petition der woche

Auch Priester sollen künftig lieben dürfen

Anlass der Petition Ein katholischer Priester hatte wegen seiner Beziehung das Amt aufgeben müssen

Das wollen die Initiatoren Das Zölibat liberalisieren

Das wollen sie wirklich Den fortschreitenden Priestermangel der katholischen Kirche aufhalten

Marcel Köhle musste diesen Sommer eine harte Entscheidung treffen: Job oder Beziehung? Was für die meisten keine Entweder-oder-Frage ist, stellt sich für katholische Pfarrer anders dar. Sie unterstehen dem Zölibat, einem Gelübde der Ehelosigkeit. Die Kirche in Rom verbietet ihnen die Liebe – von Gottes- und Nächstenliebe mal abgesehen.

Köhle, seinerzeit Pfarrer von Brigels im Schweizer Kanton Graubünden, entschied sich für die Frau, in die er sich verliebt hatte. Also musste der 35-Jährige seinen Posten räumen. Wie viele andere in der kleinen Gemeinde inmitten der Alpen fand die Ordensschwester Florentina Camartin das sehr schade. „Er kam bei allen gut an, hat sehr einfühlsam und alltagsnah gepredigt und alle Generationen erreicht“, sagt sie. „Es ist gerade hier in den abgelegenen Orten nicht leicht, überhaupt einen Pfarrer zu finden, und wir waren sehr glücklich mit ihm.“

Als Köhle bekanntgab, dass er aufhört, hätten die Leute teilweise sogar geweint, berichtet Camartin. Gleichzeitig habe man aber auch großes Verständnis gehabt und seine Ehrlichkeit bewundert. „Gott hat den Menschen selbst so geschaffen wie er ist, mit emotionalen und sexuellen Bedürfnissen“, erklärt sie. „Und es kommt schließlich nicht auf den Familienstand an, sondern darauf, wie man sein Leben lebt.“

Inzwischen hat Camartin eine „Petition für die Liberalisierung des Zölibats“ ins Leben gerufen. Wie die zunehmend überregionale Beteiligung von mehreren tausend Menschen zeigt, ist sie mit ihrem Anliegen nicht allein. In der Onlinepetition auf www.openpetition.eu heißt es, das Pflichtzölibat für Weltpriester – so heißen diejenigen, die keinem Orden angehören – solle abgeschafft werden. Die Entscheidung solle künftig ganz bei ihnen liegen, „ob sie ihr Amt als Zölibatäre oder als Verheiratete ausüben wollen“. Wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus, das auch so sähe, könnten Leute wie Köhle wieder als Pfarrer arbeiten.

Camartin weiß viele Argumente auf ihrer Seite. Schließlich existiere das katholische Pflichtzölibat erst seit dem 12. Jahrhundert. Andernfalls hätte sich Jesus andere Jünger suchen müssen: Petrus beispielsweise war verheiratet. „Das war damals so selbstverständlich, dass man es gar nicht aufgeschrieben hat“, erklärt sie. „Und in der Ostkirche geht es ja auch jetzt ohne Pflichtzölibat.“ Camartin verweist zudem auf ein Dekret aus dem Jahr 1965, darin empfehlen die Kardinäle und Papst Paul VI. das Zölibat zwar, befehlen es aber nicht dezidiert – genau wie es die Petition fordert.

Aber geht es der Petentin wirklich um eine Modernisierung der Kirche – oder vielmehr darum, ihr ein Reservoir an Priestern zu sichern? Zumindest kann man Camartin so verstehen: „Gemeinden ohne Pfarrer sind wie Herden ohne Hirten, und wenn es so weitergeht, haben wir nur noch eine handvoll Hirten ohne Herden.“ Camartin, die als Ordensschwester selbst seit 55 Jahren zölibatär lebt, verkündet: „Es ist einfach Zeit, dass man im Heute lebt und nicht im 12. Jahrhundert.“ Trotz vielfacher Unterstützung weiß sie, dass es schwer wird, das Zölibat zu liberalisieren: „Der Papst ist mit der Tradition verwurzelt, wir hoffen, dass er unser Anliegen zumindest zur Kenntnis nehmen wird. Das Zölibat ist ja kein Dogma.“

Andrew Müller