Direktorin Wiebke Ahrndt über das Übersee-Museum

"Das hat eben seinen Preis"

Ein Gespräch mit Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums, über die "Faszination Ferne", Besucherzahlen und die Konkurrenz zu Science-Centern.

Außen schwer, innen licht: das Überseemuseum.  Bild: Jan Zier

taz: Was assoziieren Sie mit „Faszination Ferne“, Frau Ahrndt?

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Wiebke Ahrndt: Das Übersee–Museum!

Der Slogan soll ja, so haben es die Berater gerade empfohlen, der neue „Markenkern“ Ihres Hauses werden. Und wieder mehr BesucherInnen anziehen.

Der Begriff „Übersee“ ist ein bisschen schwammig und antiquiert. Aber man denkt im positiven Sinne an ferne, außereuropäische Welten, vielleicht mit einem Meer dazwischen.

Warum wird mit der neuen Botschaft „Faszination Ferne“ alles besser als mit „Völker, Handel und Natur“?

49, ist als Ethnologin eine Mexiko-Spezialistin und seit 2002 Direktorin des Überseemuseums.

Letzteres beschreibt unsere drei Fächer, ist aber sehr komplex. Was das mit dem Übersee-Museum zu tun hat, erschließt sich den Menschen nicht auf Anhieb. Angesichts der großen Konkurrenz, die wir in Bremen im Freizeitbereich haben, ist die Empfehlung der Gutachter: Seid klarer! Seid eindeutiger!

War das Übersee-Museum bisher zu kompliziert?

Nur im Auftritt nach außen.

Aber ist das Problem des Übersee-Museums das Marketing oder die Konkurrenz mit den Science-Museen?

Beides! Der Markenkern „Faszination Ferne“ wirkt sich aber auf das ganze Museum vom Scheitel bis zur Sohle aus, nicht nur auf das Logo und die Vermarktungsstrategie. Das darf nicht nur ein Slogan sein.

Lebt die neue Botschaft des Museums nicht vor allem vom Reiz des Exotischen?

Das haben wir uns auch gefragt. Es ist aber nicht die Exotik, die bei uns bedient wird.

Obwohl genau da der Ursprung des Museums liegt.

So sind natürlich alle Natur- und Völkerkundemuseen mal entstanden. Wir haben aber die Freiheit, mit unserer Tradition umzugehen, ohne die Geschichte zu leugnen. Wir gehen nicht davon aus, dass die Leute heute noch Exotismus und Raritätenkabinette erwarten, dagegen sprechen auch alle Besucherbefragungen. Sie erwarten außereuropäische Natur- und Kulturräume kennenzulernen, mit sachgerechter, aktueller Information.

Muss das Übersee-Museum sinnlicher werden?

Wenn man hier hereinkommt, dann empfängt einen die typische, schwere Ausstellungsarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts – die heiligen Hallen. Aber der lichte Innenhof mit seinen Kuppeln, der danach kommt, fasziniert mich auch nach all den Jahren noch. Seine Leichtigkeit prägt auch die Ausstellungen. Und ich finde, die Bäume, der Tempel, die Teichanlage im Lichthof ist ein ausgesprochen sinnliches Erlebnis. Das ist kein Erlebnis, wie man es in Science-Centern hat. Wir sind auch keines. Wir wollen auch keines sein.

Das ist aber gerade angesagt in der Welt der Museen.

Wir haben vieles, was man selbst ausprobieren kann. Aber wir haben auch einen Bewahrungsauftrag, was unsere Exponate angeht, die zum Teil viel älter sind als das Museum selbst und die man auch in 200 Jahren noch angucken können soll. Unter diesem Druck stehen Science-Center nicht. Die haben Stationen, die einfach ersetzt werden, wenn sie kaputt sind. Der Vergleich ist also problematisch. Und wir gehören noch immer zu den vier Prozent der am meisten besuchten Museen Deutschlands.

Vor ein paar Jahren kamen noch 40.000 mehr BesucherInnen als heute.

Keine Frage. Deswegen haben wir das Gutachten in Auftrag gegeben. Wir können das nicht einfach geschehen lassen.

Die Frage ist: Wie konnte es überhaupt passieren?

Die große Konkurrenz, die wir in der Region haben, ist nicht von der Hand zu weisen. Das hat eben seinen Preis.

Daran wird sich auch erstmal nichts ändern.

Wir wollen auch nicht klagen, dass so viel Konkurrenz auf dem Markt ist. Wir wollen unser Profil schärfen. Die Erwartungshaltung in der Stadt ist, dass die Besucherzahlen in den kommenden fünf Jahren wieder steigen.

Andere Häuser machen große Ausstellungen für die Quote, und kleine, wegen der Qualität.

Diese Trennung würde ich nicht machen wollen. Das eine schließt das andere ja nicht aus.

Nervt es Sie, dass die Qualität von Museen hauptsächlich an Besucherzahlen gemessen wird?

Das ist ein legitimer, aber eben der einfachste Parameter. Doch es ist auch eine starke Reduktion. Qualität bemisst sich ebenso an anderen Faktoren. Wir sind, auch das unterscheidet uns von den Science-Centern, auch ein Archiv mit 1,2 Millionen Objekten.

... und ein Ort der Kolonialgeschichte.

Das ist überhaupt nicht wegzudenken, gerade, wenn es um Afrika geht. Das Thema wird von uns auch in ganz unterschiedlichen Bereichen immer wieder aufgegriffen.

Müssten Sie da nicht auch Objekte zurückgeben, etwa an die Herero in Namibia, Opfer eines Genozids?

Die Exponate der Herero-Sammlung etwa sind extra für das Übersee-Museum angefertigt worden. Nicht alles, was aus einer Kolonie kommt, ist gleich geklaut. Wir müssen immer mal wieder über Rückgaben an die Herkunftskulturen verhandeln. Aber der Dialog mit ihnen geht inzwischen in anderen Bahnen: Da geht es um das Wissen über diese Kulturen, dessen Transfer. Das weist in die Zukunft.

 

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