Kolumne von Susanne Klingner
Cellulite tut nicht weh. Sie stört nicht beim Laufen, auch nicht beim Kochen oder Fallschirmspringen. Sie riecht nicht. Sie schreit nicht.
98 von 100 Frauen auf dieser Welt haben Cellulite.
Klingt schockierend, als würde man sagen: So gut wie alle Menschen haben Diabetes. Da muss man doch was tun! Der Trick ist das Wort Cellulite. Klingt fast so wie Cellulitis (und wird gerne auch fälschlicherweise so bezeichnet), die bakterielle Entzündung des Unterhautgewebes. Die man nur loswird, indem man eine Menge Antibiotika schluckt.

SUSANNE KLINGNER
ist Mitautorin des Buches "Wir Alphamädchen" und bloggt als Frau Lila.
Foto: Stephanie FuessenichEin Marketingcoup ohne Vergleich also die "Erfindung" von Cellulite Anfang der 70er: Eine französische Ernährungsberaterin warb mit deren Behandlung, ungefähr zur gleichen Zeit warnte auch eine New Yorker Kosmetikerin, man müsse dieser "Kombination aus Fett, Wasser und toxischen Abbauprodukten Einhalt" gebieten. Ihre Definition der Cellulite ist wissenschaftlich gesehen: Quark.
Zwei Frauen auf zwei Kontinenten entschieden sich also zur etwa gleichen Zeit dafür, dass Frauenkörper nicht mehr aussehen durften, wie sie aussahen, sondern dass da dringend was getan werden müsse.
Exkurs Frauenkörperkunde: Weibliche Lederhaut ist weicher als männliche. Vor allem, weil sie eine schöne dicke Fettschicht hat. Kollagenfasern halten das alles zusammen und sind bei Frauen anders aufgebaut als bei Männern, weswegen die ziemlich selten Cellulite bekommen. Nur könnte sich deren Haut auch nicht mehrmals im Leben so dehnen, dass eine Riesenmelone darunter Platz hat.
Die Natur hat sich also durchaus was dabei gedacht, als sie die Kollagenfasern von Frauen parallel nebeneinander stapelte, anstatt sie zu einem dichten Netz zu flechten, wie sie es bei Männerhaut tat. Sie hat ganz offenbar nur nicht damit gerechnet, damit optische Schwierigkeiten auszulösen.
Natürlich kann man niemanden daran hindern, seine Freizeit und sein Vermögen in den Kampf gegen etwas völlig Normales zu stecken. Geschätzte 6 Milliarden Dollar geben Frauen weltweit jedes Jahr für Anti-Cellulite-Behandlungen aus, für Cremes und Öle, für Massagen, für Bauch-Beine-Po-Programme, chirurgische Eingriffe und absurde Folterinstrumente.
Die US-amerikanische Autorin Valerie Monroe machte den Selbsttest, eine Laserbehandlung, die angeblich gegen Cellulite helfen soll, und schrieb darüber. "Die Wahrheit ist: Ich wollte an mir herunterschauen und meinen Hintern am Tag meines Abschlussballs sehen. […]
Zweimal pro Woche rollte eine junge Dame eine Maschine, die aussah wie R2D2, über meinen Hintern und meine Oberschenkel. Es fühlte sich an, als würde jemand meinen Arsch staubsaugen."
Wissenschaftler lachen sich über die von Anti-Cellulite-Tees und -Tabletten versprochene "Entschlackung" kaputt. Was die Käuferinnen nicht interessiert. Apropos: Ich schwöre Ihnen, wenn Sie diese Kolumne ausschneiden, fest auf die befallenen Stellen pressen und zweimal den Erlkönig aufsagen, einmal vorwärts und einmal rückwärts, erzielen Sie so hervorragende Effekte wie mit einem Eimer überteuerter Creme.
Ich stelle diesen Text auch gerne noch einmal per Post zu - gegen ein kleines Entgelt, versteht sich. Glauben Sie mir, er hilft gegen diese Dellen im Hir… äh … Hintern.
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Leserkommentare
01.02.2012 06:09 | Sabrina von Fersen
Und plötzlich hab ich keine Angst mehr vor meiner Cellulite....
31.01.2012 19:51 | ion
Frage mich nur, ob dieses Phänomen: Cellulite, eben nicht doch auch insgesamt Folge der Lebensweise in so genannten 'westli ...
31.01.2012 13:22 | tazitus
"..Die Natur hat sich also durchaus was dabei gedacht."