Flattr-Chef über Paywalls

„Wir respektieren die Privatsphäre“

Linus Olsson über den Onlinespendendienst Flattr, eine Revolution, die ausgeblieben ist, und die deutsche Diskussion über Paywalls.

„Wir sind nicht darauf angewiesen, die Nutzer auszuspionieren und sie dann an den zu versteigern, der am meisten bietet“, sagt Linus Olsson.   Bild: designritter/photocase.com

Als Flattr vor zwei Jahren gestartet ist, wurde es vor allem in Deutschland intensiv genutzt, ähnlich wie das vergleichbare US-Startup Kachingle. Keiner konnte genau erklären, woran das lag. Ist es heute immer noch so?

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Linus Olsson: Wir zwingen die Leute nicht, uns zu sagen, woher sie kommen. Wir können aber sehen, dass andere Inhalte zwar aufgeholt haben, deutschsprachige Inhalte aber immer noch vorne sind. Im Moment müssten es noch um die 50% sein.

Nach dem großen Hype stagnierte die Verbreitung von Flattr. Was war das Problem?

Es hat nicht stagniert, aber die technischen Anforderungen sind bis heute zu hoch. Deswegen ist es schwer, Leute zu erreichen, die keine Techies sind. Wenn jemand Inhalte erstellt, ihm aber die technischen Fähigkeiten fehlen einen Flattr-Button einzubauen, kann ihn niemand flattern. Es gibt auch viele Plattformen, auf denen sich der Button in seiner ursprünglichen Form gar nicht einsetzen lässt: das betrifft die großen Content-Plattformen wie Youtube oder Flickr, aber auch die Sozialen Netzwerke. Deswegen verändern wir gerade grundlegend die Art, wie Flattr funktioniert.

Wie sieht das aus?

Flattr soll an bestehendes Verhalten im Netz andocken. Das beste Nutzungs-Szenario wäre: jemand hat einen Account, wenn er dann Inhalte konsumiert und zu erkennen gibt, dass sie ihm gefallen, flattert er sie automatisch. Sie werden in der Lage sein, einen Tweet zu flattern einfach indem Sie ihn „favorisieren“. Wir ermöglichen es auch, dass unsere Partner ein Szenario schaffen, bei dem der reine Konsum ausreicht. Das heißt, beispielsweise, wenn Sie ein Lied auf der Plattform Grooveshark hören, flattern Sie damit den Künstler.

Der Schwede hat gemeinsam mit dem Netzaktivisten Peter Sunde (Pirate Bay) Flattr 2010 gegründet. Olsson ist Geschäftsführer des Mikrospendendienstes. 

Sie arbeiten also gerade mit den großen Plattformen und Netzwerken an einer Integration von Flattr...

Wir müssen gar nicht wirklich mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist das schöne an der Standardisierung von Programmierungsschnittstellen. Wenn Sie einen Tweet flattern, ist das ganz einfach der API von Twitter zu verdanken, und nicht einer Partnerschaft zwischen uns und Twitter.

Auf welchen Plattformen ist Ihr Dienst bis jetzt integriert?

Auf Twitter, aber auch auf den Plattformen Flickr, Vimeo, 500px, GitHub, Instagram, Soundcloud und App.net.

Das Gesicht von Flattr war anfangs Peter Sunde, der Gründer der legendären Filesharing-Plattform Pirate Bay. Viele haben in Flattr deswegen eine Art nicht-kommerzielles Hacker-Projekt gesehen. Jetzt haben Sie Investoren und scheinen sich klar in Richtung eines klassischen Startups entwickelt zu haben. Wie kam es zu diesem Wandel?

Flattr ist nie ein nicht-kommerzielles Hacker-Projekt gewesen. Ohne eine Firma, ohne eine Geschäftsführung und Kapital im Hintergrund hätten wir nicht die nötigen Lizenzen bekommen, um Geld zu verwalten.

Das heißt, Flattr ist ein normales Startup ...?

Auf jeden Fall. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen uns und vielen anderen Startups. Wir hatten vom ersten Tag an ein klares Geschäftsmodell: Wir bewegen Geld zwischen Leuten hin und her und verlangen dafür eine Transaktions-Gebühr. Kostenlose Dienste wie Facebook müssen mit irgendetwas Geld verdienen, meistens mit Werbung. Und je mehr die Betreiber über ihre Nutzer wissen, desto mehr Geld verdienen sie.

Flattr kommt ohne Werbeeinnahmen aus ...

Deswegen können wir die Privatsphäre unserer Nutzer respektieren. Wir sind nicht darauf angewiesen, die Nutzer auszuspionieren und sie dann an den zu versteigern, der am meisten bietet. Wir haben verstanden, dass wir als Firma Geld einnehmen müssen – damit wir die rechtlichen Anforderungen erfüllen und technische Stabilität garantieren können. Wir haben Flattr nicht als eine Multimilliarden-Dollar-Firma gegründet, die es uns als Gründern erlaubt, auf einer eigenen Insel zu leben, weil wir unsere Nutzer wie Müll behandeln.

Investoren mögen es nicht besonders, wenn ihre Gründer kein Geld verdienen wollen...

Das war auch das Schwierige: Investoren zu finden, die in Flattr nicht nur ein „Business Case“, eine Geschäftsidee sehen.

 Solche Investoren gibt es wirklich?

Natürlich denken viele Investoren ausschließlich an Geld, es gibt aber auch die, die sagen: „Okay, das könnte ein gutes Geschäftsmodell sein, es könnte aber auch dem Netz einen gewaltigen Dienst erweisen.“ Die grundlegende Idee von Flattr ist: wenn wir es möglich machen, für frei zugängliche Inhalte zu zahlen, hilft das dem Netz, mehr solcher Inhalte hervorzubringen. 

Nicht wenige Medienanbieter sehen statt dessen nur eine Möglichkeit zu überleben: die Inhalte hinter einer Bezahlmauer zu verstecken.

Viele denken, dass man mit den existierenden Bezahlstrukturen nur dann Geld verdienen kann, wenn man die Inhalte wegzuschließt und die Leute so zum Bezahlen zwingt.

Schließen sich Flattr und eine Paywall gegenseitig aus?

Unser Dienst ließe sich theoretisch für eine Art Paywall nutzen, zumindest würde das unsere API erlauben. Man könnte nicht festlegen, wieviel Geld gespendet werden soll, aber man könnte vorschreiben, dass Nutzer flattern müssen, um zu irgend- etwas Zugang zu bekommen. Das würde allerdings unserem Grundgedanken widersprechen: je offener der Zugang zu Inhalten ist, desto mehr Leute werden die Inhalte finden, sie wertschätzen und dann über Flattr Geld dafür ausgeben.

Dieses Versprechen scheint nur wenige Medien in Deutschland überzeugt zu haben. Die Taz hat bis heute Flattr-Buttons in Online-Artikel integriert, der Freitag anfangs auch. Insgesamt waren die Medien aber sehr zurückhaltend. Wie erklären Sie sich das?

Viele Medien-Unternehmen sagen, dass es sich für sie wie Betteln anfühlt. Ich halte das für ein seltsames Argument. Wenn Sie am Tresen eines Cafés eine Trinkgeld-Büchse aufstellen, bedeutet das nicht, dass Sie betteln. Ein anderes Argument lautet: „Wir sind eine Firma, die Geld verdient, ob mit Werbung oder mit etwas anderem. Wieso sollten Leute uns noch extra Geld geben?“ Das aber ist eine Sache, die einfach mal getestet werden müsste. Und dafür müsste es man es ausprobieren.

Und wieso probieren es die großen Verlags-Häuser nicht?

Das Problem mit den Zeitungen ist, dass sie sich noch in der selben Debatte wie vor zwei Jahren befinden.

Nämlich?

Die Debatte lautet: „Wir müssen Paywalls ausprobieren“. Ich glaube, erst wenn sie das getan haben und merken, dass es doch nicht so läuft wie geplant, sind sie bereit, etwas anderes auszuprobieren.

 

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