Christen im Irak

Die Tage sind gezählt

Seit dem Sturz des Saddam-Regimes sind zehntausende Christen aus dem Irak geflohen. Der Exodus hält an. "Was immer die Muslime sagen, sie akzeptieren uns nicht", sagt ein Christ.

Irakische Christen beim Weihnachtsgottesdienst: "Jetzt sind wir hier sicher, aber wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht."  Bild: dpa

HAWRESK taz |Es ist, als wolle der Messdiener nicht nur Gott ehren, sondern gleich auch all die bösen Geister vertreiben, die über der versammelten Gemeinde schweben. So inbrünstig schwenkt er den Weihrauchkessel. Jedes Mal klappert die Kette des Kessels wie helles Glockengeläut. Eine dicke Rauchwolke steigt auf und würzig-herb breitet sich der Geruch des Weihrauchs auf dem Dorfplatz aus. Aus dem ganzen Nordirak sind Armenier in diesen einsamen Weiler bei Dohuk angereist, um an der Grundsteinlegung für eine Kirche teilzunehmen. Nicht den Ermordeten und Entführten sollen die Gedanken heute gehören, sondern dem Glauben an eine Zukunft.

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Vor einem offenen Zelt ist eine lange Tischreihe aufgestellt. Weinrote Frotteehandtücher bedecken den provisorischen Altar; neben einem Kreuz, Kerzenleuchtern, der Bibel und einem Spitzendeckchen mit Ölen stehen Wasserflaschen und eine Schachtel mit Papiertüchern. Dahinter türmt sich braunrot die ausgehobene Erde auf.

Begleitet vom Geläut des Weihrauchkessels stimmt die Gemeinde ein Kirchenlied an. Melancholisch breitet sich der armenische Gesang über die trockene Hügellandschaft. Nacheinander treten Männer mit Steinen in den Händen vor den Erzbischof, der eigens aus Bagdad gekommen ist. Priester waschen die Steine, dann salbt sie der Erzbischof und hüllt sie in ein symbolisches Leichentuch. In einer Prozession zieht die Gemeinde dann zur künftigen Kirche, wo halbwüchsige Buben die Steine in angerührtem Zement verankern.

Die Urchristen: Nach Israel und Juda sind Mesopotamien, Assyrien und Babylonien, also der heutige Irak, die am häufigsten genannten Schauplätze in der Bibel. Abraham wurde in Ur, dem damals sumerischen Chaldäa, im heutigen Südirak geboren. Die Christen im Irak verstehen sich deshalb bis heute als die eigentliche Urbevölkerung des Irak.

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Christen heute: Aufgrund der vielen Kirchenspaltungen gibt es heute mindestens acht verschiedene christliche Konfessionen im Irak. Die größte Glaubensgemeinschaft bilden die Chaldäer, die sich im 17. Jahrhundert mit Rom unierten. Ihnen folgen die Assyrer, die der Assyrischen Kirche des Ostens und der Alten Kirche des Ostens angehören. Weitere wichtige Konfessionen sind die Syrisch-Orthodoxe, die Syrisch-Katholische sowie die Armenisch-Apostolische und die Armenisch-Katholische Kirche. Darüber hinaus gibt es in Bagdad auch eine kleine lutherische Gemeinde.

"Wir bauen die Kirche", sagt Erzbischof Avak Asadourian in seiner Predigt. "Aber ihr seid es, die sie mit Leben erfüllen." Ob sich der Wunsch des armenisch-apostolischen Geistlichen erfüllt, ist ungewiss. Die letzten amerikanischen Kampftruppen, die Ende August abziehen, hinterlassen ein Land, dessen Christen um ihre Existenz fürchten.

"Ich bin heute sehr, sehr glücklich", sagt Ankin Setrak. "Ich habe mir schon lange eine Kirche gewünscht." Mit einer lässigen Handbewegung schiebt sich die Mittdreißigerin ihre Sonnenbrille in ihre dunkelblonde Mähne. Setrak stammt aus aus Mossul, mit ihrem Mann wohnte sie in Bagdad. Bis vor eineinhalb Jahren, als Unbekannte auf den Wagen ihres Mannes schossen. "Wir überlegten nicht lange, packten unsere Sachen und flohen hierher", sagt Setrak. Der Vater war schon zwei Jahre davor aus Mossul geflohen, nachdem Extremisten sein Werbebüro bombardiert und 25.000 Dollar Schutzgeld erpresst hatten. Geschichten wie die Setraks hört man viele in Hawresk.

Jetzt wohnt Setrak mit ihrem Mann in einer Reihensiedlung. 115 Häuser mit Flachdach - zwei Zimmer, Küche, Bad. Ein Haus sieht wie das andere aus, betonierte Gleichförmigkeit gegen die Not. Es gibt ein Gemeindehaus für Totenfeiern und Hochzeiten. Doch Hochzeiten gibt es selten. Die Gemeinden der Armenier wie die aller Christen im Irak schrumpfen. Die Sicherheitslage hat sich in den letzten Jahren verbessert, aber das heißt nur, dass nicht mehr so viele Menschen getötet werden wie vor drei Jahren, aber immer noch so viele, dass es nur ein Schritt bis zum nächsten Abgrund ist.

Vor fast hundert Jahren suchten Armenier schon einmal Zuflucht in Hawresk. Das Osmanische Reich war zerfallen, und im Nahen Osten begann das Jahrhundert des Nationalismus und Islamismus, der Autokraten, Diktatoren und der Kriege. Mit dem sunnitischen Großreich zerbrach ein System, in dem die Christen und Juden zwar keine gleichberechtigten Bürger waren, in dem sie in religiösen und kulturellen Angelegenheiten aber weitgehend freie Hand hatten. Den Auftakt bildeten die Massaker an den Armeniern in den Jahren 1894 bis 1896, verübt von den Hamidije-Regimentern, einer vom Sultan aufgestellten kurdischen Stammesmiliz. Zehn Jahre später begingen die nationalistischen Jungtürken den ersten Massenmord des Jahrhunderts.

Überlebende der Todesmärsche retteten sich nach Syrien und in den Irak. In Hawresk eröffneten sie später eine Schule. "23. 5. 1923", hat jemand mit roter Farbe an die Mauer des halbverfallenen Gebäudes gepinselt. Gerettet hatten sich damals auch die Großeltern von Akin Setrak und von Eschkhan Sarkisian, heute Gemeindevorsteher der Armenier in Sacho, der Grenzstadt zur Türkei.

Als Setrak in ihrem Wohnzimmer sitzt, ist die Freude plötzlich wie weggeblasen. "Früher lebten hier auch Juden", sagt Setrak. "Juden gibt es heute keine mehr, genauso wird es auch uns Christen ergehen." Sarkisian, ein stämmiger Mann mit lustigen Augen, stemmt sich seit Jahren gegen den Mitgliederschwund in seiner Gemeinde. Vergeblich. "Vor allem die Jungen gehen, und ohne die Jugend gibt es auch keine Zukunft", sagt Sarkasian. Sie fliehen nach Amerika, Australien und Europa. Früher habe es in Sacho dreihundert armenische Familien gegeben. "Heute sind es noch sechzig."

Wie den Armeniern geht es allen christlichen Konfessionen im Irak. Besonders hart trifft es katholische Chaldäer und Assyrer, die sich als Nachfahren der irakischen Ureinwohner verstehen. Wie viele Christen es heute noch gibt, weiß niemand genau. Vor dem Krieg 2003 sollen es noch mehr als eine Million gewesen sein. Auf knapp 294.000 beziffert das päpstliche Jahrbuch von 2009 die Zahl der Katholiken, die mit mehr als achtzig Prozent die Mehrheit unter den mindestens acht verschiedenen Kirchen bilden. Das wären weniger als 1 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die Gründe für den Exodus sind vielfältig. Aber wie zu Zeiten des Osmanischen Reichs steht heute das multireligiöse und -kulturelle Erbe eines Landes auf dem Spiel. Saddam Hussein hatte den Christen eine Zeitlang Sicherheit gewährt. Vor der Zerstörung von Kirchen und Dörfern machte freilich auch der Diktator nicht halt - Hawresk war eines davon. Mit dem Versprechen des Säkularismus seiner Baath-Partei, das die Christen anzog, war es am Ende nicht weit her.

Heute streiten sich Schiiten und Sunniten, Araber und Kurden um die Erbmasse von Saddams Diktatur - mit ungewissem Ausgang. "Zwei Iraker, drei Meinungen", sagt ein irakisches Sprichwort. Furcht und gegenseitiges Misstrauen, ohnehin tief verankert, bestimmen heute die Politik. Die Kirchen könnten deshalb nur bestehen, wenn sie möglichst weit Abstand zur Politik hielten, sagt Baschar Matte Warda. Warda, chaldäischer Erzbischof in Ainkawa bei Erbil, ist ein bedächtiger Mann. Lange überlegt er, bevor er die Frage beantwortet, ob es für die Christen eine Zukunft gebe. "Wir waren lange vor den Amerikanern und sogar lange vor den Muslimen hier", sagt Warda schließlich. "Aber ich mache mir Sorgen, Ja." Wenn der Exodus anhalte, werde es zwar auch noch in fünfzig Jahren Christengemeinden geben, aber sie würden dann im Geburtsland von Abraham keine Bedeutung mehr haben. Um zu verhindern, müssten die Kirchen auch die Spaltung untereinander überwinden, sagt Warda. "Nur so können wir uns Gehör verschaffen." Der Zwist der Kirchen untereinander geht so weit, dass selbst gemischte Ehen kaum möglich sind. Da die Kinder immer der Konfession des Vaters angehören, wacht jede Gemeinschaft eifersüchtig darüber, keine Mitglieder zu verlieren. Zumal die Christen schon demografisch mit den Muslimen nicht mithalten können.

Gegenüber den Muslimen setzt Warda vor allem auf Bildung. "Die Muslime schätzen unsere Schulen", sagt Warda, der selbst jahrelang eine Schule in Bagdad geleitet hat. "Wenn jemand zwölf Jahre eine Schule besucht hat, hinterlässt das Spuren. Damit legt man eine Basis, auf der man aufbauen kann." Darüber hinaus würden die Kirchen so auch Arbeitsplätze schaffen. Auch die soziale Not, besonders unter den Vertriebenen, ist ein Grund, warum Christen den Irak verlassen. "Wir können sie nicht zum Bleiben auffordern, wenn wir ihnen keine Perspektive bieten", sagt Warda.

In Hawresk ist es wieder still geworden. Gelb und ockerfarben breiten sich die Felder in der Ebene Richtung Süden aus. Irgendwo dort liegt Mossul. Nach Norden hin erheben sich in der flirrenden Mittagshitze graubraun die Berge Kurdistans. Ankin Setrak steht in der Küche und brüht einen arabischen Mokka auf. Sie fühlt sich hier im kurdisch regierten Nordirak sicher, sie hat sogar wieder Arbeit gefunden. Trotzdem will sie weg. Auch ihre beste Freundin will den Irak verlassen. "Je schneller, umso besser", sagt sie.

Dabei ist es nicht nur der anhaltende Terror von islamischen Extremisten, den die Christen fürchten. Auch den Kurden trauen viele nicht. Mehrere tausend Christen sind in den letzten Jahren nach Kurdistan geflohen. Sie können hier ihren Glauben frei leben und erhalten auch sonst Unterstützung von der kurdischen Regierung in Erbil.

IRAK taz | Gleichzeitig liegen die Kurden jedoch mit den Arabern im Dauerkonflikt um die Ninive-Ebene südlich von Hawresk. Für die Christen ist das Land ihrer Vorväter, die hier einst das Assyrer-Reich errichten hatten. Die meisten wollen in dem Gebiet, in dem heute auch andere Minderheiten leben, eine Autonomie. Wie diese aussehen und ob die zuständige Regierung Bagdad oder Erbil sein soll, ist jedoch umstritten. Christen beschuldigen die Kurden, den Konflikt zu schüren und auch hinter einem Teil der Gewalt in Mossul zu stecken. Die Kurden bestreiten dies.

Gedankenverloren streicht Akin Setrak ein beiges Plastikdeckchen auf dem Wohnzimmertisch glatt. Es riecht nach Kaffee. "Jetzt sind wir hier sicher", sagt sie, "aber wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht." Selbst Eschchan Sarkisian, der als Einziger den Irak nicht verlassen will, glaubt, dass die Tage der Christen im Irak gezählt sind. "Was immer die Muslime sagen, im Kern akzeptieren sie uns nicht", sagt Sarkisian. "Am Ende wollen sie, dass wir Christen ebenfalls Muslime werden."

 

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