Diskussion um bargeldlose Zukunft

Was für eine Scheindebatte

Sind wir auf dem Weg in eine Welt ohne Bargeld? Und was droht, wenn Scheine und Münzen abgeschafft werden? Vier taz-RedakteurInnen über Geld.

In einem geöffneten Portemonnaie befinden sich Scheine und Münzen

Wenn ich jedes U-Bahn-Ticket, jede Currywurst und jede Socke mit meiner Geldkarte bezahlen muss, kann der Staat ein lückenloses Bewegungsprofil erstellen Foto: dpa

Das ist gruselig

Ich habe eine Aversion gegen Schnüffelei. Früher kramte die Stasi in meinem Leben herum. Seit dem Mauerfall ist mein Alltag stasifreie Zone. Trotzdem fühle ich mich beschnüffelt.

Neulich auf der Bank. Die Schalterfrau fragte, ob ich nicht einen Kredit bräuchte. Sie druckte meinen Umsatz aus, kommentierte meine Einnahmen und spekulierte über die Ausgaben. Und sagte: „Super Scoring.“

Eine Frau, die ich nicht kenne, weiß Dinge über mich, die ich selber nicht weiß. Das ist gruselig. Um zu vermeiden, dass jede Bankangestellte erfährt, wo ich meine Schlüpfer kaufe und ob ich genug Obst esse, bezahle ich die meisten Dinge meines täglichen Bedarfs mit Bargeld. Es geht niemanden etwas an, ob ich abends drei Flaschen Jägermeister wegsaufe oder mir Hardcore-Pornos reinziehe.

Das erfahren aber viele Leute, wenn es kein Bargeld mehr gibt: irgendwelche Heinis vom Finanzamt, vielleicht die Krankenkasse, mein Handyanbieter. Hysterischer Quatsch? Schon jetzt sind die Daten jeder Person über 50-mal gespeichert: Polizei, Rentenkasse, Autoversicherung. Harmlose Institutionen.

Das wird sich ohne Bargeld ändern. Wenn ich jedes U-Bahn-Ticket, jede Currywurst und jede Socke mit meiner Geldkarte bezahlen muss, kann der Staat ein lückenloses Bewegungsprofil erstellen. Dann bin ich nicht nur privat gläsern. Dann ist auch jede politische Aktivität unter staatlicher Kontrolle. Und das hat noch nicht einmal die Stasi geschafft.

SIMONE SCHMOLLACK

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Der anonyme Reichtum

Große Mengen Bargeld sind wie Prostitution: Die Fälle, in denen sie der Menschheit Gutes tun, muss man schon mit der Lupe suchen – und doch finden sich für beide Phänomene Verteidiger im Namen der Freiheit. Dahinter steckt im besten Fall die Furcht vor einem Staat, der eh schon zu viel weiß und vorgeben will. Diese Furcht ist so berechtigt wie manch andere auch, etwa die vor Waffen, die ja beides können: Leben vernichten und Leben retten.

Bei uns etwa ist das Führen von Messern rigiden Regeln unterworfen. Ein allgemeines Tempolimit beim Führen eines deutlich effektiveren Mordgeräts einzuführen, gilt hingegen als unzumutbare Einschränkung.

Der EU-Kommissar: Günther Oettinger prophezeite vor wenigen Wochen auf einer Veranstaltung: „Bargeld stirbt aus: Wir werden mit der Apple-Watch bezahlen, mit dem Smartphone bezahlen.“ Dabei sprach er sich aber gegen die Abschaffung des 500-Euro-Scheins aus: „Haltet am Bargeld fest – der Markt macht es“, so Oettinger.

Der Wirtschaftsweise: Peter Bofinger forderte schon 2015 im Spiegeldas Ende des Bargelds: „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus.“ Die Abschaffung trockne „die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen aus“. Der Euroraum, die USA, Großbritannien und die Schweiz sollten gleichzeitig auf Bargeld verzichten.

Der Bundesbankvorstand: Mitglied Carl-Ludwig Thiele sagte, es dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, der Bevölkerung würde nach und nach das Bargeld entzogen: „Man muss sich hierbei vor Augen halten: Die Freiheit stirbt häufig scheibchenweise.“

Wer große Mengen Geld besitzt oder in Umlauf bringt – was groß meint, muss die Gesellschaft gemäß ihrer Vorstellung von einem harmonischen Zusammenleben entscheiden –, sollte nachweisen müssen, wie er zu ihnen gekommen ist. Tatsächlich ist es aber so: Bei den Zahlen zur Vermögensverteilung in Deutschland werden Haushalte über 18.000 Euro Monatseinkommen gar nicht erst erfasst. Reichtum ist anonym, eine Vermögenssteuer brächte wenigstens mal eines: Auskunft über die Verhältnisse.

Wer solches Streben nach Transparenz, zu der die Begrenzung des Bargeldverkehrs ein diskussionswürdiger Schritt ist, dem gegenüber Sentimentalität oder Freiheitsbeschwörungen blass aussehen, ablehnt, sollte aber einfach tun dürfen, wonach ihm ist: Das fällige Bußgeld kann er dann ja bar bezahlen.

AMBROS WAIBEL

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Das slowenische Abenteuer

„Ihr Kassenbon, Ihr Kassenbon!“ Die Verkäuferin war aus ihrem Kassenkabuff geradezu herausgefallen und lief mir mit dem kleinen Zettel wedelnd hinterher. Ach ja, der Kassenbon. Seit dem Jahreswechsel verlangt die slowenische Regierung, dass jedes Geschäft, vom Obststand am Markt bis zum Discounter, direkt mit dem Finanzamt verbundene Registrierkassen verwendet.

Zur Vorbeugung des Steuerbetrugs diene die Maßnahme hieß es, Mehreinnahmen von 75 Millionen Euro versprachen sich die Behörden schon im ersten Jahr. Teil der Regularien ist die Pflicht, nach jeder Transaktion einen zertifizierten Kassenbon auszugeben, den KundInnen tatsächlich mit sich zu führen hätten.

Den Bon also musste ich mitnehmen, sonst würde die Verkäuferin vermutlich von verrohten Finanzbeamten gerädert und ich müsste die Urlaubskasse dem slowenischen Staatshaushalt zuführen. Immerhin darf noch Bargeld verwendet werden. Sonst wüssten gleich alle, inklusive des ideellen Gesamthackers, dass ich rauche, zu wenig Gemüse esse und Laško statt Union-Bier trinke, obwohl das in Ljubljana als unschicklich gilt.

Das mit den Steuermehreinnahmen hat übrigens nicht geklappt, im ersten Quartal sind die versteuerten Umsätze des Einzelhandels in Slowenien um gut ein Prozent gesunken.

„Jetzt nehmen Sie doch in Gottes Namen Ihren Kassenbon.“ Die Frau zwang sich zurück in ihr Kabuff, und ich warf den Bon in respektvoller Distanz in den Müll. Als ich dann festgenommen wurde, war ich gar nicht überrascht. Es hatte alles seine Ordnung.

DANIÉL KRETSCHMAR

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Der radikalste Versuch

Die Idee, nicht nur große Banknoten und Bares, sondern – viel radikaler – gleich alles Geld abzuschaffen, hat es schon gegeben. Und das nicht nur in der Theorie.

Es waren aber nicht gierige Kapitalisten, die das Projekt ausbrüteten, um auf diese Weise Kunden und Konsumenten zu versklaven.

Nein, es waren Revolutionäre um den Kambodschaner Saloth Sar, die sich in Paris in marxistischen Zirkeln eine neue, gerechtere Welt erträumt hatten.

Als ihre Truppen, später bekannt als „Rote Khmer“, am 17. April 1975 in der Hauptstadt Phnom Penh einmarschierten, machten sie schnell kurzen Prozess: Innerhalb von drei Tagen zwangen sie alle Bewohner, die Stadt zu verlassen. Sie erklärten alles Geld für wertlos, verboten privaten Besitz, stellten Tauschhandel unter Todesstrafe. Von rund 2 Million Menschen, die bis dahin in Phnom Penh gelebt hatten, durften nur 50.000 „Zuverlässige“ zurückbleiben, die meisten waren Soldaten.

Saloth Sar, der den Kampfnamen Pol Pot angenommen hatte, ließ die Nationalbank Kambodschas sprengen. Die aus den Tresoren und Säcken befreiten Scheine bedeckten die Straße rund um das zerstörte Gebäude.

Die „Angka“ (Organisation) Pol Pots erklärte, sie werde jeden „nach seinem Verdienst für die Revolution“ mit Lebensmitteln versorgen. Mindestens 1,7 Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung – kamen bis zum Sturz des Regimes Anfang 1979 ums Leben.

Pol Pots Leute verkauften derweil Antiquitäten ins Ausland – gegen Geld. Er selbst starb am 18. April 1998 friedlich in seinem Bett.

JUTTA LIETSCH

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