Ausstellung: Fußball der 1970er Jahre

Den Ball flach gehalten

Die Fußballer von Eintracht Braunschweig stehen derzeit vor dem Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga, in der der Verein vor langer Zeit schon einmal spielte

Vor dem Spiel: Eintrachtspieler wärmen sich auf.  Bild: Hartmut Neubauer

„Wäre Eintracht Braunschweig in den späten 1980er-Jahren nicht so komplett in die Drittklassigkeit abgestürzt, würde sich heute niemand für die Fotos von Hartmut Neubauer interessieren“, ist sich Dieter Zembski sicher, „dann wäre der Fußballclub ein Bundesligaverein wie jeder andere.“ Zembski war zwischen 1975 und 1980 Abwehrspieler bei Eintracht Braunschweig. Nach der deutschen Meisterschaft 1967 und dem ersten Abstieg 1973 folgte die legendäre und sportlich konstant erfolgreiche Ära unter Trainer Branko Zebec.

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Während dieser Phase passierte etwas, das im heutigen Profifußball nicht mehr denkbar wäre: Der Kunststudent Neubauer erhielt über Zebec und einen befreundeten Spieler Zugang zu den Fußballprofis, konnte sie überall hin begleiten und fotografieren, war quasi ein weiteres Mitglied der Mannschaft. Hartmut Neubauer war jedoch ein schwieriger Zeitgenosse, ein Querkopf und Verweigerer, der folglich in der Fotoserie den Fußballeralltag ungeschönt und ohne jeglichen Glamour einfing. Heutzutage würden seine Bilder sofort von der Presseabteilung einkassiert – egal, in welchem Verein.

1947 in Braunschweig geboren, konnte sich Neubauer auf die finanzielle Sicherheit der väterlichen Maschinen- und Großküchenfabrik in Wolfenbüttel verlassen und begann ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und ab 1971 ein Fotografiestudium an der Folkwangschule Essen.

Bereits nach zwei Jahren verließ er auch diese „Schulanstalt mit ihrer Anhäufung neurotisch-ehrgeiziger fotografischer Einfaltspinsel“, wie Neubauer seine Entscheidung beschrieb, und setzte die Ausbildung an der Gesamthochschule Kassel fort. Seine dortige Examensarbeit wurde dann die Serie „Eintracht Braunschweig 1977–1979“.

Das Braunschweiger Museum für Photographie zeigt derzeit rund 60 Bilder aus der gut 100 Aufnahmen umfassenden Serie.

Hartmut Neubauer selbst wandte sich, nach einigen Veröffentlichungen und Ausstellungen seiner fotografischen Arbeit, ab Mitte der 1980er-Jahre vom Kunstbetrieb ab und lebt seitdem als Privatier in Thailand. Bei einem Besuch in Braunschweig Ende letzten Jahres soll er sich bezüglich der Fotos nicht mehr sonderlich gut sortiert gezeigt haben, er beklagte das damalige Desinteresse der Spieler an seiner Arbeit und ließ das Museum mit dem Material gewähren.

Einen aus heutiger Sicht äußerst unspektakulären Liga-Alltag abseits des Platzes zeigen Hartmut Neubauers Fotos. Während man aktuell mit Profifußballern eher Popstarallüren verbindet, scheint die Welt der 1970er-Jahre in Braunschweig noch heil, die Spieler scheinen bodenständig gewesen zu sein. Alles war bescheiden. Man trainierte mit ramponierten Bällen, die weißen Streifen der Fußballschuhe wurden fürs nächste Spiel mit Deckweiß aufgehübscht. Das obligate Trainingslager vor jedem Heimspiel fand am nahen Elm statt. Auch gab es nur einen Masseur, mit entsprechend langer Warteliste, für die ganze Mannschaft, und die Vereinsräumlichkeiten am Stadion versprühten das Flair eines kleinstädtischen Schulzentrums.

Dabei war Eintracht Braunschweig finanziell ganz gut gestellt, denn hier wurde im März 1973 die Trikotwerbung geboren. Sponsor Mast, Inhaber der Firma Jägermeister, ließ erstmals im Heimspiel gegen Schalke 04 in Oberteilen mit Hirsch-Logo auflaufen – anstelle des traditionellen Löwen – und stand auch darüber hinaus mit größeren Summen zur Verfügung.

Vielleicht ist es aber auch die spezifische Sicht Neubauers, sein „stechender Blick“, wie es sein Lehrer Floris Neusüss aus Kassel formulierte, gepaart mit einer lakonischen Grundhaltung. Neubauer wollte keine „schönen“ Bilder machen, schon gar nicht den Mythos Eintracht befördern, er verweigerte sich der atmosphärischen Bildreportage und kultivierte eine direkte Sehweise. „Wenn ich Gitarre spiele, will ich keine Musik machen, wenn ich fotografiere, will ich nicht fotografieren“, sagte Neubauer dazu. Seine klare Bildsprache ist aber nie entlarvend, auch nicht, wenn er einzelne Spieler und ihre Familien zu Hause porträtierte – vor zeittypischen Ornamenttapeten etwa, oder im Eigenheim auf dem Land.

Nun könnte zum Ende der Saison ja Eintracht Braunschweig wieder in die Erste Bundesliga aufsteigen. Ex-Profi Dieter Zembski ist fest davon überzeugt und bietet die Wette um eine Flasche Rotwein an, einen sehr guten allerdings.

Aber da war doch mal diese unschöne Geschichte mit Paul Breitner in Braunschweig, oder? Breitner kam im Jahr 1977 zur Eintracht, Sponsor Jägermeister holte ihn aus Madrid nach Deutschland zurück. Der Paule, so Zembski, war ein echter internationaler Profi und nur dank seiner Erfahrung konnten Auswärtsspiele wie das gegen Dynamo Kiew, im vollen Stadion, überhaupt durchgestanden werden – Endstand 1:1.

Aber es wurde auch vieles psychologisiert, auf einmal wurden Ballkontakte gezählt, es wurde analysiert und irgendwie eskalierte alles. Breitner hatte einen schweren Stand in Braunschweig, sein großes Haus wurde hämisch beäugt, es lag auch schon mal es totes Tier vor der Tür – und Paul Breitner verschwand nach nur einem Jahr Richtung Bayern.

Dieter Zembski zog es später, mit dem Ende seiner Verpflichtung bei Eintracht, zurück nach Bremen, wo er zuvor für Werder gespielt hatte. „Die Stadt Braunschweig hat den Paul Breitner einfach nicht verkraftet“, meint er abschließend zum Thema. Ein zukünftiger Erstligist Eintracht Braunschweig müsste sich auch auf diesem Feld neu beweisen.

 

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