Stadtkongress

New York schaut auf Berlin

Im Rahmen des New York Festival lädt das Haus der Kulturen der Welt zum Städtevergleich "New York - Berlin". Dabei zeigt sich, dass New York eine Menge von Berlin lernen kann.

The city that never sleeps: Berlin, Berlin Bild: AP

Und das ist der Potsdamer Platz. "Rechter Hand das Sony Center, daneben die Daimer-City", erklärt Mathias Heyden, normalerweise Architekt, heute außerplanmäßig Stadtführer. Die Reaktionen im Reisebus sind mäßig. Hochhäuser gibt es auch in den USA, nur etwas höher und weniger putzig. "Aber was ist das?", fragt einer plötzlich. "Das ist die erste Verkehrsampel in Deutschland, aus den 20er-Jahren", antwortet Heyden. "Ist die echt?" - "Nein, eine Kopie", gesteht Heyden und erntet die ersten Lacher. Das Eis ist gebrochen. Auf Kopien versteht man sich auch in Amerika.

Die Konferenz "New York - Berlin: Kulturelle Vielfalt in urbanen Räumen" ist Teil des New York Festival des Hauses der Kulturen der Welt und geht noch bis Samstag.

Am Freitag finden die Panels "Einwanderung und Ethnizität" (14 Uhr), "Das transkulturelle Kapital der Stadt" (16 Uhr) und "Mythos Harlem - Mythos Kreuzberg" (19 Uhr) statt. Am Samstag geht es um "kreative Milieus und kommunale Räume" (14 Uhr), um "Öffentlichkeit und Stadtentwicklung" (16 Uhr) sowie um "Times Square und Potsdamer Platz" (19 Uhr). Veranstaltungsort ist jeweils die John-Foster-Dulles-Allee 10.

Zu den Teilnehmern gehören unter anderem Peter Marcuse (Columbia University), Margit Mayer (FU Berlin) und Nevim Cil (Humboldt-Universität Berlin).

Konzipiert wurde die Konferenz von Susanne Stemmler (Center for Metropolitan Studies) und Sven Arnold (Haus der Kulturen der Welt).

Amerikaner auf Sightseeing, das ist nichts Neues an der Spree. Mehr als 200.000 Touristen aus den USA kommen jährlich nach Berlin, Tendenz kräftig steigend. Die 15 New Yorker aber, denen Mathias Heyden am Mittwochvormittag die Stadt erklärt, wollen keine Mauer sehen, sondern Menschen, keinen Checkpoint Charlie, sondern Kreuzberg, keinen Kudamm, sondern die O2-Arena an der Spree. Eindrücke, die sie sammeln und danach mit ihren Stadtforscherkollegen aus Berlin austauschen können. Die Stadtrundfahrt von Heyden ist die Ouvertüre zur Konferenz "New York - Berlin: Kulturelle Vielfalt in urbanen Räumen" im Haus der Kulturen der Welt.

Ist Berlin mit New York überhaupt vergleichbar? "Aber ja", sagt Nancy Foner. "Beide Städte sind in ihren Ländern unvergleichlich. Berlin ist nicht wie Deutschland, New York etwas anderes als die USA." Zwar sei Berlin für die meisten Amerikaner noch immer die Stadt der Mauer und der Teilung, meint Foner, die an der New York University Soziologie lehrt. "In New York aber ist Berlin die coole Stadt mit unglaublich viel Dynamik." Das hat Forner auch in der eigenen Familie erfahren. "Auch meine Tochter ist nach Berlin gegangen. So wie viele Künstler aus New York."

Foner steht am Kreuzberger Mariannenplatz und freut sich über die begrenzte Traufhöhe der Berliner Häuser. "Viel lebenswerter", findet sie, "in Manhattan gibt es zu viele Hochhäuser." Neben ihr steht Susanne Stemmler vom Center for Metropolitan Studies der TU Berlin. Zusammen mit Sven Arold vom Haus der Kulturen der Welt hat sie die Konferenz vorbereitet. Foners Enthusiasmus bestätigt sie. "New York und Berlin sind sich nicht fremd. Man kennt sich und beobachtet sich."

Lange Zeit freilich beobachteten die Berliner eher die New Yorker als umgekehrt. Stadtforscher zog es nach Manhattan in die Lower East Side, um vor Ort die Gentrification zu studieren. Die ehemalige Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing wollte in New York lernen, wie man spart. Und für Klaus Biesenbach war der Sprung von den KunstWerken an der Auguststraße ins Museum of Modern Art die frühe Krönung eines Kuratorenlebens.

Neuerdings wollen die New Yorker aber auch von den Berlinern lernen, sagt Susanne Stemmler und nennt die Themen: "Welche Rolle spielen kreative Milieus und kommunale Akteure? Welchen Anteil haben Öffentlichkeit und Aktivisten für die Stadtentwicklung?" All das wird bis Samstag bei der Konferenz verhandelt werden.

Vom Mariannenplatz geht es zu Fuß zum Gecekondu am Bethaniendamm. "Was ist ein Gecekondu?" Auf diese Frage hat Mathias Heyden gewartet. "Das ist eine Architektur der Armen und Einwanderer. In der Türkei dürfen Gecekondu, über Nacht gebaute Häuser, nicht abgerissen werden." Dass der zweistöckige Bretterverschlag, den Osmal Kalin 1982 im Schatten der Mauer gebaut hat, heute noch steht, ist allerdings kein Hinweis auf die Übernahme osmanischen Rechts in Berlin. Es ist Ergebnis der Wiedervereinigung. Die Dorfhütte mitten in der Stadt steht genau auf der Grenze zwischen den Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte. Das ist einer dieser "Zwischenräume", für die Berlin in New York bekannt ist.

"In gewisser Weise", sagt Libertad Guerra, "ist Kreuzberg auch mit der Bronx vergleichbar." Gerade hat die in Puerto Rico geborene Aktivistin erfahren, dass es in Berlin die Bewegung Kanak Attak gibt. "Wir haben vor einiger Zeit Spanic Attack gegründet", freut sei sich, "das ist eine Mischung von Spanish Attack und Panic Attack." In der South Bronx bringt Spanic Attack Bewohner und Künstler zusammen. Mit ihrem "Bronx Salon" hat Guerra gerade ein Konzert von Straßenmusikern in Privatwohnungen organisiert. Berlin, sagt sie, ist eine Stadt, auf die man in New York auch mit großen Augen schaut. Hier sei noch möglich, was in New York nur noch in Quartieren wie der Bronx gehe. "Berlin ist wie New York vor dem großen Aufräumen in den 90er-Jahren."

Aber nicht nur amerikanische Künstler entdecken Berlin, sondern auch amerikanisches Kapital. "Oh my God, Jesus!", entfährt es William Aguado, als zur Linken die O2-Arena des US-Investors Anschutz auftaucht. "Das ist ja wie das Yankee Stadium." Ganz so schlimm wie in der Bronx, wo das traditionsreiche alte Baseballstadion für einen gesichtslosen Neubau abgerissen wird, ist es an der Spree aber nicht, erklärt Mathias Heyden. "Hier war früher nur Bahngelände". Aber auch das ist nicht unbedingt ein Trost. "Obwohl die Bahn zu 100 Prozent dem deutschen Staat gehört, verhält sie sich auf dem Immobilienmarkt wie ein privater Investor", sagt Heyden. Keine gute Nachricht für William Agado vom Bronx Council of Arts und die anderen New Yorker, die in Berlin vor allem "public" schätzen - public spaces, public places, public housing.

Ganz zu Hause fühlen sich die New Yorker in Friedrichshain. Graffiti, Künstler, neue Kneipen, Gentrification, all das also, was es auch einmal in Greenwich oder Williamsburg gegeben hat. Selbst einen Community Garden haben sie aus dem Boden gestampft. Doch Friedrichshain hat noch mehr zu bieten. "Whats that?", lautet die Frage an Heyden. "Ein Umspannwerk, heute eine der größten Diskotheken in Berlin", antwortet er. "Selbst aus Mailand kommen sie mit dem Billigflieger, bleiben zwei Nächte und fliegen dann wieder zurück." - "Und wo schlafen sie, in der Disco?", will ein etwas älterer Stadtforscher wissen. "They dont sleep, they party", klärt ihn eine jüngere Kollegin auf. Nicht nur New York ist eine Stadt, die niemals schläft.

Es sind Momente wie diese, in denen sich Susanne Stemmler freut. Berliner und New Yorker verstehen sich, sie können die Stadt des andern lesen. "Beide Städte", sagt sie, "begegnen sich auf Augenhöhe." Gleichwohl will sie auch den Blick von Berlin auf New York richten. "Diskussionen wie die um Leitkultur und Integration gibt es dort nicht", sagt sie. "Auf ethnische und kulturelle Vielfalt reagieren die New Yorker noch immer entspannter als in Berlin." Allerdings schauen viele Aktivisten in Harlem auch auf Kreuzberg und seine soziale und kulturelle Mischung. In New York will man die Ghettos loswerden, in Berlin sollen sie gar nicht erst entstehen.

Zurück am Potsdamer Platz zuckt Marshall Berman die Schultern. Der Professor für Politik und bekennende Marxist soll am Samstag mit Berlins ehemaligem Senatsbaudirektor Hans Stimmann diskutieren. Das Thema: "Times Square und Potsdamer Platz". So ganz recht weiß Berman noch nicht, wie er das mit der Revitalisierung des Times Square Stimmann und den Berlinern erklären soll. "Der Potsdamer Platz hat bei dieser Diskussion überhaupt keine Rolle gespielt", sagt er augenzwinkernd. "Wahrscheinlich deshalb, weil den Potsdamer Platz in New York niemand kennt."

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