Das Theater funktioniert wie ein Wirtschaftsbetrieb, ist aber eine eigene Welt. Das zeigt das Stück "Die Vorstellung" am Schauspiel Hannover.von Klaus Irler

Unter Live-Bedingungen: Bühnentechniker Eric Bornemann in "Die Vorstellung". Bild: dpa
HANNOVER taz | Oben in der Chefetage geht es wie in allen Chefetagen der Welt um Zahlen. Die Zahlen stehen in Computern, sie bezeichnen Ausgaben und Einnahmen und lassen sich per Mausklick aufrufen. Der Mann, der das tut, trägt einen Lodenmantel zum grauen Seitenscheitel. Er könnte mit Aktien oder Containerschiffen befasst sein. Ist er aber nicht: Der Mann heißt Jürgen Braasch, er ist der Verwaltungsdirektor des Niedersächsischen Staatstheaters und sein Job ist die Finanzierung von Bühnenkunst.
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An diesem Abend steht Jürgen Braasch vor der Oper in Hannover und berichtet von seiner Arbeit. Über 1.000 Mitarbeiter habe das Niedersächsische Staatstheater, also Oper und Schauspiel zusammen. 30.000 Euro an Krankheitskosten fielen schon mal in einem einzigen Monat allein in der Oper an – gemeint sind die Kosten für Vertretungen, die mitunter eingeflogen werden müssen. 103.000 Euro habe die Inszenierung von Henrik Ibsens „Nora“ gekostet, die gerade im Schauspielhaus läuft – die laufenden Gehälter der Beteiligten nicht eingerechnet.
Jürgen Braaschs Bericht ist die Ouvertüre zu einem außergewöhnlichen Theaterabend, der leider nur an wenigen Terminen am Schauspiel Hannover stattfindet. Parallel zur programmgemäßen Aufführung von „Nora“ werden 15 Zuschauer von verschiedenen Mitarbeitern durch das Haus geführt. Alle Beteiligten erzählen den Zuschauern von ihrer Arbeit und ihren Gedanken dazu. Die Führung heißt „Die Vorstellung“ und ist zu verstehen als inszenierte Führung mit hohem Realitätsgehalt.
Auf Braasch folgt der Ex-Orchestermusiker Ralf Pegelhoff, der als Konfliktberater am Haus arbeitet. Dann geht es in die Kostümabteilung zur Kostümbildnerin Lucie Travnickova, in die Wäscherei, in die Umkleide zu Schauspieler Mathias Max Herrmann und schließlich in den Backstage-Bereich zu Inspizientin Stephanie Schmidt und zu Bühnentechniker Eric Bornemann.
Techniker Bornemann beispielsweise liest sein Bewerbungsschreiben vor, Schauspieler Herrmann erzählt während einer seiner Spielpausen bei „Nora“, wie er die Wartezeit totschlägt: indem er sich auf seinem Laptop über Google Maps Orte seiner Vergangenheit anschaut.
Die 90-minütige Führung ist genau abgestimmt auf die parallel laufende „Nora“-Aufführung. Alle Stationen müssen absolut pünktlich erreicht und verlassen werden und alles muss leise vontattengehen – die Zuschauer bekommen Kopfhörer, über die sie die Mitarbeiter reden hören. Zugänglich werden so nicht nur die sonst unzugänglichen Orte des Theaters im Live-Betrieb, zugänglich werden auch die Menschen, die am Theater arbeiten, weil sie aus ihrer Berufung einen Beruf gemacht haben.
Erfunden und umgesetzt hat das Konzept der argentinische Regisseur Gerardo Naumann, der Begehungen dieser Art schon in anderen Betrieben wie einer Waffelfabrik in Indien oder einer Stahlfabrik in Polen veranstaltet hat. In Hannover macht „Die Vorstellung“ deutlich, dass das Theater vieles von einer Fabrik hat: Alles ist aufeinander abgestimmt, das Timing hat Priorität, es gibt eine klare Hierarchie. Am Anfang aller Arbeit steht auch im Theater die Frage nach dem Geld. Und trotzdem ist es ein Ort, an dem das Geld nicht die Hauptrolle spielt – sondern die Menschen, die dort arbeiten.
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