Kolumne Nach Geburt

Das Schlafzimmer ist geräumt

Um für den Notfall vorzubereiten, wie es die Regierung will, sind Walrosskäufe statt Hamsterkäufe notwendig. Wir schlafen jetzt alle im Kinderzimmer.

Eine Frau, ein Mann und sechs Kinder schlafen in einem Bett

Jetzt müssen alle im Kinderzimmer schlafen: Szene aus dem Film „Deine, meine und unsere“ Foto: Sony Pictures

Achtung, Achtung, aus gegebenem Anlass eine Sonderausgabe der „Nach Geburt“-Kolumne: Ich rüste mich … falsch, mich gibt es nicht mehr … ich rüste uns für den Angriffsfall. Erste Order: Wir müssen jetzt alle im Kinderzimmer schlafen.

Das ist hart. Ich weiß. Vor allem, weil meine Freundin und ich ab sofort immer um acht ins Bett müssen und nicht mehr lesen oder fernsehen dürfen, aber was muss, das muss. Und wenn der Russe kommt oder ein Orkan, dann werden alle froh sein, dass Papa so weitsichtig gehandelt hat.

Ich hab mir nämlich endlich die Broschüre „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe heruntergeladen – schnell, schnell, so lange das Internet noch funktioniert – und unsere persönliche Checkliste abgearbeitet. Ist ja gerade wieder aktuell, das Thema. Warum auch immer. Egal. Ich muss da jetzt ran.

Das Schlafzimmer ist ab sofort permanent abgedunkelt („Sie sollten Lebensmittel kühl, trocken und dunkel aufbewahren“) und zum Warenlager umfunktioniert. Tja, jede/r muss Opfer bringen, wenn wir das erreichen wollen, was das Bundesamt von uns erwartet: „Ihr Ziel muss es sein, 14 Tage ohne Einkaufen überstehen zu können.“

„Deutschland – ein Team – ein Ziel.“ So stand es schon auf dem Bus der Nationalmannschaft, der sie während der EM 2008 durch Österreich und die Schweiz kutschierte. Und was auf Bussen steht, bleibt hängen.

Präzisiert lautet das Ziel für meine Familie: 112 Liter Getränke (bei uns gibt’s natürlich nur Wasser); 19,6 Kilogramm Getreide, Getreideprodukte, Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis; 22,4 Kilogramm Gemüse, Hülsenfrüchte (natürlich alles eingemacht, da musste meine Mama ran); 14,4 Kilogramm Nüsse, Obst (hauptsächlich diese ekligen Mandarinen aus der Dose, gezuckert); 2,5 Kilogramm Fette, Öle (da hab ich zum Wohle meiner Tochter heimlich noch ein Pfund Butter draufgeschlagen); sowie 14,8 Kilogramm Milch, Milchprodukte und 8,4 Kilogramm Fisch, Fleisch, Eier, bzw. Volleipulver (das Pulver hab ich mir beim Kopp-Verlag bestellt, die haben nämlich nicht nur „Bücher, die Ihnen die Augen öffnen“, sondern auch alles, was man so braucht, wenn dann mal endlich diese verdammte Regierung in der großen Revolution gestürzt wird).

Kübelspritze und derbes Schuhwerk

Das steht jetzt alles auf und neben und unter unserem Bett. Dazu rattert permanent ein Stromgenerator, der ordentlich Benzin verballert, um den Kühlschrank (Fisch, Fleisch, bisschen Milch, Eiswürfel, gekühlte Beißringe) zu versorgen. Der schluckt knapp acht Liter pro Tag, also hab ich mal 'nen Tank mit 112 Litern Sprit in den Kleiderschrank eingebaut. Memo an mich: Nicht mit dem Trinkwasser verwechseln!

Neben den Lebensmitteln musste ich dem Rat des Bundesamts folgend noch gut 50 Posten abarbeiten. Bei der „Kübelspritze“ musste ich erstmal schauen, was das überhaupt ist. Bei dem „derben Schuhwerk“ hab ich einfach auf Buffalo-Plateauschuhe gesetzt. Die werden schon derbe genug sein.

Natürlich mussten alle Familienmitglieder ihre Pässe bei mir abgeben. Die liegen jetzt unter der Hausapotheke, den Hygieneartikeln, den Brandschutzartikeln, dem Notgepäck, den Reservebatterien und dem Kurbelradio in einem feuerfesten Safe.

Verreisen – zumindest ins Ausland – können wir nun natürlich nicht mehr, aber das können wir uns nach diesen Hamsterkäufen, die eher Walrosskäufe waren, eh nicht mehr erlauben.

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Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

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