Kuratorin Alice Anna Klaassen

"Den Stammhalter in Szene setzen"

Kinder wurden früher oft als künftige Feldherren gemalt, um sie auf dem Heiratsmarkt anzubieten. Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde es auf den Gemälden niedlich.

Kleine Erwachsene: Hans Hermann Weyls "Anneliese von Arnim als Kind, 1905" in der Oldenburger Ausstellung.  Bild: dpa

taz: Frau Klaassen, warum sehen Kinder auf Gemälden früher alter Meister eigentlich immer so gruselig aus?

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Alice Anna Klaassen: Also, gruselig würde ich es nun nicht nennen. Sie wirken eher wie steife Miniaturpersönlichkeiten, wie kleine Erwachsene. Das hat damit zu tun, dass nur gutsituierte Familien sich derartige Porträts leisten konnten, also Adlige oder wohlhabende Kaufleute – und die wollten mit diesen Bildern etwas repräsentieren. Gerade bei den Jungen ging es darum, den Stammhalter in Szene zu setzen – das erscheint uns heutzutage etwas fremd.

Wann hat sich diese Darstellungsform denn geändert?

Das ändert sich nach dem 17. Jahrhundert vor allem in den Niederlanden. Da werden Kinder dann etwas lebhafter dargestellt, die Posen werden ungewöhnlicher, häufig werden ihnen auch Spielzeuge oder Schoßtiere beigegeben – Dinge, die die Szene kindgerecht auflockern.

Dennoch wurden sie weiterhin vor allem als künftige Herrscher, künftige Feldherren, künftige Heiratskandidaten gesehen – inwieweit durften sie da noch einfach Kind sein?

38, ist Kuratorin der Sonderausstellung "Kinderzeit - Kindheit von der Renaissance bis zur Moderne" im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Sie durften gewiss auch mal Kind sein. Aber diese Bilder dienten ja anderen Zwecken, gerade die Mädchen waren ja vor allem auf dem Heiratsmarkt interessant – sie wurden dann schon in sehr jungen Jahren porträtiert und die Gemälde reisten dann durch Europa von Hof zu Hof. Die Medici etwa versuchten nachdrücklich, da sie selbst ja eine Kaufmannsfamilie waren, ihre Kinder auf diese Weise mit Adligen zu verheiraten. Eine Win-win-Situation: Die Medici hatten das Geld, der Adel brauchte es zur Kriegführung und bot dafür Ruhm, mit dem sich die Kaufleute schmücken konnten.

Und wenn es mit der Eheanbahnung geklappt hat und die Bilder ihren Zweck erfüllt hatten – was passierte dann mit ihnen? Wurden sie tatsächlich aufgehängt?

Die wanderten dann in die Ahnengalerien – ob sie immer auch offen hingen, weiß man nicht. Aber immerhin hatten sie ja auch einen dokumentarischen Charakter – nicht zuletzt auch in den Fällen, in denen das Kind starb – und waren auch nicht auf diese frühe Zeit beschränkt. Der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein etwa hat eine ganze Galerie seiner sechs Kinder gemalt.

Sie haben eben Spielzeug erwähnt – womit haben Kinder denn in der Frühen Neuzeit gespielt?

Da gab es ganz verschiedene Spielsachen – Bälle, die man aus Lederresten zusammennähte, Rasseln, auch schon Puppen …

die ja vermutlich auch damals als Mädchensache galten. Lässt sich diese Rollenprägung in den Bildern erkennen?

Auf jeden Fall. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert sieht man das ganz deutlich: Die Mädchen spielen mit ihrer Puppenküche, die Buben haben andere Sachen. Etwa der kleine Prinz von Noer, das Plakatmotiv der Ausstellung: Der hat eine Trommel, ein Spielzeugpferdchen – ganz der zukünftige Feldherr.

Der Adel scheint ja recht lange an dieser Porträtmalerei festgehalten zu haben, während sich später ja andere, modernere Richtungen entwickelten. Welche Rolle spielte das Motiv Kind denn für die?

Da setzt sich ein Erbe aus dem 18., dem „Jahrhundert des Kindes“, fort, in dem die Gefühle mehr in den Vordergrund rückten. Das hat auch etwas mit der Literatur jener Zeit zu tun, mit den Schriften von Locke und Rousseau etwa, die ein Idealbild der Kindheit zeichneten und die Bedeutung der Ausbildung betonten. Im 19. Jahrhundert gab es dann ja auch die ersten Kindergärten und im Biedermeier eine regelrechte Fixierung auf Familie und Kinder – da war es dann das niedliche, hübsche Kind, das gemalt wurde.

 

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