Umwelt erhalten

"Ein Kirschbaum spart nicht"

Michael Braungart ist Miterfinder des Prinzips "cradle to cradle" - von der Wiege zur Wiege. Durch eine Produktionsweise, die alles Material immer wieder neu nutzt, könnte die Erde auch 30 Milliarden Menschen tragen, behauptet der Gründer des Umweltinstituts Epea. Von einer Politik des Verzichts hält der ehemalige Greenpeace-Aktivist: nichts.

"Haben Sie jemals einen klimaneutralen Baum gesehen? Kein Baum ist klimaneutral - zum Glück nicht": Michael Braungart.   Bild: Doerthe Hagenguth

taz: Herr Braungart, müssen wir werden wie die Ameisen?

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Michael Braungart: Wir müssen überhaupt nichts: Wir können aber von den Ameisen etwas lernen. Bei dem Prinzip „cradle to cradle“ – von der Wiege zur Wiege – das wir propagieren, gibt es kein Müssen: Es ist ein Angebot, eine Unterstützung. Die Ameisen wiegen etwa viermal mehr als wir Menschen, sie leben nur drei bis sechs Monate und sie sind körperlich aktiver als wir. Dadurch entsprechen sie in ihrem Kalorienverbrauch etwa 30 Milliarden Menschen. Wir sind nicht zu viele – nur zu blöde.

Was machen die Ameisen besser?

54, Chemiker, ist mit der ehemaligen niedersächsischen Umweltministerin Monika Griefahn verheiratet, mit der er drei Kinder hat. 1987 hat er die Environmental Protection Encouragement Agency (Epea) Internationale Umweltforschung gegründet, davor hat er die Chemie-Abteilung von Greenpeace mit aufgebaut.

Die Ameisen sind nützlich. Nur durch die Ameisen gibt es den brasilianischen Regenwald, weil die Nährstoffe sonst gar nicht in die Kreisläufe zurückgehen würden. Wer die Umwelt schützen will in der traditionellen Logik, der fährt weniger Auto und macht weniger Abfall. In dieser Logik sind die Ameisen schlecht, weil sie sich körperlich stark betätigen und nur kurz leben. Im Gegensatz zu uns nehmen sie sozusagen stets die Treppe. Jemand, der eine Treppe steigt, braucht aber fünfmal mehr Energie als einer, der Aufzug fährt. Wer die Umwelt schützen will, sollte also immer Aufzug fahren. Von den Ameisen können wir lernen, dass wir dann verschwenderisch sein können, wenn wir die Dinge in Kreisläufe bringen.

Ist Autofahren auch ökologischer als zu Fuß zu gehen?

In keinem Fall, weil die Herstellung des Autos große Zerstörungen verursacht. Die Komponenten des Aufzuges sind für Kreisläufe gemacht, weil die Aufzugfirma traditionell den Aufzug zurücknimmt, wenn er nicht mehr funktioniert und durch einen neuen ersetzt. Aufzüge sind viel besser konstruiert als Autos. Und nicht nur das: Der Reifenabrieb ist eine Katastrophe für die menschliche Gesundheit. Die Menschen denken, es sei gut für die Umwelt, dass die Reifen länger halten. Aber die Reifen sind nie zum Einatmen entwickelt worden.

Und was spricht nun gegen Haltbarkeit?

Dadurch ist der Abrieb viel feinteiliger. Und von den 600 Chemikalien, die verwendet werden, dürften 500 nie in die Umwelt gelangen, schon gar nicht in meine Lunge. Allein der Gummi, der feinteilig eingeatmet wird, ist stark sensibilisierend. Das heißt: Zu Fuß gehen ist immer besser, obwohl die Schuhsohle auch nicht für Abrieb gestaltet worden ist. Wir werden im Februar die ersten Schuhe von Puma haben, die für den Kavalierstart an der Fußgängerampel konzipiert worden sind.

Wer ist „wir“?

Unser Institut Epea – Environmental Protection Encouragement Agency –, das vor 25 Jahren entstanden ist. Natürlich nutze ich als Professor die Möglichkeiten der Universitäten, Studenten mit zu beschäftigen. Darum ist „wir“ ein fließender Begriff. Das sind mal Studenten, mal Doktoranden, es sind auch Leute in Bürgerinitiativen, mit denen ich gemeinsam Dinge ausprobiere.

Warum haben Sie Epea gegründet?

Ich habe sieben Jahre lang bei Greenpeace mitgeholfen, hauptsächlich zu protestieren, in der Nordsee zu schwimmen, Schiffe aufzuhalten und Abwasserrohre von Zellstofffabriken zuzumachen. Irgendwann war es Zeit, Lösungen zu entwickeln. Dafür ist Epea entstanden – aber auch dazu, anderen Greenpeace-Büros international wissenschaftliche Hilfestellung zu geben. Zuerst hat Greenpeace das Institut voll finanziert. Dann kamen der Sierra Club, Friends of the Earth und andere große Umweltorganisationen dazu und Industrieunternehmen, die wissen wollten, wie es anders geht.

Ist es nicht heikel, durch die Industrie finanziert zu werden?

Nein. Das schafft keine Abhängigkeiten. Die Leute, die mit uns zusammenarbeiten, wissen, dass wir ein klares Profil haben. Da kommt niemand, der uns korrumpieren könnte. Die Gentechnikfirma Monsanto käme nicht auf die Idee, etwas mit uns zu tun haben zu wollen.

Wer kommt auf die Idee, mit Ihnen etwas zu machen?

Zum Beispiel Puma. Wir haben mit denen einen Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen. Nicht irgendein Projekt, sondern wir sollen die Firma so ändern, dass alle Produkte in biologische und chemische Kreisläufe gehen können.

Die Tatsache, dass Dinge zu 100 Prozent recycelt werden können, bedeutet aber noch nicht, dass sie nicht giftig wären.

Dass kein Gift drin ist, reicht auch noch nicht aus. Wenn ich sage, ich schlage mein Kind nicht, dann habe ich auch noch nichts geleistet. Das ist gerade das Minimum. Greenpeace macht eine Detox-Kampagne, die sagt: Dieses Gift soll nicht drin sein und jenes nicht. Die Hersteller sind aber findig. Statt Pentachlorphenol verwenden sie dann eben Tetrachlorphenol zur Lederkonservierung. Aber es steht drauf: „Frei von Pentachlorphenol“. Detox ist ein guter Anfang, aber es ist wichtig, die Dinge positiv zu definieren, die drin sind. Wir machen Dinge, die nützlich sind, nicht weniger schädlich.

Wäre es nicht klüger, wir würden uns als Menschheit einfach bescheiden?

Hamburg möchte 2040 klimaneutral sein. Haben Sie jemals einen klimaneutralen Baum gesehen? Kein Baum ist klimaneutral – zum Glück nicht. Aber für uns ist es, wenn es um die Umwelt geht, das Höchste, nicht zu existieren. Das ist pervers. Wir möchten einen Zustand erreichen, wo die Dinge gleichermaßen nützlich sind für die Wirtschaft, die Gesellschaft und die Umwelt. Und dann können wir auch mehr sein auf der Erde, dann sind wir keine Bürde mehr. Es geht nicht darum, den ökologischen Fußabdruck zu minimieren, sondern einen großen Abdruck zu haben, der ein Feuchtgebiet ist.

Das wäre ja schöner als das Perpetuum mobile, weil es nicht nur von alleine immer weiterläuft, sondern immer besser wird. Woher soll die Energie kommen, die das ermöglicht?

Wir erhalten durch die Sonne einen Überschuss an Energieeintrag, haben aber im Denken eine Polarperspektive eingenommen und die globalisieren wir jetzt. Wenn es dunkel und kalt ist in Schweden, dann müssen Sie sparen, verzichten, vermeiden, reduzieren. Aber global gesehen können wir verschwenden, wenn die Dinge in Kreisläufe zurückgehen. Ein Kirschbaum spart nicht, vermeidet nicht, reduziert nicht – er ist nützlich, nicht weniger schädlich.

Was bedeutet das für uns?

Wären wir nützlich, könnten wir mehr sein. Stattdessen romantisieren wird die Natur und machen uns selber klein wie Prince Charles oder Vandana Shiva, die mit den Augen rollen und sagen: „What did we do to Mother Earth?“ Es gibt keine Mutter Natur. Die am stärksten Krebs erzeugenden Stoffe sind Naturstoffe. Dass wir älter als dreißig werden, liegt an uns: an den Medizinern, den Biologen, den Ingenieuren.

Können Sie ein komplexes Produkt nennen, das komplett recycelt wird und giftfrei ist?

Es gibt Beispiele ohne Ende, etwa den Fernseher, den wir mit Philipps zusammen entwickelt haben. Das ist der erste Fernseher für Innenräume. Die Luft in Gebäuden ist drei- bis achtmal schlechter als die schlechteste Hamburger Außenluft. In diesem Fernseher wurden alle stinkenden Plastikverbindungen durch Metall ersetzt. Gegenüber jedem anderen Fernseher gast er 30.000-mal weniger Stoffe aus. Es steckt überwiegend recyceltes Aluminium drin und kein Gramm PVC. Wir haben die seltensten Elemente ersetzt durch völlig neue Techniken. Ein spezifisches Zinkoxid kann die seltenen Erden Indium, Germanium und Gallium ersetzen. Er gibt im Vergleich zu einem Menschen 50-mal weniger Formaldehyd ab.

Wie viel teurer ist er als ein herkömmlicher Fernseher?

Er ist eigentlich billiger herzustellen. Weil er danach entwickelt worden ist, dass er leicht zerlegt werden kann, ist der Zusammenbau viel einfacher.

Was heißt „eigentlich billiger“?

Philipps schreibt „Eco Nova“ drauf und macht ihn 200 Euro teurer, weil sie die Entwicklungskosten gleich wieder drin haben wollen. Dieser Fernseher spart gegenüber vergleichbaren Geräten zwei Drittel Strom ein. Daraus könnte Philipps ein Geschäft machen und sagen: Wir verkaufen nur noch zwölf Jahre Nutzung und packen eine Schutzgebühr drauf, denn eigentlich finanziert er sich durch die Stromeinsparung selber. Stattdessen machen sie ihn 200 Euro teurer und sagen: Die Leute wollen keinen Öko-Fernseher.

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Geben Sie Ihren Kommentar hier ein