zwischen den rillen

Global transformieren, lokal programmieren

Errorsmith: „Superlative Fatigue“ (PAN/Al!ve)

Auch die Besten machen schlapp, wenn sie nonstop mit Superlativen bombardiert werden. Techno bildet da keine Ausnahme: Wer hat die beste Anlage, legt das ausdauerndste DJ-Set hin, generiert die längste Schlange vor der Clubtür?

Erik Wiegand alias Errorsmith ist das einerlei. Sein neues Album, das erste seit 2004, hat er „Superlative Fatigue“ genannt. Von Erschöpfung keine Spur, obwohl er seit Anfang Neunziger Teil der Szene um den Berliner Plattenladen Hardwax ist. Jetzt schaut der 48-Jährige über den Tellerrand. Denn in Homestudios von Gqom-Produzenten im südafrikanischen Durban, bei Batida-Musikern in der Peripherie von Lissabon und der verzweigten Afrobeats-Szene zwischen London und Accra wird an einer Zukunft jenseits der geraden Bass­drum gebastelt. Von dort lässt sich Errorsmith im Zusammenspiel aus Snares, Claps und einer desorientierend rollenden Bassdrum inspirieren und nimmt auch Elemente tradi­tio­neller Folkmusik mit auf. Weltmusik 2.0 nennt US-Autor Jace Clayton diesen Hybrid aus Technologie, Tradition und transkontinentaler Vernetzung. Letztlich braucht man dafür nur Laptop, eine gute Internetverbindung und gecrackte Software und den Willen, mit eigenen Ideen die Welt zu erobern.

Auf „Superlative Fatigue“ haben diese transnationalen Rhythmusbewegungen ihre Spuren hinterlassen. Funky Basslines, Snares und Claps treiben die Rhythmen an, aber angenehmerweise verzichtet Errosmith auf den kitschigen Flirt mit Autotune, der überall in der Weltmusik 2.0 populär ist. Stattdessen transformiert Wiegand global zirkulierende Rhythmen zu einer eigenen Soundästhetik. Für diese hat er einen Synthesizer programmiert, der mittlerweile von einer Berliner Softwarefirma vertrieben wird. Dessen Sounds sind mit analogen Schaltkreisen nicht reproduzierbar, sondern bringen auch gut ausgestattete Computer an den Rand der Rechenkernschmelze. Statt erdiger Wärme und stilsicherem Vintage-Sound entwirft Wiegand eine digitale Präzision, die den rhythmischen Futurismus der globalen Beatszene auch klanglich auffängt. Außerdem entzieht er sich damit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung. Hier produziert ein Fan, der gerade nicht so klingen will wie diejenigen, die er bewundert, sondern dem stets klar ist, dass seine Musik mit Mikropräzision in einem Berliner Studio entsteht. Gerade weil Errorsmith all diese Fallstricke umgeht, ist „Superlative Fatigue“ ein gut gelauntes Album mit avancierter Tanzmusik geworden. Nicht umsonst heißt einer seiner Tracks „I’m interesting, cheerful and sociable“. Wiegand nimmt einen Afro-Beats-Rhythmus und wiederholt darüber grelle Synthesizerschleifen, die sich wie eine Achterbahn in die Höhe schrauben, um mit lautem Kreischen in die Tiefe zu stürzen.

Im Titelstück „Superlative Fatigue“ nimmt er dagegen Marimba-Sounds auf, entkernt sie von tropischen Klischees mit euphorischen Synthiehooklines und lässt diese mit sich selbst Call-and-Response spielen, bevor das Stück zu einem rammdösigen Rhythmus ausufert. So schafft er eine Alternative zum Peaktimesound auf dem Dancefloor, Errorsmith parodiert dessen Konventionen – emotionale Build-ups und euphorische Drops –, tut das allerdings ohne Schenkelklopfen, sondern mit Spieltrieb. Schließlich sind nicht Emotionen und Euphorie problematisch, sondern ihre immer gleiche Aufbereitung. „Superlative Fatigue“ ist ein überschwängliches, sehr präzises Album, mit das beste elektronische Werk, das 2017 ein Berliner Studio verlassen hat. Soviel Superlativ muss schon sein.

Christian Werthschulte