Spielen oder Zuschauen

„Liebe auf den ersten Blick“

Torwart Benedikt Pliquett sitzt beim FC St. Pauli meist nur auf der Bank. Schwer auszuhalten – wäre der Verein nicht seine große Liebe. Unser Autor versteht das: Ein Gespräch unter Fans.

Wer es mit seinem Verein ernst meint, der steht auch im Fanblock: Benedikt Pliquett, zweiter Torwart beim FC St. Pauli, engagiert sich auch am Spielfeldrand.  Bild: Ulrike Schmidt

taz: Benedikt, herzlichen Glückwunsch zur Vertragsverlängerung, zu Deinem zehnten Jahr beim FC St. Pauli.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Benedikt Pliquett: Danke!

Du warst schon dabei, dich arbeitslos zu melden.

Genau. Vor dem letzten Heimspiel Mitte des Monats, bei dem Marius Ebbers und Florian Bruns verabschiedet wurden, hätte ich schon gern Klarheit über meine eigene Situation gehabt. Anfang des Jahres wurde mir zwar gesagt, dass mit mir verlängert werden soll – aber ich habe noch nie so lange auf eine Vertragsverlängerung warten müssen. Das war für mich eine schwierige Situation. Bevor ich mit leeren Händen dastehe, bin ich dann lieber auf’s Amt und hab’ mich arbeitslos gemeldet. Nun bin ich froh, dass es hier weitergeht.

Seit Jahren sitzt Du meist auf der Ersatzbank. Frustriert Dich das?

Nein, ich kann mit dieser Rolle gut leben, solange ich wertgeschätzt werde. Ich will natürlich spielen, kann meine eigenen Interessen aber auch zurückstellen. Jeder wird für’s Kollektiv gebraucht und das haben mir meine Trainer und Mitspieler auch immer deutlich gemacht. Das passt also schon. Mein Glück hängt nicht davon ab, ob ich auf dem Platz stehe.

28, ist seit 2004 als Torwart beim FC St. Pauli unter Vertrag. Zuvor hatte er dreieinhalb Jahre bei den Amateuren des Hamburger SV gespielt.

Im Jahr 2008 wurde Pliquett Torhüter der ersten Mannschaft in der zweiten Fußball-Bundesliga. Kurz darauf wurde er jedoch vom neu verpflichteten Mathias Hain verdrängt.

Auch in der Erstligasaison 2010/2011 war Pliquett nur Ersatzmann hinter Thomas Kessler. Im Januar 2010 verlängerte er trotzdem seinen Vertrag um weitere zwei Jahre.

Sein Erstliga-Debüt gab Benedikt Pliquett beim legendären 1:0-Auswärtssieg des FC St. Pauli gegen den Hamburger SV am 16. Februar 2011.

Das klingt nicht sehr ehrgeizig.

Natürlich nervt es mich, nicht zu spielen. Aber ich laufe nicht mit einer breiteren Brust rum, wenn ich auf dem Feld gestanden habe. Doch nachdem ich im vorigen Jahr einige Spiele in der zweiten Liga gemacht und gesehen habe, dass es funktioniert, ist es mir recht schwergefallen, wieder auf der Ersatzbank Platz zu nehmen. Es gab in der Vergangenheit immer mal wieder Situationen, wo ich mir gewünscht hätte, dass der jeweilige Trainer sich für mich entschieden hätte. Ich habe ja auch in der ersten Liga schon einige ganz passable Spiele gemacht.

Hast Du nie daran gedacht, den Verein zu wechseln, um anderswo Nummer eins zu werden?

Im vergangenen Jahr das erste Mal so richtig. Und in diesem Jahr dann auch, wegen meiner ungeklärten vertraglichen Situation und des Fakts, dass ich gar nicht gespielt habe. Aber ich bin dankbar, hier zu sein: Ich muss kein Nomadenleben als Fußballprofi führen, kann bei meinen Freunden bleiben und da ich bei dem Verein spiele, den ich liebe, meinen Beruf mit Leidenschaft und Herz ausfüllen. Dieser Club hat es mir zudem ermöglicht, in der Bundesliga zu spielen.

Dein Karrierehöhepunkt ist das gewonnene Bundesliga-Derby gegen den HSV, Deine allererste Bundesliga-Partie. Was bedeutet Dir dieser Sieg?

Wir haben an diesem Tag Hamburger Fußballgeschichte geschrieben und ich durfte dazu beitragen. Da hat sich ein Traum erfüllt, dafür bin ich dankbar. Denn dieses Spiel war eine absolute Herzensangelegenheit für mich. Dieser Triumph war für den Verein und sein Umfeld ungemein wichtig, da geht es mir weniger um mich persönlich. Ich bin keiner, der sich abfeiern lässt.

Vor zehn Jahren standest Du noch bei den HSV-Amateuren im Kader. War der Derbysieg auch die späte Rache eines 2004 vom HSV „vom Hof Gejagten“?

Ja, definitiv. Drei Tage vor Ablauf der Wechselperiode und fünf Tage vor meiner schriftlichen Abi-Prüfung wurde mir vom HSV mitgeteilt, dass man mich nicht mehr braucht. Das empfand ich als ungerecht, unfair und als schlechten Stil. Da war eine Rechnung offen, die nun beglichen ist.

Dein Verhältnis zum HSV?

Welches Verhältnis? Das Thema ist seit dem Derby durch und ich weine dem HSV bestimmt nicht hinterher.

Du bist in Hamburg geboren, vor den Toren der Stadt aufgewachsen: Von welchem Club warst Du als Kind Fan?

Ich hatte Dortmund-Trikots zu Hause und bin mit meinem Papa sowohl im Volkspark als auch am Millerntor gewesen. In der Klasse waren der HSV und St. Pauli natürlich Dauerthema. Ich habe viel gescatet und war dann mehr mit Leuten zusammen, die auf St. Pauli standen.

Im Fußballverein wollen immer alle Tore schießen, aber keiner will ins Tor. Was ist da bei Dir schiefgelaufen?

Im Feld habe ich immer Seitenstiche und Atemnot bekommen. Da bin ich dann schon in der F-Jugend ins Tor gegangen.

„Ich liebe diesen unglaublichen Verein!“, hast Du auf Deiner Facebook-Seite geschrieben – war das Liebe auf den ersten Blick?

Als ich 2004 hierher gewechselt bin, war das schon Liebe auf den ersten Blick. Ich bin schnell in das Umfeld hineingewachsen und habe ganz viele tolle Leute an der Basis kennengelernt, die diesen Club tragen.

Was gefällt Dir am St. Pauli-Umfeld?

Aktuell Projekte wie das FC St. Pauli-Museum oder die Fanräume. Da sammeln Fans mal eben knapp 400.000 Euro zusammen, um diese Räume im neuen Stadion zu realisieren. Oder es engagieren sich so viele Leute von der Vereinsbasis gegen die Unterbringung der Polizeiwache gleich daneben, dass eine scheinbar längst beschlossene Sache noch mal kippt. Sie erreichen eine so starke Mobilisierung, dass es einen neuen Dialog im Verein gibt und dann auch einen mit der Politik, der sich positiv gestaltet. Die Vereinsführung weiß, dass es genau diese Menschen sind, die bedingungslos hinter dem Club stehen, auch wenn es sportlich und wirtschaftlich mal schlecht läuft – die seine Werte auf Händen tragen.

„Bene ist mehr St. Pauli als wir alle“, hat Dein früherer Trainer Holger Stanislawski mal über Dich gesagt: Ein wenig viel der Ehre oder angemessen?

Mir ist eine solche Zuschreibung eher unangenehm. Was heißt denn: Mehr St. Pauli als wir alle? Ich mach das ja nicht, weil ich damit etwas bezwecke, sondern weil ich einfach meinen Weg gehe. Und es ist doch klar, dass die Jungs, die hier frisch zum Verein kommen, in einem Jahr gar nicht verstehen können, was alles den FC St. Pauli ausmacht. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, mich um die Jüngeren zu kümmern und ihnen die Werte, für die dieser Club steht, etwa das soziale Engagement im Stadtteil, zu vermitteln.

Sind solche Werte noch wichtig für die aktuelle Spielergeneration?

In den Fußballinternaten geht es nicht um Leidenschaft, sondern darum, dass man schon als junger Spieler funktioniert, Leistung abruft und nicht aneckt. Es gibt kaum noch Spieler, die sich trauen, offen ihre Meinung zu vertreten. Auf der einen Seite wollen die Leute echte Typen sehen, auf der anderen Seite fallen die Medien sofort über dich her, wenn du als Spieler mal was anderes sagst als das 08/15-Blabla, das täglich in der Zeitung steht. Du musst dich als Spieler entscheiden, ob du dieses Spiel mitspielst und dein Gesicht in jede Kamera reinhältst, um es bekannter zu machen – oder ob du nur was sagst, wenn du Bock drauf und auch was zu sagen hast. Wenn ich mal aufhöre mit Profifußball, will ich sagen können, dass ich mich nie verbogen habe. Das ist in diesem Geschäft echt schwer.

Was ist für Dich der Unterschied zwischen sich integrieren und sich verbiegen lassen?

Du musst deiner Persönlichkeit treu und authentisch bleiben. Die Leute wissen halt, dass ich, wenn ich mal nicht im Kader bin, im Stadion stehe, mitsinge und auch zu Auswärtsspielen fahre. Ich lach mich schlapp, wenn die Medien so einen Hype darum veranstalten, wenn sich ein verletzter Profi mal ’ne Halbzeit in den Fanblock verirrt. Hallo – das ist doch ganz normal, wenn ich es mit meinem Verein ernst meine!

Was dazu führt, dass Zeitungen schreiben, Du seist „mehr Fan als Spieler“. Wie kommst Du damit klar?

Damit musst du leben. Ich habe mit Freude wahrgenommen, dass die Medien mir nicht mehr den Stempel Ultra aufdrücken, sondern mich eher als Identifikationsfigur bezeichnen. Ich hab’ viele Freunde bei den Ultras, mich aber nie dazu gezählt.

Du hast ein Haus in Sasel gekauft und legst dort Rosenbeete an. Du fährst einen großen amerikanischen Militärjeep. Für die hohe Affinität zur linken Fanszene bist Du an deren Codex wenig angepasst.

Da geb’ ich nichts drauf, ich mache halt mein Ding. Ich bin mit Sicherheit kein Öko, ich bin durch und durch Antifaschist und nicht bereit, irgendeinen Alltagsrassismus zu tolerieren. Und ich unterstütze verschiedene soziale Projekte mit Herzblut.

Wie reagieren Deine Mitspieler auf Dein Engagement?

Ich bin ja nicht der erste Spieler im Verein, der sich sozial engagiert. Und die Reaktion ist auch in der Mannschaft positiv. Ich war im Winter mit ein paar Jungs aus der Mannschaft auf der Kinderkrebsstation im UKE, die ich öfter besuche. Dadurch, dass ich als Spieler diese Öffentlichkeit habe, kann ich mehr geben. Es ist für mich schwer nachzuvollziehen, wenn mir die Schwestern auf der Kinderkrebsstation sagen: Bene, wenn du zwei Stunden kommst, ist das hier zwei Wochen Thema. So etwas macht Spaß und du weißt dann, was im Leben wichtig ist.

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Geben Sie Ihren Kommentar hier ein