Ende der Sommerpause: Ab Freitag läuft die "heute Show" wieder - mit Hajo Heist als Gernot Hassknecht. Im wahren Leben ist der Schauspieler Lokalpolitiker. Ein Besuch in Pfungstadt.von Anne Haeming

Der bekannteste Nachrichtenkommentator der Republik: Gernot Hassknecht bebrüllt in der "heute-show" die aktuelle Nachrichtenlage. Bild: screenshot Youtube
"Da wird gerade der Bahnhof gebaut", Hajo Heist deutet durch die Frontscheibe auf eine Baustelle, wo Arbeiter an Kiesbergen schaufeln, und fährt langsam weiter. Ab Dezember ist Pfungstadt wieder über eine Bahnlinie erreichbar, endlich, direkt vom Hauptbahnhof Darmstadt. Überhaupt, der fehlende Öffentliche Nahverkehr: Erst am Tag zuvor hatte die Stadtverordnetenversammlung wieder über das Anrufsammeltaxi-Netzwerk beraten, das bald starten soll.
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Heist kurvt um die Ecke, deutet auf eine alte Industriellenvilla, sie gehörte dem Bruder von Schriftsteller Georg Büchner, "die haben wir so restauriert, wie sie war", erzählt er. "Das Schwimmbad wird umgebaut, wir setzen da jetzt auf Wellness. Wir wollen die Stadt für Familien attraktiv machen", ein großes Neubaugebiet wurde gerade freigegeben. "Wir", das ist die Pfungstädter SPD, stärkste Fraktion im Kommunalparlament, Heist hat einen der Sitze. "Wir haben das auf den Weg gebracht", sagt er im schönsten Politikersprech, das einem in politischen Satiresendungen gerne um die Ohren gehauen wird.
Gernot Hassknecht wäre da sicher auch nicht zimperlich. Hassknecht ist der "Kommentator" in der ZDF-Politsatire "heute Show" mit Oliver Welke. Und Heist ist Hassknecht, an den meisten Freitagen jedenfalls. Er ist bekannt für seine cholerischen Ausbrüche. Der Mann aber, der da nun durch die Kleinstadt in Südhessen fährt, vorbei am Rathaus und am Eiscafé Rialto, der zwischendurch ruft: "Oh, da fährt ein anderer Stadtverordneter", dieser Mann mag zwar eine kleine goldene Maske am Revers tragen, doch gerade ist er kein Schauspieler. Er gibt sich ganz gelassen, zeigt seine Stadt als Lokalpolitiker und Mitglied des Ausschusses für "Gedöns", wie sein Genosse Gerhard Schröder es einst nannte, also Kultur, Soziales, Familie, Frauen und so weiter.
Pfungstadt hat knapp 25.000 Einwohner, Heist wohnt in einem der eingemeindeten Dörfer. Mit Geranien am Balkon und rotblühenden Sonnenblumen im Vorgarten, ein Wahlkampfgag seiner SPD. Er ist in der Nähe aufgewachsen, vor 25 Jahren zog er mit seiner Familie her und schloss gleich für alle eine Mitgliedschaft im Sportverein ab. Er wollte mittendrin sein.
Und das ist er. Seit 2006 sitzt er in der Stadtverordnetenversammlung, der Bürgermeister hatte gefragt, ob er nicht Lust habe; anfangs parteilos, später trat Heist in die SPD ein. Die SPD regiert hier schon so lange, dass sich keiner daran erinnern kann, wann es anders war. Bei den Kommunalwahlen im März holte sie fast 45 Prozent.
Es ist so ländlich hier, die Straßen haben nicht einmal einen Mittelstreifen. Am Straßenrand beugt sich ein Mann über den Rinnstein und harkt das Unkraut aus der Rille. So idyllisch wie der Anfang jedes Auftritts von Gernot Hassknecht. Dann, wenn er mit dem Timbre eines Märchenonkels säuselt - bevor er von einer Sekunde auf die andere die Brüllerei einschaltet. Die Augen klein wie Knöpfe, der Mund spucketriefend groß und rund, der Kopf, der sich langsam in ein grelles Alarmrot wechselnd. Jäh unterbrochen von einem alten ZDF-Störbild und Fahrstuhlmusik, Ende. Das alles dauert meist nur eine Minute, anderthalb. "Es hat mich erstaunt, dass die Figur so populär wurde", hatte Heist vor der Rundfahrt durch Pfungstadt über einen Teller Saltimbocca gebeugt gesagt. Mit Michele, dem Besitzer des italienischen Restaurants in Darmstadt, ist er seit 20 Jahren befreundet, das hier sei sein zweites Wohnzimmer. "Man muss sich über Politik auch aufregen, denn wenn man etwas wohldosiert und sachlich formuliert, wird man nicht mehr gehört", sagt Heist. "Die Politiker sind ja nicht mehr emotional wie früher, keiner geht mehr aus sich heraus".
Ob Thilo Sarrazin, die Grünen oder das iPad, alles kommt bei Hassknecht dran. Den Steuernachlass für Hotels, den die FDP durchsetzte, kommentierte er mit einem "Hallo Guido, ich hätte gerne einmal den reduzierten Steuersatz und einen kleinen Bauernsalat", Heist hält sich die Finger zum Telefon gespreizt ans Ohr und rezitiert. Bei einem Jahr Schwarz-Gelb kreischte, brüllte, jaulte er nur, 32 lange Sekunden lang. Diese Ausbrüche wirken für Zuschauer wie eine Ersatz-Katharsis.
Maybrit Illner zeigte einen seiner Kommentare als Einspieler, im "heute journal" lief ein Portrait über Heist. Bei Youtube wurden einige Clips über 100.000 Mal abgerufen, Fans machen ihn in Filmchen nach. Dass die Figur so gut funktioniert, liegt nicht nur daran, dass Hassknecht jedes Mal zu kollabieren droht. Dass ein kleiner, kompakter Herr mit rötlichen Haarbüscheln ein "Da kotz' ich doch im Strahl!" hinrotzt, das ist ungewohnt. Und bei einem TV-Kommentator erst recht. Er selbst höre sich mittlerweile die Kommentare im Fernsehen tatsächlich konzentriert an, erzählt er, kennt die Kollegen nach Sendern; die wenigen Frauen darunter, ist ihm aufgefallen, scheinen ihm bissiger.
Gernot Hassknecht sieht aus wie einer von ihnen. Er trägt Anzug und Krawatte, die Insignien journalistischer TV-Seriosität. Keine zu großen Jacketts oder alberne Muster. "Er ist keine Karikatur und keine Persiflage", sagt Heist über seine Rolle, glaubhaft solle sie sein. Wie authentisch Heist den Hassknecht gibt, merkt man schon allein daran, dass leitende Zeitungsredakteure "Gernot Hassknecht" für einen Journalisten halten. Selbst Moderatorin Dunja Hayali musste in einem Interview im ZDF-Morgenmagazin mit Heist verblüfft feststellen, dass er seine Texte nicht selbst schreibt. Die sind von "heute show"-Frontmann Oliver Welke und dem Autorenteam um Morten Kühne.
Heist fährt Minivan. Kein typisches Auto für einen 62-Jährigen. "Ich brauche ihn für meine Auftritte", sagt er, für die Kostüme, die Beleuchtung, die Technik, die Dekoration, wenn er mit seinen Stücken von Off-Theater zu Kulturzentrum zu Gemeindesaal fährt. "Der Kontrabass" von Patrik Süskind, seine "Heinz Erhardt"-Hommage, lauter Ein-Personen-Stücke. Eine Strategie. Als One-Man-Show muss er nicht nur die Gage nicht durch mehrere Personen teilen, er ist terminlich ungebunden: "Ich wollte nie wieder in Abhängigkeiten geraten. Ich will selbst entscheiden, was ich tun will", erklärt er. Hauptsache "maximale Flexibilität".
Das war schon so nach seiner Ausbildung zum Installateur, als er Bauingenieurwesen studierte und dann merkte, dass ihm die Vorlesungen auf den Geist gehen. Er wollte lieber Theater spielen, was er nebenher an einer kleinen Darmstädter Bühne tat, bei der er bis heute regelmäßig auftritt. Er schmiss hin, ging auf die Schauspielschule, fuhr Taxi, bekam ein Engagement am Volkstheater in Frankfurt, Heist konnte sein Talent für Dialekte ausleben. Die Anfragen vom Fernsehen häuften sich. Beides zu koordinieren entpuppte sich als komplex. Heist machte wieder einen Schnitt, der "maximalen Flexibilität" wegen. Doch dann kam nichts mehr. "Da saß ich und wartete und wartete. Es war wie abgeschnitten." Er tingelte mit seinem selbst geschriebenen Kinderstück durch Kindergärten. Schließlich trudelten wieder TV-Rollen ein. Er war fest bei den "Drombuschs", bis 2005 Kommissar Zapotek bei "SOKO Köln", er war Norbert Blüm im Biopic über Helmut Kohl, spielte im Dritt-Reich-Drama "John Rabe". Dazwischen immer wieder bei "Ein Fall für Zwei", "Tatort", als Taxifahrer, Polizist.
Heist fährt an einer Schule vorbei, "hier", zeigt auf den Hof, "haben wir mein Stück inszeniert". Er leitet eine der örtlichen Theatergruppen, zum 1225. Geburtstag schrieb er der Stadt ein Stück, die Geschichte hatte er im Stadtarchiv ausgegraben - die halbe Stadt war eingebunden. Vor ein paar Tagen war Feuerwehrfest in Pfungstadt, ein neuer Löschzug wurde feierlich übergeben, der Landrat war da, Heist auch, man muss Gesicht zeigen als Kommunalpolitiker. Das Klein-Klein der Lokalpolitik ist handfest, man kann etwas erreichen. Und wenn es ein Anrufsammeltaxi-System mit 80 Haltestellen ist. Das Klein-Klein der Bundespolitik, es ist so schwammig, dass es Satireformate gibt, die sich genau diesen abstrakten Brei vorknöpfen. Die meisten müssen sich entscheiden. Heist nicht.
Die "heute Show" startet am Freitag um 22:30 Uhr aus der Sommerpause.
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Leserkommentare
16.09.2011 15:41 | Janina
Witzig ist die ganze Sendung nicht, satitrisch allemal nicht!!! Warum sie Lob und Preise bekommt, kann ich mir nicht erklär ...
16.09.2011 11:17 | Ger-NOT
Gernot Hassknecht nervt. Da kann man eigentlich nur noch den Ton ausstellen. Immer wieder das gleiche 08/15-Muster... Witz ...