Das Meereis vor Kanadas Küsten wird deutlich dünner. In Folge sterben immer mehr Sattelrobben, weil ihnen das Eis buchstäblich unter den Flossen wegschmilzt.von Katalina Präkelt

Wenn das Eis vor den Küsten Kanadas verschwindet, verlieren die Sattelrobben ihren natürlichen Lebensraum. Bild: imago
BERLIN taz/afp | Der Klimawandel bedroht die Robben vor Kanadas Ostküste. Das besagt eine Studie, die US-Wissenschaftler der Duke Universität am Donnerstag vorstellten. Ihnen zufolge führt die Klimaerwärmung zu einem Massensterben an Sattelrobben, die auf der Eisdecke im Nordatlantik vor Kanadas Küsten zur Welt kommen.
Durch die Klimaerwärmung verändert sich die Nordatlantische Oszillation (NAO). Darunter versteht man die Art und Weise, wie sich das Islandtief im Norden und das Azorenhoch im Süden zueinander verhalten. Die NAO prägt das Klima im Nordatlantik. Als Folge schmilzt das Meereis, also die auf dem Wasser schwimmende Eisschicht.
Die Stabilität der Eisdecke wird immer geringer, die Neueisbildung bleibt aus. Den Forschern zufolge führt das zu einem Massensterben von Jungtieren, die im kanadischen Sankt-Lorenz-Golf geboren werden. 2010 wurde sogar eine ganze Generationen neugeborener Robben ausgelöscht.
Die Sattelrobben Kanadas brauchen das Meereis, denn im Gegensatz zu Walen und Seekühen müssen Robben ihre Jungen auf festem Untergrund gebären, füttern und aufziehen. Tun sie dies nicht, ertrinken die Jungtiere, denn ihnen fehlt die Fettschicht, um im Wasser zu überleben.
"Die Art von Sterblichkeit, die wir in Ostkanada sehen, ist dramatisch", sagt Autor David Johnston. "Im Wesentlichen sterben alle Robbenbabys." Auf Dauer könne die Überlebensfähigkeit der gesamten Art infrage gestellt werden, warnen die Forscher.
Die im amerikanischen Online-Journal PloS ONE erschienene Studie besagt, dass das Meereis vor Kanadas Küsten seit 1979 im Schnitt um sechs Prozent pro Jahrzehnt zurückgeht. So werden immer mehr tote Robben vor der Küste Nordostamerikas angespült.
"Dass die Meereisdecke immer dünner wird, ist unbestritten", sagt auch Jörg Feddern von Greenpeace Deutschland. "Es ist eine unaufhaltsame Tendenz, die sich fortsetzen wird." Er schätzt die Dicke des Eises an weiten Stellen auf weniger als drei Meter. Zu wenig für die Robben, um dort ihre Jungen aufzuziehen. 2050, so fürchtet derUmweltschützer, könnte die Meereisdecke ganz verschwunden sein.
In den letzten Jahren wurden zum Beispiel 650 tote Jungtiere aus Kanada an der südlich vom Sankt-Lorenz-Golf liegenden US-Küste angeschwemmt – allein auf den 500 Kilometern zwischen Maine und Rhode Island.
Die Sattelrobben sind auf das Meereis spezialisiert. Auf dem Festland warten Feinde wie Eisbären und Jäger, die die Aufzucht von Jungtieren unmöglich machen. "Die Robben sind auf das Meereis angewiesen", so Greenpeace-Experte Feddern. "Sie können nicht einfach ihre Aufzuchtstätten verlagern."
Schon seit Jahren beobachten Umweltschützer und Meeresforscher die Situation der kanadischen Sattelrobben mit Unbehagen. Neben dem Klimawandel stellt die Jagd durch den Menschen die größte Bedrohung für die Robbenpopulation da: Das kanadische Fischereiministerium hat in den letzten Jahren mehrere hunderttausend Sattelrobben im Sankt-Lorenz-Golf und in Neufundland zur Jagd freigegeben. Wenn nun ganze Generationen an Robben ausbleiben, ist der gesamte Robbenbestand Kanadas in Gefahr.
Dass sich die globalen Eismassen durch den Klimawandel verändern, ist nicht erst seit gestern bekannt. Die jetzt veröffentlichte Studie aber verdeutlicht die Dringlichkeit, zu handeln. "Die Industrienationen müssen endlich anfangen, ihre Kohlendioxidemissionen zu senken", fordert Jörg Feddern, "sonst wird dieses sehr fragile Biosystem im Nordatlantik gestört – und wenn das passiert, werden uns einige böse Überraschungen erwarten".
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Die Welt befindet sich derzeit mitten in einem großtechnischem Experiment mit ungewissem Ausgang: Die intensive Freisetzung von Treibhausgasen, vor allem dem Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas, verändert die Atmosphäre des Planeten in einer erdgeschichtlich einmaligen Geschwindigkeit. Der Anteil von CO2 in der Atmopshäre ist so hoch wie seit Jahrtausenden nicht und die Emissionen haben 2010 einen historischen Rekordstand erreicht. Bislang ist die globale Mitteltemperatur der Erde gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum um etwa 0,8 Grad Celsius gestiegen. Setzen sich die bisherigen Trends fort, wird die Erde bis 2100 im Schnitt etwa vier Grad Celsius wärmer sein. In manchen Gegenden wie den Polgebieten wird der Anstieg noch deutlich größer sein.
Ursache für die Freisetzung der Treibhausgase ist zum größten Teil die Energiewirtschaft. Aber auch die industrielle Land- und Viehwirtschaft, die Zerstörung des tropischen Regenwalds und der Verkehr tragen große Mengen zum menschengemachten ("anthropogenen") Klimawandel bei, der die natürlichen Schwankungen (etwa durch Sonnenaktivitäten oder geologische Phänomene) inzwischen deutlich überdeckt. Der UN-"Klimarat" IPCCC hat mit einer überwältigenden Mehrheit der zuständigen Wissenschaftler in bislang vier Sachstandsberichten klargestellt, dass der Klimawandel real ist, schneller als gedacht abläuft und zum großen Teil von menschlicher Aktivität verursacht wird. Der aktuelle Bericht des IPCC datiert von 2007, der fünfte Bericht wird für 2014 erwartet.
Fast alle Fachleute (mit Ausnahme einiger weniger oftmals unqualifizierter und politisch motivierter "Klimaskeptiker") gehen davon aus, dass eine solche Veränderung des Klimas massive Folgen nach sich zieht: Die Meeresspiegel könnten bis zu einem Meter steigen, die Gletscher in vielen Gebirgen abschmelzen und die Wasserversorgung gefährden; Vegetationszonen verschieben sich bereits, Tiere und Pflanzenarten geraten unter zusätzlichen Druck, die Ernährung der Bevölkerung ist bedroht. In vielen Regionen nehmen die Wetterextreme zu und bisher gewohnte Muster wie der Monsun in Indien beginnen sich zu verändern. Ab einem bestimmten Punkt befürchten Wissenschaftler einen "Rückkopplungseffekt", an dem sich die Klmaerwärmung von selbst verstärkt: Schmilzt etwa das Eis an den Polen absorbiert das dunklere Wasser mehr Sonnenenergie, erwärmt sich und schmilzt darauf wiederum mehr Eis. Als solche "Kipppunkte", an denen das Weltklima eine rasche Erwärmung erfahren könnte, wenn eine Schwelle überschritten ist, gelten zum Beispiel die Polkappen, der "Golfstrom", der Amazonas-Regenwald oder die auftauenden Permafrostböden vor allem in Sibirien.
Die Menschheit hat das Problem bereits relativ früh erkannt, aber bislang nur sehr zögerlich reagiert. 1992 schlossen die meisten UN-Staaten die "Klimarahmenkonvention" UNFCCC, die zum Ziel hat, eine "gefährliche menschengemachte Veränderung des Weltklimas" zu verhindern. 1997 folgte daraus das Kioto-Protokoll, in dem sich die Industrieländer, die historisch für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind, zu einer Reduzierung ihrer Emissionen um ingesamt 5,2 Prozent bis 2012 gegenüber 1990 verpflichteten. Obwohl sich die USA als damals größter Verschmutzer aus dem Abkommen zurückzogen, wurden die Quoten erreicht - doch die weltweiten Emissionen stiegen und steigen weiter steil an. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung der "Schwellenländer" wie China, Indien, Brasilien oder Südafrika, die unter dem Kioto-Protokoll zu keiner Reduktion verpflichtet sind, heizt inzwischen das Klima stark auf. Nach einem gescheiterten Versuch, auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zu schließen, der alle Länder umfasst, gibt es nun eine solche Perspektive für 2020: Bis zu diesem Zeitpunkt, so haben die Staaten einstimmig bei der Klimakonferenz 2011 im südafrikanischen Durban beschlossen, soll ein allgemeines internationales Abkommen den globalen Klimaschutz regeln.
Trotz aller Versprechungen sind die aktuellen Anstrengungen zum Klimaschutz aus Sicht der Wissenschaft bei weitem nicht ausreichend. Eine Studie des UN-Umweltprogramms UNEP vom Herbst 2011 kommt zu dem Schluss, dass bisher nur etwa 60 Prozent der nötigen Anstrengungen unternommen werden, um den Klimawandel auf zwei Grad Celsius bis 2100 zu beschränken - diese Schwelle gilt bei vielen Wissenschaftlern als die Obergrenze, bis zu der die Folgen des Klimawandels noch beherrschbar sind. Um dies zu erreichen, müsste der weltweite Ausstoß von CO2 etwa 2015 seinen Höhepunkt erreichen und dann rasch absinken. Die bisherigen Trends lassen eine solche Entwicklung allerdings sehr fraglich erscheinen. Viele Wissenschaftler gehen deshalb inzwischen davon aus, dass das 2-Grad-Ziel nicht mehr zu erreichen ist.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
06.01.2012 20:27 | Peter S.
Ach wie süß, dieses Robbenbaby. Liebe Frau Präkelt, Sie begeben sich auf das Niveau von Drückerkolonnen. Diese arbeiten mit ...
06.01.2012 20:11 | Mogck
Das ein paar Geisteskranke immer noch Jagd auf die hilflosen Tiere machen dürfen ist ein Skandal. ...
06.01.2012 19:02 | Mensch der denkt !
@reblek: Lieber die taz-Redaktion kritisieren aufgrund von "nicht korrekten Ausdrücken" als sich tatsächlich Gedanken über ...