Mit dem Fahrrad in Bangladesch

Durch Dhaka rollt eine Revolution

Junge Leute bringen das Fahrrad zurück auf die Straßen Bangladeschs. Es hat sein Image als Verkehrsmittel der armen Leute verloren.

Zum Nationalfeiertag des Landes radelten 4.500 Radfahrerinnen und Radfahrer durch die Stadt. Bild: dpa

Verkehrschaos ist ein Wort, das wir in Europa für einen Zustand verwenden, der nicht annähernd beschreibt, was auf den Straßen von Dhaka los ist. Als Teilnehmer einer Radtour durch die Hauptstadt Bangladeschs erleben wir den Infarkt.

Dreirädrige Motorradtaxis stehen eingeklemmt zwischen heillos überfüllten Bussen. Von allen Seiten versuchen sich Autos zentimeterweise in die Mirpur Road, eine der Hauptverkehrsstraßen Dhakas, einzufädeln. Rostige Lastwagen drängen Rikschafahrer aus dem Weg, deren Insassen den Stillstand stoisch ertragen. Dazwischen laufen Fußgänger.

Mitten im Tumult steht ein wild mit den Armen rudernder Polizist auf verlorenem Posten. „Jetzt weißt du, warum wir Radfahrer sind“, ruft Mahmud. „Mit dem Fahrrad sind wir frei – und einfach schneller.“ Früher mit dem Bus habe er über eine Stunde für die wenigen Kilometer von zu Hause ins Büro gebraucht. Mit dem Rad fahre er die Strecke in zwanzig Minuten.

Unterwegs: „Besuchen Sie Bangladesch bevor die Touristen kommen.“ Mit diesem zutreffenden Motto präsentierte sich die Tourismusbehörde des Landes auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB). Bangladesch ist kein Reiseland, in dem Sehenswürdigkeiten abgeklappert werden können. Transportmittel und Infrastruktur sind in keinem guten Zustand. In Dhaka gibt es Hotels aller internationalen Ketten, wer aber das Land entdecken will, die Teegärten, Nationalparks, den längsten Strand der Welt am Golf von Bengalen oder die Mangroven der Sundarbans, dem größten Flussdelta dieser Erde, braucht Hilfe.

Veranstalter: Wer keinen Kontakt im Land hat, vertraut sich am besten einem Reiseveranstalter an. www.lonesome-traveler.de Die Agentur mit Sitz in Dhaka arbeitet mit einheimischen ausgebildeten und erfahrenen Guides zusammen. So bekommt man Kontakt zu den Menschen im Land, der Reisepreis bleibt weitgehend vor Ort und kommt dem Land zugute.

Anreise: Nach Bangladesch fliegen die arabischen Airlines Qatar, Gulf, Emirates und Etihad mit Umsteigen in einem der Golfstaaten. Seit dem Frühjahr 2014 gibt es außerdem eine direkte Verbindung von Frankfurt am Main nach Bangladesch der Biman Bangladesh Airline. www.biman-airlines.com

Radfahrer: Kontakt BDCylists: http://bdcyclists.com/

Die Leute sind es leid. Sie sind jung, gut ausgebildet und haben entdeckt, dass sie etwas verändern können: Als Mitglieder der Gruppe BDCyclists wollen sie das Radfahren in Dhaka populär machen. Vor drei Jahren im sozialen Netzwerk Facebook gegründet, hat die Gruppe landesweit mittlerweile mehr als 35.000 Mitglieder – mit vielen kleinen Untergruppen. Die Bangladeshi Cyclists, wie sie sich nennen, sind als Pioniere unglaublich aktiv.

„Wir fahren unsere täglichen Wege mit dem Fahrrad und veranstalten monatlich ’critical mass'-Touren“, sagt Fuad. Der 30-jährige Familienvater und Grafiker einer Softwarefirma moderiert die Gruppe und erzählt, dass regelmäßig mehrere Hundert Fahrradbegeisterte an den Touren teilnehmen. Daneben organisieren die BDCyclists gemeinsame Fahrten, bieten Kurse und Training für Anfänger an, unternehmen Nachtfahrten und am Wochenende Radausflüge ins Umland der 15-Millionen-Einwohner-Megastadt.

Die britische Wochenzeitschrift The Economist hatte Dhaka zuletzt den Titel „Unwohnlichste Stadt der Welt“ verliehen – nicht nur wegen der eingestürzten Textilfabriken, auch der Verkehr stand am Pranger. Das soll sich ändern.

Ridwan, ein Bauingenieur, und sein Freund Arif, der einen Fahrradladen in der Altstadt betreibt, haben für uns die Feierabendtour „Welcome to Bangladesh“ ins Leben gerufen und online gestellt. Mehr als 25 Angehörige der Facebook-Gruppe Mohammadpur Cyclists sind dem Aufruf spontan gefolgt und erscheinen um 19 Uhr zum Treffpunkt British Council. Alle sind zwischen 20 und 35 Jahren alt: Mahmud kommt im Anzug direkt vom Job aus der Bank. Shafaiyat leitet eine Internetfirma und ist Fotograf. Abdullah arbeitet beim Film, Shariar ist Journalist, Omar hat Architektur studiert und Sohel stellt sich als Bike Doctor vor. Rahul hat gerade sein Pharmaziestudium beendet.

Sie freuen sich, dass auch eine Frau dabei ist: die Kunststudentin Bithi. In der muslimisch geprägten Gesellschaft Bangladeschs hat das Fahrradfieber die Mädchen noch nicht so stark ergriffen wie die jungen Männer.

Holprige Schwellen

Start ist im vergleichsweise ruhigen Universitätsviertel. Nur wenige Autos dürfen durch die von Bäumen gesäumten Straßen fahren. Rikschas dominieren, die meisten Studenten sind zu Fuß unterwegs. Die Gruppe fährt zügig und ist gut eingespielt. Vorsicht, „breaker“, rufen sie sich zu, wenn alle paar Hundert Meter eine kantige Schwelle im Boden das Tempo unsanft drosselt.

Dass alle Mountainbikes fahren, obwohl die Stadt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegt, verstehen wir nach wenigen Metern. „Das hier ist offroad“, sagt Bithi und lacht, „wir müssen über Sand, durch Schlaglöcher, geflickten Asphalt und über Stufen fahren können.“

In der Mirpur Road schlägt uns das Getöse aus Hupen, Klingeln, Kreischen entgegen. Von den Gerüsten der gigantischen Baustellen entlang der Nord-Süd-Achse der Stadt, wo Häuserblöcke in die Höhe wachsen, mischt sich Hämmern und Bohren in den Verkehrslärm. Es ist heiß, staubig und riecht nach brennendem Müll. Gesund kann das hier nicht sein.

„Natürlich inhalieren wir Radfahrer den ganzen Dreck“, sagt Ali, der schon alle Provinzen Bangladeschs mit dem Fahrrad erkundet hat, „der Ruß der Laster findet auch die, die im Bus sitzen“, sagt er. „Jeder, der Fahrrad fährt, trägt dazu bei, dass es besser wird.“

Radwege gibts keine

Wir schlängeln uns, wo es geht, am Stau vorbei. Das ist nicht ungefährlich, auch wenn die motorisierten Fahrzeuge sich nur im Schritttempo vorwärts bewegen. Radwege gibt es natürlich keine. Wo es zu eng wird, springen wir ab, schultern das Bike und laufen ein Stück oberhalb der Bordsteinkante auf unebenem Terrain zwischen Fußgängern und abgestelltem Unrat.

Dhaka ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. 15 Millionen Einwohner leben auf engstem Raum und täglich, heißt es, kommen etwa 1.400 Menschen dazu. Sie verlassen ihre Dörfer und siedeln irgendwo in der Stadt, weil sich Fabriken und Arbeitsplätze des Landes in der Hauptstadt konzentrieren. Im nächsten Jahrzehnt könnte die Bevölkerung der Megacity auf 20 Millionen angewachsen sein.

„Wir wollen der autobesitzenden Klasse die Stadt nicht überlassen“, heißt es auf der Homepage der BDCyclists. Und: „Wir zeigen den Menschen, dass das Fahrrad für ihre tägliche Mobilität völlig ausreicht.“ „Gäbe es vernünftige Wege, wäre das Rad für den größten Teil der Bevölkerung ein perfektes und preiswertes Verkehrsmittel“, sagt Fuad als Repräsentant der jungen Radbewegung. Mit dem Verkehrsminister sei man mittlerweile im Gespräch. „Wir fordern eigene Wege für Radfahrer“, sagt er.

Kostenlose Radfahrkurse

Die BDCyclists haben begonnen, Informationsnachmittage für Näherinnen in Textilfabriken zu veranstalten. „Neulich hat ein Lebensmittelhersteller eine Mahlzeit finanziert und wir konnten Fahrräder zeigen, ihre vielen Vorteile aufzählen und haben Probefahrten angeboten“, erzählt Fahrradhändler Arif. Einige der Frauen hätten sich für einen kostenlosen Radfahrkurs angemeldet – denn der Unterricht ist, wie alles, was die BDCyclists organisieren, ehrenamtlich.

„Das Image des Fahrrads als Verkehrsmittel der armen Leute haben wir hinter uns gelassen“, sagt Fuad. Im Gegenteil: Es sind vergleichsweise gut situierte junge Menschen, die den neuen Trend bestimmen. Durch ihre Präsenz auf den Straßen zeigen sie stolz, wie wichtig ihnen die neu entdeckte Mobilität ist.

Auch einige Arbeitgeber haben es begriffen. Erste Firmen, Banken und Telekommunikationsbetriebe haben begonnen, Fahrradparkplätze einzurichten“, sagt Mahmud. „Es ist eine gute Werbung, wenn meine Kollegen mich mit dem Rad sehen. Einige habe ich schon angesteckt und sie folgen meinem Beispiel“, sagt der junge Bankmanager, dessen Chef ihm erlaubt, sein High-Tech-Rad neben dem Schreibtisch abzustellen.

Ein neues Freizeitvergnügen

Für Ridwan und Arid, die Initiatoren der heutigen Radtour, ist die Gemeinschaft untereinander das Wichtigste. Auf Facebook laden sie sich zu Touren ein, geben Tipps, diskutieren Ziele. „Ich bin ein glücklicher Mensch, seit ich das Fahrradfahren entdeckt habe. Es hat mein Leben verändert“, sagt der junge Bauingenieur und strahlt übers ganze Gesicht. „In unserer Gesellschaft gibt es wenig Freizeitaktivitäten als Ausgleich zur Arbeit. Am Wochenende hingen wir oft rum, jetzt fahren wir Fahrrad“, erzählt er.

Das letzte Stück unserer Tour kommen wir auf Nebenstraßen im Stadtteil Kulnampur flott voran. Rikschakolonnen und Massen an Fußgängern, die von den Bushaltestellen oder direkt aus den Fabriken kilometerweit nach Hause laufen. Dazwischen hupen sich Autobesitzer den Weg frei. „Wir werden aus Dhaka eine Fahrradstadt machen“, sagt Fuad, „und diesem Ziel kommen wir näher.“

Am Anfang seien Radfahrer belacht worden, „jetzt sind wir 35.000 und werden langsam ernst genommen. Wenn wir 500.000 sind, fallen wir auf. Dann kommt die Politik nicht mehr an uns vorbei“, sagt er. Zum Nationalfeiertag Mitte Dezember radelten 4.500 Radfahrerinnen und Radfahrer in den Nationalfarben durch die Stadt. Auch am Unabhängigkeitstag im März fuhren sie in einem kilometerlangen Verband und zeigten, wie viele sie schon sind und wie viel Spaß Radfahren macht. So geht Werbung für den Wandel.

.

Das Leben der Menschen in der Stadt ist von Wandel geprägt. Wie entwickelt sich der urbane Raum? Wie sieht Gentrifizierung aus und wie wird gebaut?

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de