogramm gehört, spannende Beobachtungen zu machen, sie in eine lesenswerte Geschichte zu packen, das bedurfte nicht nur eines scharfen Blickes, sondern vor allem ausgeprägter handwerklicher journalistischer Fähigkeiten.

Darauf hatte mich meine Berichterstattung über das Coburger Seniorenfest der Volksmusik nicht vorbereitet.

Ich tat mich schwer mit der Verdichtung des Erlebten zu einer interessanten Darstellung. Auch steckte uns die vorangegangene Nacht noch in den Knochen. Den ganzen Tag arbeiteten wir angestrengt daran, vier subjektive Erfahrungen zu einem Artikel zusammenzufügen. Beeindruckt war ich von unserer Tutorin, die uns mit vielen klugen Ratschlägen half, aus den vielen einzelnen Gedanken und Passagen einen passablen Artikel unter dem Titel „Remmi Demmi Deluxe“ zu produzieren.

Auch wenn wir mit unserer Reportage aus dem Q-Dorf wohl doch nicht am Puls der Zeit waren und auch nicht den gesellschaftlichen Diskurs mitgestaltet haben, die Teilnahme am taz Panter Workshop hat mich an die Lebenswirklichkeit von JournalistInnen herangeführt.

Und meinen eigenen Namen habe ich dann auch noch in der Zeitung gelesen.

Dieser Beitrag stammt aus der Publikation 10 Jahre taz Panter Stiftung.