Logbuch

Der Nabel der Welt

Weit draußen auf dem Meer, dort wo auch das Internet kaum zugänglich ist, sind News rar. Auch Weltnachrichten kommen nur sehr verzögert an.

Mit dem Peace Boat einmal rund um die Welt.  Bild: Christina Felschen

Hugo Chávez ist tot. Sie wissen das längst? Wir an Bord des „Peace Boat“ jetzt auch. Aber es dauert bis Nachrichten aus der Außenwelt zu uns durchdringen.

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Wer sich in der Kajüte die Nase geprellt hat, wer das Pingpong-Turnier gewonnen, wer sich zerstritten und wer sich verliebt hat – solche Details machen auf unserem 1.000-Seelen-Schiff schnell die Runde. Doch für die Außenwelt sind wir auf Boten angewiesen.

Selbst Post hat eine gute Chance nie anzukommen, wenn man nicht 50 Dollar für einen versicherten Express-Brief ausgibt. Das Satelliteninternet treibt uns in den Ruin. Oft brauche ich zehn Minuten – vier Euro –, um eine Seite zu laden. Wenn Wolken die Verbindung stören, geht es gar nicht.

Seit jeder Klick eine Ewigkeit dauert, bemerke ich, welch ein Eigenleben mein Computer führt: Gern lädt er 198 Mails im Papierkorb oder Updates für sämtliche Programme herunter, ehe ich neue Nachrichten empfangen kann. Das Internet ist auf Nutzer ausgerichtet, die regelmäßig mit guter Verbindung online gehen.

Unser Gastredner von der Osterinsel erzählt, wie er während der Unruhen 2010 vergeblich versuchte, Fotos an Journalisten auf dem Festland zu schicken.

Das chilenische Militär war gewaltsam gegen Moai vorgegangen, die ihre Häuser zurückerobern wollten. Plötzlich sei das Internetsignal auf der Insel sehr schwach geworden, erzählt unser Gast. Eine chilenische Firma habe das Monopol für das Netzwerk.

Die bisher erschienen Logbuch-Kolumnen vom Bord des „Peace Boats“ sind:

21.01.2013: „Gambare! Gib dein Bestes“ 

02.02.2013: Ein Ring fürs Dach der Welt

16.02.2013: Japanisch für Anfänger

26.02.2013: Verbotene Wege

09.03.2013: Freilaufende Hormone

14.03.2013: Tomohiros Schweigen

„Wir vermuten, dass es blockiert und überwacht wurde.“ Doch die Moai wussten sich zu helfen: Sie öffneten einen Dating-Account, um Nachrichten und Bilder unbemerkt zu übertragen.

Ich habe vier Monate lang nicht gegoogelt; wenn ich eine Information brauche, suche ich jemanden auf dem Schiff, der die Antwort wissen könnte.

Von Hugo Chávez' Tod erfahren wir während eines Vortrags eines langjährigen Lateinamerika-Korrespondenten, der Chávez' Biografien ins Japanische übersetzt hat. Er habe die Nachricht per Fax aufs Schiff erhalten.

„Doch sie ist noch vertraulich.“ Ein „Ah!“ und „Oh!“ geht durch die Reihen, vierhundert Zuhörer setzen Verschwörerminen auf. Sollten wir etwa einmal den Weltnachrichten voraus sein, 3.000 Kilometer vom nächsten Kontinent entfernt?

Die Moai sahen die Osterinsel als den Nabel der Welt – für einen Moment geht es uns auf dem Peace Boat genauso. Später erfahre ich, dass Chávez' Tod zu diesem Zeitpunkt längst über alle Agenturen gelaufen war. Doch was macht das schon?

 
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