TV-Experiment Fußballgucken

Der tägliche Wahnsinn am Mikrofon

Unser Autor hat sich eine Woche lang der Fußball­dauerberieselung ausgesetzt. Fazit: Man kann auch mal aus dem Haus gehen am Freitagabend.

Auf dem Spielfeld eines Stadions stehen viele Sofas

Stadionlaune auf der Couch Foto: imago/Matthias Koch

Mittwoch. Atlético Madrid – FC Bayern München, 1:0

Atlético heißt jetzt Atléti. Das kann man bei der Übertragung des Halbfinalhinspiels in der Champions League lernen. Der Reporter sagt es immer wieder. Wahrscheinlich muss man wissen, warum man jetzt Atléti sagt. Doch darüber denkt niemand für mich nach. Béla Réthy nicht und schon gar nicht der Experte Oliver Kahn. Dafür beginnt die Woche des Nachdenkens über die Hinterlassenschaft von Pep Guardiola nach drei Jahren Tätigkeit beim FC Bayern. Kann einer ein guter Trainer sein, der Thomas Müller nicht aufstellt gegen diese harte Truppe? Und Ribéry spielt auch nicht. Und nach dem 1:0 für Atléti setzt das große Warten auf das Auswärtstor ein. Kann das bitte mal einer nachzählen, wie oft das Wort Auswärtstor in dieser Woche gefallen ist? Das Wort Balkanroute hatte seine Zeit, die Panama Papers hatten fast zwei Wochen und Böhmermann sowieso noch viel mehr. Hinter uns liegt die Woche des Auswärtstors. Dass die Null stehen geblieben ist bei den Bayern, wirkt wie eine Staatsaffäre. War noch was wichtig in Madrid? Eine Autobahn verläuft direkt unter den Tribünen des Atléti-Stadions Vicente Calderón.

Donnerstag. Villarreal CF – FC Liverpool, 1:0

Jürgen, Jürgen über alles. Aber auch seiner Mannschaft gelingt kein Auswärtstor, und das Heimtor fällt in diesem Europa-League-Halbfinale so spät, dass Tränen des Mitgefühls für Jürgen Klopp aus dem Fernseher laufen. Wo doch der Ivorer so gut gespielt hat. Und auch der Waliser nicht schlecht war, der jetzt auf der Position dieses deutschen Nationalspielers spielt und ihn vielleicht aus der Mannschaft verdrängt. Ivorer und Waliser sind die Lieblingsherkunftsbezeichnungen jedes Sportreporters. Das hat der Ivorer clever gelöst. Früher hat immer der Leimener Tennis gespielt, wenn man den Fernseher eingeschaltet hat, heute spielen Ivorer und Waliser Fußball. Neben Auswärtstor ist „emotional“ das Wort dieses Spiels. Das hat mit dem Viertelfinale zu tun und dem emotionalen Schlusspunkt eines ohnehin emotional aufgeladenen Spiels, in dem der Dortmunder Extrainer gegen seine Exmannschaft anzutreten hatte. Und jetzt geht es wieder gegen eine Mannschaft in Gelb, lernt man vom Reporter. Und in der ganzen Stadt hängen gelbe Fetzen aus den Fenstern. Wenn die Fans zu Beginn des Spiels das Lied der Beatles „Yellow Submarine“ anstimmen, weil sich der Verein auch „Gelbes U-Boot“ nennt, dann ist das natürlich eine hoch emotionale Angelegenheit. Schließlich kommen die Gäste aus der Stadt, aus der die Beatles kommen, auch wenn sie eigentlich Waliser oder Ivorer sind.

Freitag. FC St. Pauli – TSV 1860 München, 0:2

Champions League kann man immer schauen. Da sagt niemand was. Europa League kann man auch noch gut begründen – bei deutscher Beteiligung und ab dem Halbfinale auch ohne Bundesligaverlierer. Bei der 2. Liga ist das schon schwieriger. Mit wie vielen anderen Menschen sitzt man eigentlich vor der Kiste bei so einem Spiel? Wie viele Plätze wohl frei blieben, wenn man die alle in die Fröttmaninger Versicherungsarena setzen würde? Es geht um den Bierofka-Effekt. 60 gewinnt, und es ist plötzlich vorstellbar, dass der Klub doch nicht absteigt. Im Stile einer Spitzenmannschaft. Hat der das wirklich grade gesagt? Ein gutes Zweitligaspiel. Das hat er ganz sicher gesagt. Ob er recht hat, kann nur beurteilen, wer sich öfter in den Zweitligaübertragungen bei Sky tummelt. Ob man das wirklich tun sollte? Manches würde einem vielleicht nicht auffallen, wenn man es nicht 90 Minuten vorgeführt bekäme. „Think Blue“ steht auf den Trikots der Münchner, und ihr neuer Trainer heißt Bierofka. Es geht lustig zu im Unterhaus. Danach meldet sich Fritz von Thurn und Taxis aus dem Erstligastadion in Augsburg. Er moderiert das Spiel gegen Köln so an, als würde da um den WM-Titel gekickt. Der Wahnsinn am Mikrofon und Grund genug zum Ausschalten. Man kann ja auch mal aus dem Haus gehen am Freitagabend.

Samstag. Eintracht Braunschweig – 1. FC Nürnberg, 3:1

Das Spiel gibt lange keine Antwort auf die Frage, ob der Klub ein Depp ist oder nicht. Nürnberg spielt ganz gut und verliert trotzdem hochverdient mit 1:3. Eigentlich schon ziemlich deppert. Wieder soll es sich um ein gutes Zweitligaspiel handeln, und man will sich gar nicht ausmalen, wie wohl ein schlechtes aussieht. Es ist noch früh am Nachmittag, vielleicht noch zu früh, um sich ein solches Spiel schönzutrinken. Der Braunschweiger Trainer hat taktisch immer etwas auf Lager, sagt der Reporter, und dass der Spieler Jan Hochscheidt, dessen Trikot schon in der ersten Minute durchgeschwitzt ist, früher kein Innenverteidiger war. Vielleicht doch ein Bier?

Samstag. FC Bayern München – Mönchengladbach, 1:1

Schön, dass es Andreas Ottl noch gibt. Bei Sky freut man sich, den ehemaligen Ergänzungsspieler der Bayern als Spielfeldrandexperten präsentieren zu können. Er glaubt, dass Bayern in diesem Jahr auf jeden Fall die Meisterschaft gewinnen wird. Dass er mit dieser Meinung nicht ganz alleine dasteht, wird er wissen. Ottl? Da war doch was. Genau, der ist doch mal von der Polizei abgeholt worden, weil er seine Freundin angegriffen hatte, woraufhin er im Suff die Beamten beschimpft hat. Quatsch, das war Christian Lell, der bis vor Kurzen beim TSV Weyarn in der Kreisklasse gespielt hat und jetzt Yachten vermietet. Auf dem Spielfeld passiert nicht viel, sodass man ein wenig durch das eigene Fußballhirn spazieren kann, um nachzusehen, was sich da so alles findet. Irgendwann ist Bayern Meister. Und dann wieder nicht, weil Gladbach ein Auswärtstor schießt. Halt! Auswärtstore gibt es nur bei K.O.-Paarungen mit Hin- und Rückspiel. Nein, es ist wirklich nicht viel los auf dem Platz. Trotzdem ist wieder viel vom Auswärtstor die Rede. Herr Fuß von Sky spricht vom Sandwichspiel inmitten des Champions-League-Halbfinales. Vielleicht sind Sandwichspiele ja nie gut. Dann hätten man vielleicht nicht eingeschaltet und wüsste nicht, dass man mit Magenta-Tarifen dem Roaming die Rote Karte zeigen kann.

Sonntag. FC Bayern München – Bayer Leverkusen, 5:0

Bayern wird doch noch Meister an diesem Wochenende. Die Frauen schlagen Leverkusen mit 5:0 und freuen sich. Und der Reporter des Livestreams vom Bayerischen Rundfunk kündigt an, dass man sich das nicht entgehen lassen wolle. Normalerweise seien die Zuschauer gewohnt, dass die Übertragung mit dem Schlusspfiff ende, sagt er. Aha. Die Feier ist ganz nett. Ein paar Männer schreien von der Tribüne: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ Sie meinen wahrscheinlich Leverkusen. Andere klatschen einfach und singen. Ein rot-weißes Transparent hängt einsam in der Ostkurve. „Euer Hass ist unser Stolz“, steht darauf. An wen sich das wohl richtet? Eine Frau, die interviewt wird, sagt, dass es im nächsten Jahr dann endlich auch im Europapokal besser laufen soll. Auswärtstore wären in jedem Fall hilfreich.

Montag. Werder Bremen – VfB Stuttgart, 6:2

Ein Erstligaspiel am Montag. Vielleicht besser als ein Zweitligaspiel, auch wenn Bremen und Stuttgart vielleicht bald Zweitligisten sind. Ist man an der weiteren Zerstückelung des Spieltags in der Bundesliga schuld, wenn man sich das Spiel anschaut? 6:2. Tolle Bremer, unterirdische Stuttgarter. Wie wäre das Spiel wohl verlaufen, wenn es an einem stinknormalen Samstagnachmittag stattgefunden hätte? Die Partie wird jedenfalls schon mal so präsentiert, als wäre sie Werbung für den Montagsfußball.

Dienstag. FC Bayern München – Atlético Madrid, 2:1

Atléti heißt heute wieder Altético – wenigtens auf Sky. Sebastian Hellmann ist wie immer gut informiert: „Bayern will ins Finale, Atlético aber auch.“ Das macht es natürlich besonders schwer. Für beide wahrscheinlich. Ein lustiger Holländer will Taktikspaß vermitteln, und am Mikrofon im Stadion ist wieder der Herr Fuß. Er sieht den Bayern sofort an, dass sie wirklich gewinnen wollen. Sebastian Hellmann schien also recht zu haben. Vielleicht liegt es ja doch an der Qualität des Spiels, wenn man nicht so sehr auf die Bandenwerbung achtet. Bei so einem Spiel will man sich ja nun wirklich nicht mit Gazprom beschäftigen. Die Elfmeter entscheiden das Spiel nicht, sondern das Auswärtstor. Gut, dass wir uns eine Woche lang intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt haben. Am Ende diskutieren weise Fußballmänner an einem kreisrunden, weißen Tisch, der so aussieht wie man sich einen Miniaturteilchenbeschleuniger vorstellen könnte. Wenn sie Durst haben, dürfen sie an einem Glas Wasser nippen. Selbst militante Nichtraucher, die sich überreden haben lassen, das Spiel in einer überfüllten Raucherkneipe anzuschauen, dürften beim Anblick dieses aseptischen Fußballreinraums glücklich über jede Nikotinwolke sein, die ihnen in die Nase weht. Das hat der Fußball überhaupt nicht verdient. Und dieses Spiel schon gar nicht.

Wie geht es eigentlich in der Ligapause weiter? Bis zur Europameisterschaft und danach? Ein paar Testspiele wird es geben. Auf Eurosport wird regelmäßig die Major League Soccer aus den USA übertragen. Und am 5. August fängt dann die 2. Liga auch schon wieder an. Das ist zu schaffen.

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