HSV spielt mitteltoll und gewinnt

"Iih" und "pfui"

Der Hamburger SV gewinnt zwar 1:0 gegen den FSV Mainz 05, spielte aber höchstens Mittelmaß. Nun stehen die Rothosen auf Platz 8, auch das: Mittelmaß. Eigentlich ist alles, was mit dem HSV zu tun hat, Mittelmaß.

Freude nach dem 1:0: Spieler des HSV.  Bild: dpa

Mittelmaß. Die einen, die vom FSV Mainz 05, brauchen dafür einen Etat von 22 Millionen Euro, die anderen, die vom Hamburger SV, ungefähr das Doppelte. Wir wollen, in diesen Tagen, in denen es um Milliarden geht, bei ein paar Millionen, zumal es keine Steuergelder sind, nicht zimperlich sein.

taz paywall

Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?

Mehr Infos

taz.de

Der eine, der FSV Mainz 05, macht Mittelmaß ohne Stars, der teuerste Spieler, den der FSV je verpflichtet hat: Chinedu Ede, der von Union Berlin kam, kostete eine Million Euro. Ein Dreizehntel von dem, was dem HSV Rafael van der Vaart kostete, dafür spielt Ede nie. Der HSV brauchte am Samstag für die Herstellung von Mittelmaß acht aktuelle Nationalspieler, wenn man die der Nachwuchsmannschaften dazunimmt. Großer Unterschied zum FSV Mainz 05 – auf dem Platz war davon nichts zu sehen.

Mittelmaß, das heißt nach dem 1:0 (0:0)-Sieg des HSV gegen Mainz, punktgleich Platz sieben in der Tabelle für die einen und Platz acht für die Hamburger. Entscheidend ist, was Mittelmaß bedeutet. Für Mainz ist es ein Erfolg, denn 17 Punkte nach zwölf Spielen bedeuten, weit weg vom Abstiegskampf zu sein. Für den HSV bedeuten 17 Punkte nach zwölf Spielen etwas anderes.

In einer Stadt wie Hamburg ist Mittelmaß Gift. Mittelmaß ist nicht hanseatisch, es ist „iih“ oder „pfui“. Das ruft die mit ihrem Hund an der Alster spazieren gehende Dame mit spitzer Stimme, wenn mit dem Hund trotz Züchtung die Natur durchgeht, und er seine Nase in irgendwas steckt, von dem Frauchen nicht wissen will, was es ist: „iih“ und „pfui“.

Es war „iih“ und „pfui“ im Spiel des HSV gegen Mainz. In der ersten Halbzeit war der FSV, mit Raute im Mittelfeld, dominant, gewann mehr Zweikämpfe, hatte mehr Ballbesitz, stellte die Laufwege zu, spielte gut nach vorne, ohne Torchancen zu haben, machte dem HSV die Vorwärtsbewegung, sowieso nicht die Stärke der Rothosen, noch schwerer. Der Großteils des Spiels fand im Mittelfeld statt, van der Vaart musste weit nach hinten, um sich Bälle zu holen, HSV-Mittelstürmer Artjoms Rudnevs holte sich keine Bälle, also blieb er ohne.

Der HSV steht defensiv stabil, der Preis dafür: In der Offensive passiert wenig bis nichts. So musste viel zusammenkommen, um dem HSV zu einem Tor zu verhelfen. Der gute Milan Badelj spielt den Ball links raus, dort steht der ansonsten schwache Maximilian Beister, und zwar deutlich im Abseits, er nimmt den Ball volley, der fliegt nach innen, die auf Abseits spielenden Mainzer Verteidiger schaffen es nicht mehr zurück, am zweiten Pfosten steht der ansonsten schwache Heung Min Son und schiebt den Ball ins Tor (63. Minute). Sein sechstes Saisontor. HSV-Trainer Thorsten Fink sprach von der „individuellen Klasse“ seiner Spieler, zu denen auch ein „Riecher“ gehört, den er in dieser Szene Son unterstellte.

Der Meinzer Trainer Thomas Tuchel erlaubte sich, neben dem Hinweis auf das „klare Abseits“ Beisters, das der Schiedsrichter hätte sehen müssen, die Szene in der 48. Minute zwischen dem starken HSV-Innenverteidiger Michael Mancienne und dem Mainzer Stürmer Ádám Szalai anzusprechen: Mancienne klammerte Szalai und traf ihn am Fuß: „Klarer Elfmeter“, fand Tuchel im Unterschied zum Unparteiischen Daniel Siebert. Fink trug die unbewiesene Deutung aller Profiteure von Schiedsrichterfehlern vor: „Das gleicht sich in der Saison aus.“ Wahrscheinlich ist, dass die Mannschaften, die Schiedsrichter für große halten, mehr von den Referee-Fehlern profitieren und sich nichts ausgleicht.

Was das Tor angeht, überraschte Fink mit der Floskel: „Glück hat nur der Tüchtige.“ Auch das eine Aussage, die dem, was ist, vor allem wenn das, was ist, mit Fehlern anderer zu tun, die Weihen der Tugend verleiht. Was Tüchtigkeit mit schlechten Schiedsrichtern zu tun hat, erschließt sich nicht. Hätte Fink ein wenig Größe gezeigt, etwa durch den Hinweis auf die Fehler des Schiris, hätte er das allgemein herrschende Mittelmaß gestört.

Nach dem Schlusspfiff ging Applaus auf die HSV-Spieler nieder. Der Fan schluckt manches, wenn die Rothosen gewinnen. Das Publikum passt zur Mannschaft, die zum Trainer, alles passt zum Tabellenplatz. Dazu gehört die mit dem Mittelmaß verbundene Illusion der Größe.

Insoweit freuen wir uns, dass alle im Volkspark ihre Mitte gefunden haben.

 
18. 11. 2012

Um einen Kommentar zu schreiben, registrieren Sie sich bitte.

Bitte halten Sie sich an unsere Netiquette.

Sie finden Ihren Kommentar nicht?

Ihren Kommentar hier eingeben