KONTROLLE „Deutschlands lautester Polizist“ – für ihn ein Kompliment. „Rechtspopulist“ – so kann man ihn auch gern nennen. Was treibt Gewerkschaftsboss Rainer Wendt?

Die Stimmungskanone

Es gibt Dinge, die sind wichtig, und es gibt Dinge, die sind egal. Rainer Wendt im Wunderland von Kalkar

Dieses Ding muss doch irgendwie ausgehen, aber Rainer Wendt weiß nicht, wie. Er hat den Heckscheibenwischer nicht unter Kontrolle. Es ist trocken draußen, kein Regen, kein Schnee, nichts, aber der Scheibenwischer schwingt und schwingt.

Er schwingt schon im Parkhaus am Flughafen Düsseldorf, dritte Etage, Platz 3.116.

Er schwingt in Stockum und Strümp.

Er schwingt in Moers-Hülsdonk.

Der Wischer schwingt auch noch, als Rainer Wendt 52 Mi­nuten und 81,2 Kilometer später auf dem Parkplatz am ­Wunderland Kalkar den Mietwagen einparkt, einen grell­roten Opel Astra, der noch leicht nach dem erkalteten Zigaret­tenrauch eines Vormieters riecht. Es gibt Dinge, die sind wichtig. Und es gibt Dinge, die sind egal.

Egal ist: dass der Scheibenwischer 52 Minuten lang schwingt, obwohl es nicht regnet, und was andere von Rainer Wendt denken.

Wichtig sind: Mama, die Sache mit dem Zaun und das Thea­ter im Landesvorstand Nordrhein-Westfalen, das endlich enden muss.

Kalkar, Ortsteil Hönnepel, es ist dunkel draußen. Rainer Wendt – Alter: 59 Jahre, Körpergröße: 1,68 Meter, Position: Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft – stellt an diesem Abend im November den Motor ab und geht dann zügig zur Rezeption, hinauf in den dritten Stock, zum Albert-Einstein-Raum, vor dem sechs Männer und eine Frau auf ihn warten. Es ist der Landesvorstand Nordrhein-Westfalen, und die Funktionäre haben ein Problem.

Es geht um Verhandlungen mit dem Landesinnenministerium, es geht darum, vom eigenen Dachverband, dem Deutschen Beamtenbund, übergangen worden zu sein. Und um die Konkurrenzgewerkschaft GdP, die jetzt die Nase vorn hat. Manche fühlen sich verraten, manche sprechen von einem Bruch mit dem Deutschen Beamtenbund.

Unruhe im Haus, das kann Wendt schon grundsätzlich nicht gebrauchen. Er grüßt schnell, geht an den Funktionären vorbei, nimmt sie mit in den Saal, in dem vier Tische aneinandergereiht stehen und acht goldfarbene Kleiderhaken an der Wand hängen, und dann schwört er sie ein, 17 Minuten lang, fertig.

Rainer Wendt sagt, auf einen groben Klotz gehöre ein grober Keil und so etwas werde nicht noch mal vorkommen und dass er die „Steuer“, das sind die Kollegen der Steuergewerkschaft, schon noch in den Griff kriege, und zwar über die Frauen. Und dann stellt er einem Mann im Raum einen Posten in Aussicht und sagt einige Dinge, die er so nicht meint, und lobt einige Leute, die er nicht besonders schätzt, doch dann ist die Sache geritzt und wieder Ruhe im Vorstand. Wendt hat gesprochen.

Im Anschluss an die Sitzung wird er mit einem pinken Plas­tik­arm­bänd­chen am Handgelenk in einer dunkel ausgeleuchteten Kellerbar erst Weißwein trinken und dann Bier zum Flatratetarif, und er und der Landesvorstand Nordrhein-Westfalen werden der Musik einer niederländischen Keyboardspielerin folgen, die Lieder von Helene Fischer singt. Wendt hat das Sakko abgelegt und sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Er hat alles unter Kontrolle.

Hier in Kalkar-Hönnepel steht am Rheinufer der schnelle Brüter, ein Atomkraftwerk, das nie ans Netz ging. Heute ist es ein Freizeitpark und ein Konferenzzentrum. Der gigantische Kühlturm ist mit einem Alpenpanorama bemalt. Früher wurden hier die großen Schlachten um Deutschland geschlagen: Bereitschaftspolizei und Atomkraftgegner standen sich an den Zäunen von Kalkar gegenüber. Heute patroulliert im Wunderland Kernie, ein Kuschelmonster. Das Essen ist im Preis inbegriffen und auch das Bier, all-inclusive. „Die Mitglieder mögen das“, sagt Wendt. „Und für einen Gewerkschaftschef bedeutet das Kostenstabilität.“

Nach den Pariser Attentaten: 22 Interviews in 48 Stunden

In dieser Nacht schläft Rainer Wendt in einem einfachen Hotelzimmer, in dem das Badezimmer aus einer gelblichen Kunststoffnasszelle besteht. Am nächsten Morgen posiert er zu einem Fototermin erst an der Seite von Kernie, dem Wunderlandmaskottchen. Dann stellt er sich für den Fotografen vor eine Messlatte, an der Kinder prüfen können, ob sie in das Karussell hineindürfen. Auf einem Schild steht: „So groß muss ich sein“. Und schließlich lehnt er sich mit verschränkten Armen neben einen Kunststoffsheriff.

Rainer Wendt ist ein Mann, den viele Menschen aus der Talkshow kennen, als Sheriff vom Dienst.

Nachdem islamistische Attentäter am 13. November Paris terrorisiert hatten, gab Wendt 22 Interviews in 48 Stunden. Er will dem ersten Nachrichtenredakteur noch gesagt haben, dass er keine Ahnung habe, was da wirklich los sei. „Egal“, soll der entgegnet haben, „erzählen Sie einfach. Wie immer.“ Und dann erzählte Wendt, wie immer.

Von seinem Büro in Berlin-Mitte in das Hauptstadtbüro des Nachrichtensenders n-tv sind es vier Gehminuten über die Behrenstraße. In seinem Büro sammelt Wendt Elefantenfiguren, im Hauptstadtbüro von n-tv sammelt er Aufmerksamkeit.

Wendt-Time |

„Der Zaun brachte mir zwei Wochen Aufmerksamkeit. Zwei Wochen Aufmerksamkeit sind zwei Wochen Rederecht“

Das ist eine sehr wichtige Währung im Leben des Rainer Wendt, dessen Biografie sich in Anekdoten erzählen lässt, ein bisschen wie in einem Comic, ein bisschen wie in einem Drama.

Seine Gewerkschaft, die Deutsche Polizeigewerkschaft, ist die kleinere der zwei großen Polizeigewerkschaften. Die Konkurrenz, die Gewerkschaft der Polizei, ist zwar doppelt so groß, aber dafür nur halb so laut.

Wendt sagt, die meisten Polizisten denken, er sei ihr Gewerkschaftsboss, auch wenn das oftmals nicht stimme. Das bringt die Konkurrenz in der GdP zur Weißglut: Da macht sich wieder ein Kleiner ganz groß. Wendt lacht. Hahaha. Er lacht laut und freundlich und selbstsicher, es ist ein überlegenes, offenes Lachen voller verspielter Selbst­ironie, wie von einem, der nichts zu verlieren hat, aber viel zu gewinnen. Hahaha, ein nettes Hahaha.

Manchmal auch ein stolzes Hohoho oder ein zotiges, nicht ganz feines Höhöhö.

Es ist nicht lange her, das war Mitte Oktober 2015, da stellte Rainer Wendt einen Zaun auf, im Geiste. „Wenn wir ernst gemeinte Grenzkontrollen durchführen wollen, müssen wir einen Zaun entlang der deutschen Grenze bauen“, sagte er. „Ich bin dafür, dass wir das machen.“

Der Satz wirkte wie ein ideologischer Dammbruch in Deutschland – plötzlich war sie greifbar: die Vision eines gescheiterten Europas, in dem ein Land wie Deutschland wieder Zäune an seinen Grenzen errichtet. Politiker aller Parteien diskutierten seinen Vorstoß – bis Rainer Wendt den Zaun wieder abbaute. Zunächst relativierte er seine Aussagen. Dann ersetzte er den Zaun durch Polizeibeamte – und war wieder bei seiner Kernforderung: „Deutschland braucht mehr Polizisten.“

Rainer Wendt lacht über diesen Erfolg. „Der Zaun“, sagt Wendt im Opel Astra, „brachte mir zwei Wochen Aufmerksamkeit. Zwei Wochen Aufmerksamkeit sind zwei Wochen Rederecht.“ Hahaha.

Er liebt das, Stimmung zu machen, zum Beispiel unter Studenten. Die regen sich besonders vorhersehbar auf, sagt er. Er setzt sich dann in Universitäten mit Menschenrechtlern auf Podien und verkündet: „Die größte Menschenrechtsorganisation in Deutschland ist nicht Amnesty International, sondern die deutsche Polizei.“ Und dann wartet er genüsslich ab, wie die Erregungsmaschine in Gang kommt. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen.

Rainer Wendt ist stolz darauf, Deutschlands lautester Polizist zu sein, und er hat auch nichts dagegen, als rechtspopulistischster Gewerkschaftsboss Deutschlands bezeichnet zu werden. Er ist es ja schließlich. Und: Er lacht darüber. Er sagt Sätze wie: „Das kann man herrlich polemisieren.“ Höhö.

Sein Freund Claus Weselsky, der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer, sagt über ihn: „Rainer hat die Fähigkeit, fast jedes öffentliche Thema für seine Sache zu nutzen.“ Die Flüchtlingskrise: eine Steilvorlage. Die Attentate von Paris – klingelingeling: Wendt-Time.

Deswegen ist er doch angetreten, 2007, um seine Gewerkschaft besser sichtbar zu machen. „Die ganze Mitgliederbetreuung“, sagt er, „das ist alles nicht mein Ding.“ Seitdem tut er, wofür er gewählt wurde. Er fordert mehr Polizisten, die Ausweitung von Befugnissen, die harte Hand des Staates. Er fordert den Einsatz von Gummigeschossen gegen De­mons­tran­ten. Er lobt die Vorzüge des sogenannten Tasers, einer Elektroschockpistole, die Widerhaken verschießt, um dem „polizeilichen Gegenüber“ Stromschläge zu verabreichen, wenn es nötig ist.

Er spricht über solche Dinge bei „Hart aber fair“ und bei n-tv. Er fordert sie in der Jungen Freiheit, dem Zentralorgan der neuen Rechten. Zuletzt war von ihm in der rechten Zeitschrift Compact zu lesen, Frauen zu verachten entspringe den Genen der muslimischen Kultur. Compact, gut, das hätte nicht sein müssen, sagt Wendt. Aber wenn er gefragt werde, sage er halt, was er denke.

Und deshalb fährt Wendt, verheiratet, fünf Kinder, an diesem Novemberabend mit einem taz-Redakteur im Opel Astra durch Nordrhein-Westfalen, durch Duisburg und Dinslaken und erzählt davon, dass er zwar fünf Kinder habe, aber mit drei verschiedenen Frauen. Nicht alle Kinder waren ehelich, er ist jetzt aber das dritte Mal verheiratet.

Mit einer seiner Töchter hatte er fast 20 Jahre lang keinen Kontakt.

Seine Gewerkschaft:Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ist die konservativere und kleinere der beiden großen Polizeigewerkschaften und gehört dem Deutschen Beamtenbund an. Nach eigenen Angaben vertritt sie 94.000 Mitglieder. Ihre Konkurrenten zweifeln das an. Die größere Organisation, die Gewerkschaft der Polizei (GdP), vertritt nach eigenen Angaben 174.000 Mitglieder. Sie ist Mitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) zählt 15.000 Mitglieder.

Sein Amt: Wendt ist seit 2007 Bundesvorsitzender der DPolG. Im April 2015 wurde er ohne Gegenstimmen im Amt bestätigt.

Seine Positionen: Wendt ist häufiger Gast in Talkshows und gilt vielen als rechter Hardliner und Scharfmacher. 2009 konstatierte er eine „Renaissance des linken Terrors“ in Deutschland. Im rechtsextremen Spektrum sei die Polizei dagegen überrepräsentiert. Kurz darauf flog die rechtsextreme Terrorgruppe NSU auf. 2010 forderte er den Rücktritt von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), der sich zuvor an einer Sitzblockade gegen Neonazis beteiligt hatte. Zuletzt forderte Wendt, einen Zaun entlang der deutschen Grenze zu bauen, relativierte die Aussage aber später. Wendt ist CDU-Mitglied. Die AfD hält er für „eine gruselige Partei ohne Wertekonzept“.

Eine seiner Enkelinnen, sagt er, sei auf einem Containerschiff geboren.

„So einen Verschleiß an Frauen“, sagt seine Mutter über Rainer Wendt, „hat sonst keiner in der Familie.“

Dieser Wendt ist nicht der Wendt aus der Talkshow.

Dieser Wendt hat zwar viele politische Gegner. Aber viele von ihnen achten ihn, schätzen seinen rheinischen Humor und seinen Pragmatismus. Und niemand, also kaum jemand, der ihn kennt, sagt ihm nach, ein echtes Arschloch zu sein.

Es gibt ein Mehrfamilienhaus in Dinslaken, da steht im Keller ein schwarzer Trolley. Drinnen lagert die Polizeimütze von Rainer Wendt. Der Trolley ist der Requisitenkoffer seiner Mutter Ruth, 86, der ältesten Schauspielerin an der Bürgerbühne von Dinslaken. Sie steht dort immer noch auf der Bühne und schreibt auch Stücke, und wenn es ihr möglich ist, sagt sie, schreibt sie einen Polizisten mit hinein, damit sie Rainers Polizeimütze benutzen kann. Ruth Wendt ist eine großartige Frau und Mitglied in der Seniorenunion der CDU.

Als sie an diesem Novembermorgen den frisch gebrühten Filterkaffee in ihr Wohnzimmer trägt, fragt sie ihren Sohn, was sie dem Journalisten alles erzählen darf. „Alles“, sagt er.

Mit 15 Jahren schneidet er sich die Haare ab

Und dann beginnt die Geschichte des kleinen Rainer, der am 29. November 1956 um 23.45 Uhr auf die Welt kommt, die Nabelschur zweimal um den Hals gewickelt. Das Gesicht ist blau angelaufen. Die Hebamme, Frau Eikenbusch, rettet ihm mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben. Rainer, der einen Teil seiner Kindheit mit seiner Mutter Ruth und seinen sieben Geschwistern in einer 46 Quadratmeter großen Wohnung in Duisburg-Meiderich verbringt. Rainer, dessen Mutter all die Jahre seiner Kindheit von Sozialhilfe lebt und nachts Zeitungen austrägt und der ihr in der Morgendämmerung noch vor der Schule dabei hilft, die Zeitungen mit dem Fahrrad hinüber zu fahren zum Bauern am Haus Schnelling.

Rainer, dessen Vater, ein Holländer, im Zweiten Weltkrieg für die deutsche Wehrmacht kämpft, der immer wieder mit der Familienkasse durchbrennt. Als später bekannt wird, dass er noch eine weitere Frau und Kinder in Holland hat, macht er sich davon, wird zeitweise per Haftbefehl gesucht. Später übergießt sich der Mann mit Benzin und zündet sich an. Schon vorher schaute Frau Jäger vom Jugendamt bei der Familie Wendt in die Schränke.

Es ist eine Kindheit in Unsicherheit, und dann, wie um ihr beizukommen, beginnen im Alter von zehn Jahren die Einsätze des Rainer Wendt: Erst wird er Schülerlotse und regelt den Verkehr vor der Grundschule. Als er 13 ist, will das Lehrerkollegium der Hauptschule Kopernikusstraße in Duisburg-Obermarxloh den Schülersprecher Rainer Wendt seines Amtes entheben, weil er eine Schülerwehr eta­blie­ren will. Er hält Schüler dazu an, auf Ordnung zu achten und dass niemand zum Rauchen den Schulhof verlässt. Dazu habe er auch weiße Armbinden an Schüler verteilen wollen. So erzählt es seine Mutter Ruth in ihrem Wohnzimmer in Dinslaken, wo sie in sechs Setzkästen Eulenfiguren sammelt.

Als der langhaarige Rainer 15 Jahre alt ist, sieht er einen Polizisten an der August-Thyssen-Straße auf einem Motorrad, beschließt, Polizist zu werden, geht 240 Meter hinüber zur Polizeiwache Hamborn, beugt sich, was eine Bedingung ist, dem Haar- und Barterlass und wird Polizist. Sein erstes Gehalt: 800 Mark in bar.

„Rainer Wendt hat ein Konzept, und das heißt Rainer Wendt.“ Ein Mitglied des Bundesvorstands im Deutschen Beamtenbund, das namentlich nicht genannt werden will

„Wendt ist kein Ideologe, sondern ein Pragmatiker. Er ist durch und durch konservativ und ein absoluter Populist, aber beim Bier ein sehr netter Gesprächspartner.“Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), frühere Bundes­justizministerin

„Das ist niemand, mit dem ich gerne mal ein Bier trinken würde.“Ehrhart Körting (SPD), früherer Berliner Innensenator

„Er steht für vieles, aber sicher nicht für die deutsche Polizei.“Irene Mihalic, Polizistin und ­Sprecherin für innere Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion

„Er tut, wofür er gewählt worden ist. Und das tut er gut.“Ein Gewerkschaftskollege

Der Köder muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.“Rainer Wendt, nach einem amerikanischen Sprichwort

Irgendwann, später, im Opel Astra, als Rainer Wendt die Stationen seiner Kindheit und Jugend im November 2015 noch einmal abfährt, sagt er diesen Satz: „Wir hatten nie Geld, es gab nie eine richtige Sicherheit.“ Vielleicht ist das ein entscheidender Satz.

Mit 18 Jahren wird Rainer Wendt Oberwachtmeister auf der Dammwache in Duisburg-Meiderich, im „Schimanski-Revier“, wie er sagt. Eine seiner Leichen ist eine Selbstmörderin, er soll sie auf einem Dachboden vom Strick lassen. Er fasst ihr mit den Armen um den Bauch, damit der Kollege, der auf dem Stuhl steht, den Strick durchschneiden kann. Die Frau fällt vornüber, über Rainers Kopf, und ihr Mageninhalt entleert sich über ihm.

Auf dem Revier herrscht ein rauer Umgangston. Als Kommissar ruft Wendt bei Fahndungen im Rotlichtbezirk eine vertraute Hauswirtin im Vulkanviertel an, damit er die Puffs nicht alle einzeln abklappern muss. Wendt ist wieder bei seinem Haha.

Einmal fährt er Götz George, den echten „Schimanski“, „voll wie die Nattern“, nach den Dreharbeiten ins Hotel. Und er sperrt 34 Jugendliche eine ganze Nacht lang in Zellen ein, weil sie im Eschhaus, einem selbstverwalteten Jugendzentrum, zu laut sind. Später wird das Eschhaus geschlossen, weil sich die Polizeieinsätze zu sehr häufen.

Ruth Wendt holt noch Kekse, und dann blättert sie in Erinnerungsbüchern. Zu ihrer nächsten Premiere in Dinslaken wird der Rainer es wieder nicht schaffen, er hat dann einen Ministertermin am nächsten Morgen: mit Thomas de Maizière.

Rainer Wendt lacht. Neulich, das war beim Bundeskongress der Deutschen Polizeigewerkschaft im April, wo er ohne Gegenstimmen wiedergewählt wurde, hatte das Innenministerium den Besuch von de Maizière in letzter Minute abgesagt. Wendt akzeptierte nicht. Nichts gegen den Staatssekretär, aber um den gehe es hier nicht, sagte er dem Ministerium. Der Innenminister habe schon einmal einen Termin mit ihm abgesagt. Wenn er nun wieder nicht komme, dann müsse diesmal eben die Kanzlerin her; oder ein anderer Minister. Wendt nervte so lange, bis de Maizière schließlich selbst anrief und auch kam. Wendt erzählt das mit Genugtuung. Hahaha.

An einem Abend im November, als in Dinslaken die Kekse alle sind, nachdem Rainer Wendt im Mietwagen vorbeigefahren ist an seiner alten Wohnung in Meiderich, an der Wache Hamborn, am Duisburger Hafen und am Vulkanviertel, wo die Rocker der Bandidos ihren Sitz haben, sitzt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft im Bordrestaurant eines ICEs nach Berlin vor einem Teller Kassler und weint. Er redet über seine Schwester, über die Pflegefälle in der Familie und das Glück, mit dem er gesegnet sei. Seine Augen sind gerötet und feucht.

Hier fährt Rainer Wendt von seiner Mutter über Duisburg in sein kleines Dienstapartment am Berliner Alexanderplatz, wo ein leerer Kühlschrank steht mit ein paar Flaschen Bier und Mineralwasser darin. Morgen hat er wieder Programm in Berlin, er will ja nicht viel. Nur etwas mehr Sicherheit; und halt mehr Polizei.