Selbstausbeutung oder große Freiheit?

Die Plattformökonomie: eine gefährliche Entwicklung in der Welt der Arbeit oder eine Chance? Darüber scheiden sich die Geister, auch auf dem taz lab

Auch eine Plattform für qualifizierte Handwerker – von heute oder morgen Foto: Anton Petrus/getty

Den Marktplatz von morgen gibt es schon heute. Gab es gestern schon. Nur zeigt sich die Politik reichlich unvorbereitet, was neue Arbeitsmodelle, gerade plattformbasierte angeht. Obwohl sie im Kommen sind, schon lange, ist das Ende der Erfolgswelle kaum absehbar, ebenso wenig wie ihr Anfang. Längst werden sie munter genutzt: von Studenten, von qualifizierten Handwerkern, von Putzkräften. Und auf der anderen Seite von Verbrauchern jedweder Art.

Diese neue Ökonomie hat ein dickes Fell, braucht sie auch, denn von überall hagelt es Kritik. Dabei gibt es so verschiedene Ansätze und Systeme, dass man schnell den Überblick verlieren kann und sie aus Unwissenheit über einen Kamm schert. So auch im Mai 2017, als die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles im Rahmen des Evangelischen Kirchentags zur Generalkritik ausholte und mit ihrem Rundumschlag MyHammer, eine Vermittlungsplattform von Handwerksdienstleistungen, erwischte. Anfangs unterboten sich die Handwerker von Systemwegen gegenseitig, die Qualität litt und, wie der Anwalt des Unternehmens Matthias Niebuhr sagt, „man zahlte blutiges Leergeld“.

Also krempelte man weiter und in kürzester Zeit das Modell um. Heute zahlen angemeldete Handwerker 60 Euro im Monat und suchen sich ihre Aufträge aus. Über 20.000 Betriebe sind registriert, eine Menge denkt man, verglichen mit der absoluten Zahl an Handwerksunternehmen in Deutschland aber gerade so ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch es zahlt sich aus: MyHammer ist börsennotiert, und auf der anderen Seite profitieren Betriebe wie jener von Gerd Artmann, der seit der Nutzung der Plattform vier Leute angestellt hat, um der Auftragslage Herr zu werden.

Andrea Nahles entschuldigte sich übrigens im Nachgang in einem Brief, welcher der taz vorliegt. Sie hatte aber keineswegs pauschal Unrecht: Anders strukturierte Plattformmodelle, wie zum Beispiel die Putzkraftvermittlung Helpling, bewegen sich rechtlich wie moralisch mindestens in Grauzonen, es wird mit vernünftigem Stundenlohn geworben, aber wohl in Scheinselbstständigkeit gearbeitet.

Solche Tricks sind nicht neu und sicher nicht der Plattformökonomie eingefallen, die Unternehmen prädestinieren sich aber dafür. Mächtig in der Kritik stehen auch Kurier- und Lieferdienste wie Foodora und Deliveroo, die sich in ihren Beschäftigungsangeboten aber auch wieder unterscheiden. Unter den vielen Studenten, die teilweise auch angestellt sind, regt sich jedoch seit Längerem Widerstand, der bislang, sehr zum Missfallen der Unternehmen, in gewerkschaftlicher Organisation und der Gründung von Betriebsräten mündete.

Aber hier wie anderswo gilt es auch die unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Wenn schlecht qualifiziertes Personal sozialversicherungsunpflichtig scheinangestellt wird, ist das eine gefährliche Entwicklung, und die Politik sollte schleunigst dagegen vorgehen. Wird jedoch Schülern und Studenten ein Minijob mit flexibler Arbeitszeiteinteilung oder Handwerkern die Chance auf Expansion geboten, so ist das eine gute Sache.

Die Gig-Economy bietet mindestens so viele Tücken wie Chancen

Zenjob beispielsweise ist ausschließlich Studenten zugänglich. Nach einer Blitzeinarbeitung können sich Interessierte per App für kurzfristige Kleinsttätigkeiten vom Spüldienst bis zum Promojob auf der Messe bewerben. Die erste Hälfte des Gehalts gibt es – für Studierende nicht unpraktisch – gleich am nächsten Tag. Und die zweite am Monatsende gegen digitale Einreichung der Unterlagen, die man zu jedem Auftrag bekommt. Immer mindestens 11 Euro die Stunde. So viel gab es früher beim Zeitungsaustragen kaum.

Die Quintessenz bleibt, dass die Politik sich intensiv mit Plattformökonomie auseinandersetzen sollte, sich auf weiteren Zuwachs vorbereiten muss, um bei Fehlentwicklungen frühzeitig eingreifen zu können.

Gig Economy, so der aus Amerika stammende Begriff dafür, ist ein riesiger Markt, der beständig und vor allem schnell wächst. Er bietet mindestens so viele Tücken wie Chancen, vor allem wenn die Politik, ob eigener Unwissenheit, unfähig ist, regulatorisch einzugreifen. Verfluchen sollte man sie aber ebenso wenig. Studenten verdienen oft mehr als beispielsweise Hilfskräfte in Universitäten, und auch wenn nicht alles glatt läuft, lernen sie früh, selbst als geringfügig Beschäftigte, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Eine tragende Säule unserer Sozialsysteme, die zuletzt gerade von jungen Menschen schmerzlich vernachlässigt wurde. Und wo in der Arbeitswelt läuft schon alles glatt?