■ Der Kampf um das Recht auf Arbeit geht genau in die falsche Richtung. Und Arbeitslosigkeit darf nicht länger als Sünde gelten

Die Sträflinge der Arbeitsgesellschaft

Arbeitslosigkeit ist nicht nur eines der großen Probleme, sondern zugleich eines der großen Rätsel unserer Zeit. In der trügerischen Banalität der Zahlen, die allmonatlich von der Bundesanstalt für Arbeit verkündet werden, und in einem öffentlichen Diskurs, der sich auf das Phänomen Arbeitslosigkeit nur negierend („Kampf gegen“) und damit flüchtig bezieht, geht eine zentrale Frage regelmäßig unter: Was ist das eigentlich für ein sonderbarer Zustand, arbeitslos zu sein? Ein Leben, das vom Los der Arbeit befreit ist? Schön wär's. Eine Existenzweise jenseits der Erwerbstätigkeit? Nein, auch das trifft die Sache ganz und gar nicht.

Fern der Erwerbsarbeit sind Vermögensbesitzer, die sich müßig von den Früchten ihrer Reichtümer nähren, Rentner, die in den „Ruhestand“ „versetzt“ wurden, Hausfrauen, die in der schönen Tradition der bürgerlichen Familie auf legitime Weise das Jenseits der Erwerbsarbeit verkörpern, weil sie in ihrer scheinbar geschichtslosen Lebensweise über eine Ressource der Unschuld verfügen, die dem geschäftigen Mann abends eine warme, reine Ruhestätte bieten kann.

Arbeitslose haben diese Unschuld verloren, und so ist ihr (erzwungenes) Fernbleiben von der Erwerbsarbeit – im Unterschied zu dem der Hausfrauen, Rentner oder Vermögenden – immer illegitim, eine Schuld, die abzutragen ist, wenngleich der Weg dazu versperrt ist. Arbeitslose tragen die Erbsünde der Arbeitsgesellschaft in sich – der Gelderwerb als Lebensorientierung ist ihr Schicksal. Und doch können sie sich davon weder freikaufen wie die Vermögenden noch in einem angemessen langen Erwerbsleben durch die Buße der Arbeit davon reinwaschen wie die legitimen Rentner, die sich nach langen Jahren der Arbeit reinen Gewissens dem Nichtstun hingeben dürfen.

Arbeitslosigkeit ist ein Leben in Schuld. So ist es nur konsequent, daß Arbeitslose wie potentielle Verbrecher behandelt und einem strengen Reglement unterworfen werden: regelmäßige Vorladungen zum Amt, Kontrollgespräche, Verhöre über die Lebensführung und die eigenen Bemühungen, endlich aus diesem Leben in der Sünde herauszukommen. Arbeitslose sind, wie sie es auch wenden, immer auf der illegitimen Seite der Gesellschaft, ganz nah am Verbrechen, und jedes Gespräch mit dem Arbeitsvermittler, jeder Blick in die Zeitung belehrt sie darüber, wo die kriminelle Versuchung liegt, das Verbrechen, dessen sie alle stets verdächtig sind: Sie könnten an diesem Leben im Nichtstun Gefallen finden, sie könnten es genießen, sie könnten es womöglich sogar darauf anlegen, zu leben, ohne zu arbeiten, zu konsumieren, ohne sich durch Erwerbsarbeit nützlich zu machen.

Natürlich muß die gute Gesellschaft der „ehrlich“ Arbeitenden einen Weg finden, diese Millionen potentieller Verbrecher irgendwie unter Kontrolle zu halten. Zu diesem Zweck wurde eine gesellschaftliche Sonderzone für Arbeitslose eingerichtet, eine Art offener Vollzug, in dem andere Regeln gelten als in der Gesellschaft der freien Bürger. Wie einer Straftat Verdächtige bekommen Arbeitslose regelmäßig die „Aufforderung“, beim Arbeitsamt „vorzusprechen“, der sie „nachkommen“ müssen, wollen sie ihre finanzielle Unterstützung nicht verlieren. Wenn sie Glück haben, werden sie eines Tages einer „Maßnahme“ „zugewiesen“. In Ritualen der Verfügbarkeit müssen sie ihre Brauchbarkeit für den Arbeitsmarkt immer wieder unter Beweis stellen.

Mit ihren Protestaktionen in Frankreich und Deutschland lenken Arbeitslose den Blick der Öffentlichkeit auf diesen Zustand. Das eigentlich Überraschende dieser Aktionen ist, daß Arbeitslose sich hier ihrem gesellschaftlichen Status als Arbeitlose stellen, statt – wie bisher – auf einen Ausweg durch Arbeit zu hoffen. Mit bemerkenswertem Realismus haben sie begonnen, sich für ihre Bürgerrechte als Arbeitslose einzusetzen. Nicht der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, nicht das Recht auf Arbeit steht an erster Stelle ihrer Forderungslisten, sondern ein Ende der Disziplinierung durch die staatliche Arbeitsverwaltung, durch Meldepflicht und Bewerbungszwang sowie ein Ende der Verarmungspolitik durch die Einführung einer sozialen Grundsicherung.

Ob dieser Kampf gegen die Degradierung Arbeitsloser zu Bürgern zweiter Klasse erfolgreich ist, wird davon abhängen, ob es gelingt, zugleich eine grundlegende geistige Prämisse der Arbeitsgesellschaft zu Fall zu bringen: die Idee, daß der Mensch nur dann ein vollwertiger Bürger sein könne, wenn er seine Nützlichkeit für die Gesellschaft durch Erwerbsarbeit unter Beweis stellt. Die aktiven Arbeitslosen müssen eine hochkomplizierte Aufgabenstellung bewältigen: die Auseinandersetzung mit der Erbsünde der Arbeitsgesellschaft, mit dem Irrglauben, Arbeit sei die Quelle der Würde des Menschen und nur durch sie könne er sich als Mensch verwirklichen.

Wenn der Weg zur „Arbeit für alle“ versperrt ist, dann gibt es nur ein Mittel, um Arbeitslose aus ihrer gesellschaftlichen Sonderzone zu befreien: ein Bürgerrecht auf Nicht-Arbeit, das verschiedene Formen der Lebensgestaltung als gleichwertig anerkennt, das freiwillige Phasen des Rückzugs aus der Erwerbsarbeit ermöglicht und materiell – durch eine Grundsicherung – absichert.

Diese Möglichkeit, sich eine Zeitlang von der Arbeit abzuwenden, ohne als „Arbeitsloser“ diskriminiert, gegängelt und entmündigt zu werden, würde auch die Bedingungen für eine Umverteilung der Erwerbsarbeit verbessern. Tatsächlich wäre ein Recht auf Nicht- Arbeit – so paradox es klingt – besser geeignet, nicht nur den Status der Arbeitslosen, sondern auch ihre Zugangsmöglichkeiten zum Arbeitsmarkt zu verbessern, als ein Recht auf Arbeit. Letzteres ist unweigerlich damit verbunden, die Menschen für den Arbeitsmarkt verfügbar zu machen; es kann also die Malaise der Arbeitslosen, ihren grundsätzlichen illegitimen Status, nur verfestigen.

Ein Bürgerrecht auf Nicht-Arbeit könnte auch dazu beitragen, unser in der Arbeitsgesellschaft verwurzeltes Menschenbild zu revidieren. Arbeitslosigkeit könnte dann tatsächlich gewendet werden in eine Befreiung vom Los der Arbeit, und statt einer „Maßnahme“ unterworfen zu werden, könnten Arbeitslose beginnen, ihre Träume zu verwirklichen, eigene Projekte zu entwickeln, selbst zu entscheiden, was sie für sich und ihr Leben „Nützliches“ und „Sinnvolles“ tun wollen. Gabriela Simon