Hamburg-Fan über Liebe zu beiden Clubs

„Hab’ zwei Fußballherzen“

Derby-Zeit: HSV oder der FC St. Pauli? Wer Hamburg und den Fußball liebt, muss sich entscheiden. Bernd Volkens weigert sich. Er ist Anhänger beider Vereine.

Bernd Volkens

Mag beide Hamburger Vereine: Bernd Volkens Foto: Miguel Ferraz

taz: Bernd, wann wirst du am Sonntag jubeln – wenn der HSV das Derby gewinnt oder der FC St. Pauli?

Bernd Volkens: Beim FC St. Pauli fiebere ich ein Fünkchen mehr mit, auch wenn mir die Antwort nicht leicht fällt. Ich würde mich für beide Vereine freuen.

Das geht, weil du Fan beider Vereine bist. Klingt paradox – die Rivalität zwischen den Clubs hat lange Tradition, die Fanszenen unterscheiden sich sehr. Für dich kein Widerspruch?

Das hat mit meiner Geschichte zu tun. Ich komme aus Dithmarschen und spiele Fußball, seit ich sechs bin. Wenn du in den Siebzigern in der Gegend gewohnt hast und Bock auf Fußball hattest, ging nix über den HSV. Der Verein war damals richtig groß, Leute wie Felix Magath, Horst Hrubesch und Kevin Keegan standen auf dem Platz. Legendär! Über den HSV hab’ich meine Liebe zum Fußball entdeckt. Auch heute ist da noch eine ganz tiefe, emotionale Bindung.

Die Liebe zum FC St. Pauli kam erst später?

Ja, als ich nach Hamburg zog und anfing, Amateurfußball beim FC St. Pauli zu spielen. Ich hab’viele Leute über den Verein kennengelernt, tolle Freundschaften im Viertel geknüpft. Ich identifiziere mich mit den Werten, für die der FC St. Pauli steht, das soziale Engagement. Ich liebe die lockere und familiäre Atmosphäre im Millerntor. Meine Liebe zum HSV ist emotional und nostalgisch, das Pauli-Fan-Ding ist da viel rationaler: Ich hab’mich bewusst für den Verein entschieden, weil ich das Drumherum so sympathisch finde. In meinem Freundeskreis gibt es auch viel mehr Pauli-Fans.

Kassierst du als HSV-Fan da oft hämische Sprüche?

Klar. Schön ist das nicht. Stell dir das vor: Du guckst dir ein HSV-Spiel in der Kneipe an und erlebst mit, wie alle lieber einen Verein wie Wolfsburg anfeuern. Hauptsache, der HSV verliert. Da denke ich mir: ›Ach komm, welche Verbindung habt ihr denn schon zu Wolfsburg?‹ So ein bisschen Solidarität mit dem HSV wäre schon nett. Aber man entwickelt ein dickes Fell, blöde Sprüche prallen an mir ab. Außerdem gibt’s ja noch die braun-weißen Rauten.

Bernd Volkens wurde 1969 in Dithmarschen geboren und arbeitet heute als Technikredakteur in Hamburg. Er lebt in St. Pauli in der Nähe des Millerntorstadions, wo er seit Jahren als Amateurfußballer spielt.

Braun-weiße Rauten?

Ein kleiner Fanclub, den ich und vier Mitspieler aus meiner Amateurmannschaft gegründet haben, die auch den FC St. Pauli und den HSV gut finden. Also haben wir die HSV-Raute in Pauli-Farben eingefärbt und Sticker gedruckt, die wir in der ganzen Stadt verteilen. Unser Banner war beim letzten Heimspiel sogar im Stadion und hat es als Foto in die Bild geschafft. Ist natürlich nur Quatsch, wir provozieren da ein bisschen und nehmen die Rivalität zwischen den Fanlagern mit Humor. Anfangs gab das schon mal Stress. Wenn Leute gemerkt haben, dass wir beide Clubs gut finden, wurde es auch mal laut.

Und heute? Wo treffen sich die braun-weißen Rauten zum Fußballgucken?

In meiner Stammkneipe in St. Pauli. Dort geht’s entspannt zu und unsere Doppelliebe wird toleriert. Manchmal geh ich auch ins Millerntor, zu HSV-Heimspielen ins Volksparkstadion aber nur noch sehr selten. Eine Zeit lang bin ich da aus Prinzip gar nicht mehr hin …

Wieso nicht?

Ich hab’zu oft übergriffiges Verhalten, dumpfes Gepöbel von Nazis im Stadion erlebt. Ende der 90er-Jahre war es besonders schlimm, zu der Zeit schwor ich mir, nie wieder zu HSV-Spielen zu gehen. Ich war seitdem doch ein paar Mal da und Nazi-Hools sind im Stadion weniger präsent, so mein Eindruck. Trotzdem ist die Stimmung weniger gemütlich als im Millerntor, dafür unpersönlicher und nach wie vor aggressiver. Es fallen unter HSV-Fans auch öfter homophobe, sexistische Sprüche. So was wird unter Pauli-Fans nicht toleriert, auch deswegen sagt mir die Fankultur am Millerntor deutlich mehr zu.

Würdest du mitgrölen, wenn vorm Spiel „Hamburg, meine Perle“ im Stadion erklingt?

Nein! Find ich furchtbar, ist nicht mein Ding. Diese krasse Art von Lokalpatriotismus liegt mir nicht, zu sagen: „Hamburg ist viel toller als alle anderen Städte!“ Das ist doch Bullshit.

Was nervt dich noch am HSV?

Das Chaos in der Vereinsführung, klar. Dass man sich immer wieder fragen muss, wer da eigentlich das Sagen hat. Die ständigen Trainerwechsel und Kühne, der als Investor zwar Geld gibt, aber ständig reinplappert. Ich weiß ja auch, dass dieser HSV nicht mehr mit dem von früher zu vergleichen ist. Und sage mir selbst oft: „Ey Bernd, du kannst den HSV eigentlich nicht mehr gut finden!“ Aber was willste machen? Diese Prägung aus meiner Kindheit werd’ich nicht los. Ich hab nun mal zwei Fußballherzen in der Brust.

Was nervt am FC St. Pauli?

Die Doppelmoral einiger Fans, Mackergehabe und Pöbeleien in den eigenen Reihen. Wer nicht laut genug mitsingt, sei kein richtiger Fan, heißt es dann etwa. Doch wer Toleranz predigt, sollte die auch leben! Ich lasse mir von niemandem sagen, wie ich mein Fantum ausleben soll. Und auch Schläger gibt es nicht nur in der HSV-Fanszene. Vor drei Wochen wurde ein HSV-Fan in der Wohlwillstraße von ein paar Pauli-Fans verprügelt, einfach so. Bekannte von mir haben den Vorfall beobachtet. Das war kein Hooligan, der provoziert hätte. Das war einfach nur ein Typ, der nach einem HSV- Spiel im Trikot unterwegs war. Verbal austeilen ist das Eine, aber für Gewalt im Fußball fehlt mir jedes Verständnis. Egal, von welcher Seite sie ausgeht.

Wie empfindest du die Stimmung vorm Derby?

Die ist extrem aggressiv. Einige Medien tragen durch ihre Berichterstattung sicher ihren Teil dazu bei, aber eigentlich muss man nur mal in die Facebook-Kommentarspalten gucken. Fans bedrohen und beschimpfen sich da in einem Ton, der gar nicht klar geht. Eine gewisse Rivalität zwischen den Vereinen macht Spaß, die tut der Stadt auch gut. Doch dieser Hass auf beiden Seiten geht zu weit.

Wie erklärst du dir den Hass?

Die Ursachen liegen sicher nicht im Sport. Es gibt Leute in beiden Fanlagern, die bewusst aufpeitschen. Ein klares Feindbild dient ja auch dazu, die eigene Fanidentität aufzuwerten und zu stärken, das Selbstbewusstsein zu pushen. Doch wenn Hools oder Ultras aufeinander einschlagen, instrumentalisieren einfach ein paar Vollidioten den Fußball, um Aggressionen rauszulassen, die sie sonst anscheinend nirgends loswerden.

Wie sollten die Vereine damit umgehen?

Alle Fußballvereine müssten sich noch viel stärker von Fangewalt distanzieren, auch der FC St. Pauli. Politische Initiativen erreichen die Fanszene nicht. Die Vereine sind in der Verantwortung, sie müssen klare Konzepte vorlegen. Stadionverbote find ich daher gut: Wer Leute zusammenschlägt, muss auch mit den Konsequenzen leben. Das Gute ist, dass es beim FC St. Pauli schon eine starke Diskussionskultur zum Thema und engagierte Fanvertreter gibt.

Was hat der eine Verein, was dem anderen fehlt?

Früher lief am Millerntor vieles chaotisch, Corny Littmann hat die Strukturen verändert und aufgeräumt, das muss man ihm zugute halten. Mehr Ordnung und weniger Machtgeplänkel, das würde dem HSV auch gut tun. Und andersrum? Da fällt mir nichts ein. Oder doch: Ein starker Investor wie Kühne wäre natürlich gut. Dann aber lieber einer, der auch mal die Klappe hält.

Ist Hoffnung eigentlich das Einzige, was HSV-Fans gerade noch antreibt?

Hoffnung ist für jeden Fußballfan die treibende Kraft! Der Abstieg war natürlich ein großes Drama, eine Stadt wie Hamburg braucht eine Erstliga-Mannschaft. Aber mein großer Traum ist, dass beide Vereine aufsteigen, auch der FC St. Pauli gehört in die Erste Liga. Beim Fußball geht’s ums Gewinnen!

Es gibt Fans, die glauben, der FC St. Pauli ist in der zweiten Liga besser aufgehoben …

Ach, das Gelaber ist Quatsch. Der Verein hat sich längst verändert und ist total durchprofessionalisiert. Ich vermisse vor allem das alte Klubheim, das 2007 abgerissen wurde. Früher mussten die Profis nach den Heimspielen da durch, haben so direktes Feedback von den Fans bekommen. Und wenn wir dort gefeiert haben, hing die Wirtin Brigitte irgendwann betrunken hinterm Tresen und hat uns angepöbelt. Profis, Amateure und Fans waren damals viel enger miteinander verbunden. Diese alten Zeiten vermisse ich sehr, so eine Bindung fehlt heute. Und trotzdem kann ich vom Aufstieg träumen.

Dein Tipp fürs Derby?

Der HSV gewinnt. Nach der 0:5-Heimpleite wird das Team stark in den Angriff gehen. Und sollte der HSV doch verlieren, werd’ich eben mal wieder viel Spott ertragen müssen. Auch das gehört dazu und schließlich schlägt dann mein St.-Pauli-Herz umso freudiger in der Brust.

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