In Berlin treffen sich in diesen Tagen Künstler, Musiker und Kuratoren beim Club Transmediale. Ein Goldenes Zeitalter der Selbstverwirklichung soll sie abbilden.von Carolin Weidner

Das Golden-Age-Motto wird von der Club Transmediale so visualisiert. Bild: ctm
BERLIN taz | Das Berliner Festival Club Transmediale (CTM) jährt sich zum 14. Mal. Und für diese schöne Zahl hat man sich eine gar prächtige Losung ausgedacht: „The Golden Age“. Gemeint ist eine Zeit, in der nicht nur Kulturschaffenden alle Mittel zur Eigenproduktion zur Verfügung stehen. Jan Rohlf, Kurator der CTM, formulierte kurz vor Festivaleröffnung einen trefflichen Befund: „Selbstverwirklichung wird zur Norm.“
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Der britische Musikjournalist Andrew Keenan findet in der vorab gezeigten schwedischen Feel-good-Dokumentation „PressPausePlay“ ebenfalls deutliche Worte – und verkündet ein Zeitalter der global masturbation. Es gilt also Pole auszuloten zwischen einer Utopie, in der alle Künstler sind, und kulturpessimistischen Vorahnungen.
Einen Schritt in die Vergangenheit gingen am Mittwochabend Boris Hegenbart und Felix Kubin. In einer Performance im Haus der Kulturen der Welt versandten sie lose aufeinanderfolgende Kompositionen ins Publikum und vielleicht sogar irgendwo anders hin. Das Setting: Auf einer Leinwand Kubin, mysteriöserweise vor dem Gebäude befindlich. Er hält sich eine Taschenlampe unters Gesicht und verkündet in prophetischem Tonfall ein paar futuristische Sätze, von denen keiner hängen bleibt.
Nach dieser Minilesung kehrt er zurück ins Gebäude und nimmt Platz in einer beklemmend kleinen Kabine. Und da stehen zwei ältliche Synthesizer, von Kubin benötigt, um sein kommunikatives Vorhaben auszuführen. Mit Hegenbart ist er über Kopfhörer mit dem Auditorium verbunden. Die beiden Musiker stimmen ein zum Maschinenduett, mal brummt und donnert es von Kubins Seite, dann ist es Hegenbart, der eine rhythmische Flanke unter die Melodien aus dem Kämmerlein schlägt. Anstrengend und schön.
Raus in die Nacht, hinein in den Tag: Über dem Künstlerhaus Bethanien strahlt am Donnerstag die Sonne, vor der Pforte ein Pfropf schöner junger Menschen. Viele sind gekommen, um dem Künstlergespräch mit der zauberhaften US-Musikerin Holly Herndon zu lauschen, die mit ihrem Debütalbum „Movement“ jüngst für Verzückung sorgte. Eine äußerst angenehme Erscheinung in diesem zu großen Pullover, die roten Haare zu einem losen Zopf gebunden; munter und dermaßen lebendig, dass man gleich noch einen zweiten Kaffee trinken muss.
Herndons Worte scheppern gegen die Wände des Studio I, was einen Nachhall in diesem sakralen ehemaligen Krankenhaus erzeugt. Ihre Ausführungen sind gespickt mit Anekdoten, was für Erheiterung sorgt, vielleicht sogar für Herzflattern. Sie äußert sich zu den Themenfeldern Frauen und elektronische Musik (pro!) sowie Performance und Laptop (pro!) und zu einem akademischen Kater, der den Kontrabass in die Ecke und computergenerierte Bässe wieder ins Zentrum zu rücken vermochte. Im Anschluss ist der Autor Adam Harper zu erleben, der in seinem Vortrag „The Pop Art of the Virtual Plaza“ durchaus anschaulich in den schauerlich-faszinierenden Kitsch des Vaporwave einführt. Für Harper ist das eine Melange aus dem Schrecklichsten, was die späten achtziger Jahre hervorgebracht haben.
Noch immer im Studio I treffen in „Unlimited Access Permitted“ Kenneth Goldsmith (Gründer des Onlineavantgardearchivs UbuWeb) und die Kuratorin Ellen Blumenstein aufeinander. Ein Paar, wie es sich Loriot nicht schöner hätte ausdenken können: „Bertha, das Ei ist hart.“ Hinterher gingen vermutlich beide getrennte Wege.
Der hier beschriebene Weg jedoch führte zurück zu Holly Herndon und „Science of Synthesis“ ins Berghain. Tosender Applaus für ihre eine lässige Handbewegung, die anmutet, als bringe sie mit ausschweifender Geste über die Tastatur das Gerät zum Schwingen. Ohne es dabei jemals zu berühren. Magisch.
Große Gefühle dann bei Forest Swords alias Matthew Barnes, einem Musiker aus Liverpool. Im Wechselspiel mit experimentellen Projektionen und fragilem, wie in den Boden drückendem Drone-Pop ummantelte dieser alle Besucher des Berghain. Ein spannender Auftakt. Aber die Frage, ob goldenes Zeitalter oder nicht, schwebt noch im Raum.
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