Max Raabe über Musik, Gefühle und Israel

"Nennen Sie mir ein Arschloch!"

Max Raabe interpretiert erstmals nicht die Musik der Weimarer Republik, sondern Texte von Annette Humpe. Der Künstler spricht über sein Album "Küssen kann man nicht alleine".

Der Mann mit dem Einstecktuch. Bild: dapd

taz: Herr Raabe, wann haben Sie zuletzt Jeans getragen?

Max Raabe: Ich glaube, mit 16. Da wurde ich ein Cordhosenvertreter. Vielleicht war ich sogar noch jünger.

Und wann haben Sie zum ersten Mal ein Einstecktuch getragen?

Nach der Schulzeit, als ich nach Berlin gekommen bin. Ich kannte das von meinem Vater und vor allem von meinen Onkels. Man will ja nicht so sein wie seine Onkels, aber irgendwann habe ich trotzdem angefangen, ein Einstecktuch zu tragen. Das war gar keine bewusste Entscheidung, ich habe mich einfach an meinem Umfeld orientiert.

Lünen: 1962 im Westfälischen geboren, Kirchenkinderchor, Schulzeit am katholischen Clemens-Hofbauer-Kolleg, vorm Abi vom Internat gefloge.

Berlin: Dort lebt er, seit er 20 ist. Dort studierte er ab 1988 Gesang an der Hochschule der Künste und gründete bereits 1986 das Palast-Orchester, seine Begleitband bis heute, mit der er vor allem Lieder der 20er und 30er interpretiert.

Die Welt: 2005 trat er erstmals in der New Yorker Carnegie Hall auf, 2010 tourte er durch Israel.

Stimmt es, dass Sie kurz vor dem Abi von der Schule geflogen sind?

Man hat mir nahe gelegt, das Institut zu verlassen, ja. Ich hatte eine Fünf in Mathe und eine in Griechisch - und habe durch Arglosigkeit bestochen, indem ich kurz vor der Nachprüfung einen Monat lang nach Wien gefahren bin, um mal zu gucken, was denn die Bedingungen sind, aufs Max-Reinhardt-Seminar zu kommen. Das wurde von der Schule als Desinteresse gewertet, verständlicherweise. Das ist mir ein bisschen peinlich - woher wissen Sie denn so was?

Sie wollten also ursprünglich Schauspieler werden?

Nein. Ich sag jetzt einfach mal Nein, weil mir das sonst zu heiß wird hier. Meine Güte: Man sucht halt als junger Mensch seinen Platz in der Welt.

Max Raabe ist Ihr Künstlername, ist Max Raabe also eine Rolle, eine Bühnenfigur?

Das, was ich auf der Bühne mache, bin ich mehr, als ich mir anfangs zugestanden habe. Alles, was ich heute mache, ist während des Studiums in einer ganz unaufgeregten Zeit entstanden, frei von jedwedem Erfolgsdruck. Wir waren ja im Grunde eine Studentenband und gingen davon aus, dass wir uns am Ende des Studiums auflösen würden, um als Musiker in anderen Zusammenhängen zu arbeiten. Ich hätte an der Oper vorgesungen.

Aber es kam anders.

Schuld daran ist das Stück "Kein Schwein ruft mich an", das ich aus Jux geschrieben habe und das plötzlich die Fahrkarte war für Konzerte in Westdeutschland und Fernsehauftritte. Bei den ersten Konzerten Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre haben wir uns über unseren Auftritt gar keine großen Gedanken gemacht. Klar war nur: Zuerst tritt das Orchester auf, dann komm ich auf die Bühne, gehe ans Mikrofon und singe. Und auf einmal kamen die Leute an und sagten: Das ist ja toll, sie hampeln gar nicht herum, stehen einfach nur da. Und dann hab ich das natürlich beibehalten und sogar ein bisschen kultiviert.

Ein überwältigter Max Raabe wäre also undenkbar?

Nach besonders wichtigen oder besonders gelungenen Konzerten hopsen wir wie die Irren herum und umarmen uns.

Aber erst hinter der Bühne.

Selbstverständlich. Und bevor wir dann wieder rausgehen, ruckeln wir unsere Smokings zurecht und nehmen das Grinsen aus dem Gesicht. Diese distanzierte Haltung liegt mir mehr, als jeden Abend zu demonstrieren, was für einen irren Spaß ich doch habe. Außerdem kann man viel frecher sein, wenn man sich selbst den Anstrich einer Seriosität verleiht.

Ein Beispiel?

In einer Moderation habe ich mal gesagt: "Liebeslieder sind sehr beliebt. Man kann sie beliebig oft hören - auch bei der Arbeit. Während man bei der Liebe selten Arbeiterlieder hört." Das hat im Smoking eine ganz andere Wirkung als im Sweatshirt.

Das Einzige, was sich bei Ihnen auf der Bühne bewegt, ist Ihre Augenbraue. Und auch die nur sehr dezent.

Man darf das nicht übertreiben. Auf den ganz frühen Aufnahmen habe ich auch noch ein bisschen zu sehr das "r" gerollt, weil die Leute von der Plattenfirma das so wollten. Das habe ich mir abgewöhnt.

Wie viel Arbeit macht es, Max Raabe zu sein?

Gar keine. Es macht Arbeit, Stücke zu suchen und zu proben. Das ist aber gute Arbeit. Und es macht Arbeit, morgens um fünf aufzustehen, damit man den ersten Flieger kriegt. Oder irgendwo stundenlang rumzuhängen, weil ein Flieger ausfällt. Oder festzustellen, dass die Eisenbahn nicht fährt, weil es 5 Grad minus sind. Das nervt. Aber alles andere ist mein Hobby, das ich zum Beruf gemacht habe. Das ist so, als ob ich mit Briefmarkensammeln Geld verdienen könnte.

Ihr neues Album "Küssen kann man nicht alleine", Ihr erstes nur mit Eigenkompositionen, haben Sie gemeinsam mit Annette Humpe geschrieben, die musikalisch aus einer ganz anderen Ecke kommt als Sie. Haben Sie das als Wagnis empfunden?

Zunächst habe ich sie ja nur gefragt, ob wir nicht mal ein Stück zusammen schreiben wollen, weil ich ihre Texte so großartig finde. Ihre Sachen von Ideal haben ja auch was von der Schrägheit der 20er Jahre. Und ausgehend von der Zeile "Küssen man nicht alleine", die Annette beim Radfahren eingefallen ist, haben wir dann das erste Lied geschrieben und uns dabei beschnuppert. Und als das fertig war, hatten wir die Idee für ein zweites. Und dann für ein drittes. Und beim dritten Stück war das vierte schon im Raum. Plötzlich schrieben wir ein Album. Geplant war das nicht. Was mich an dem Ergebnis so glücklich macht: Es ist kein Bruch. Es ist meine Haltung und mein Humor, den ich sonst immer im Original gesucht habe und auch weiter suchen werde. Und zugleich ist es markant anders, heutiger als die Originale. Wir haben Max Raabe in die Gegenwart gebracht - ohne ihn zu verraten.

Sie haben einen ganz genauen Blick dafür, was zu Max Raabe passt und was nicht. Wie viel Kampf war die Zusammenarbeit mit einer der profiliertesten deutschen Songschreiberinnen und Produzentinnen?

Der einzige Kampf, den es gab, war der gemeinsame um Formulierungen, um Wörter. Annette hat gesagt: "So kann man das heute nicht mehr sagen." Und ich habe entgegnet: "Nö! Wieso?" Dann hat sie es begründet und ich musste ihr oft Recht geben. So unterschiedlich die Ecken sind, aus denen wir kommen, so viele Gemeinsamkeiten haben wir letztlich auch: unsere Lust an der Ironie etwa. Annette war selig, dass sie endlich mal ironisch sein durfte. Ich + Ich ist frei davon wie die Popmusik überhaupt, die immer klare, ehrliche, große Gefühle zeigen muss. Und ich kann große Gefühle zeigen, sie aber auch brechen. Wenn ich zu viel Kuchen gegessen habe, schiebe ich den Teller zur Seite und dann kommt das Salzgebäck.

Wem fühlen Sie sich näher? Lady Gaga oder Carmen Nebel?

Ich würde lieber ein Abendessen mit Lady Gaga verbringen.

Aber bei Carmen Nebel aufgetreten sind Sie auch schon mal.

Das würde ich auch jederzeit wieder machen. Das ist eine wirklich nette Person. Sie finden bei diesen ganzen Showgrößen und Schlagersängern auch keine Arschlöcher. Auch Größenwahn oder Arroganz habe ich nie beobachtet.

Ist das Ihr Ernst?

Nennen Sie mir ein Arschloch! Da bin ich sehr gespannt.

Keine besonders hohe Meinung habe ich zum Beispiel von Johannes B. Kerner.

Ich kenne den Mann nicht persönlich. Aber meinen Sie, mit diesem Stempel würde man ihm gerecht?

In der Deutlichkeit wohl eher nicht.

Ich habe auch meinen Knall, wie Ihnen die Kollegen vom Palast-Orchester sicherlich gern bestätigen werden.

Bevor Sie 2010 für einige Konzerte nach Israel gereist sind, haben Sie Marcel Reich-Ranicki angerufen und ihn gefragt, ob er das für eine gute Idee hält. Warum ausgerechnet ihn?

Weil ich Reich-Ranicki kenne, er schon oft in meinen Konzerten war und ich in diesem Zusammenhang Gelegenheit hatte, mich mit ihm über Juden in der Unterhaltungsmusik der Weimarer Republik auszutauschen.

Und was hat er gesagt?

"Fahren Sie! Fahren Sie!"

Und wenn er gesagt hätte: "Lassen Sie den Quatsch"?

Dann wäre ich wohl trotzdem gefahren. Aber interessiert hat es mich schon.

Begreifen Sie es eigentlich als politische Mission …

… nein …

Ich meine nicht die Reise nach Israel, sondern das Erinnern an eine deutsch-jüdische Tradition des Liedermachens in den 20er und 30er Jahren, die von den Nazis zerstört wurde.

Auch nicht. Ich singe Lieder von Juden, weil sie gut sind, nicht um ihres Schicksals willen. Das habe ich schon mit 12 Jahren bei Zeltfreizeiten auf bunten Abenden gemacht. Und dann hab ich natürlich recht bald mitbekommen, dass viele Stückeschreiber nach 1933 nicht mehr auftauchen, und meine Schlüsse draus gezogen: Was für eine unglaubliche Sauerei! Meine klare Haltung dazu mache ich aber auf Konzerten nie zum Thema. Die Stücke sollen für sich stehen. Und wenn eins nicht ankommt, ist es wieder draußen - egal ob der Komponist Christ war oder Jude.

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