der rote faden

WTF-Nachrichten oder Der Terror des Politischen

Foto: Helena Wimmer

Durch die Woche mit Robert Misik

Vorgestern in Innsbruck: Matteo ­Salvini, ­Faschistenführer und jetzt ­italienischer ­Vizepremier, Horst Seehofer und der österreichische Hetzschlumpf, der Polit­scharfmacher Herbert Kickl von der FPÖ. Und das war nicht die Jahreshauptversammlung des Horrorclowns e. V., sondern der Rat der Innenminister der Euro­päischen Union, der die drei zusammenbrachte.

Der wahre Kontrollverlust in Europa ist, dass solche Typen in Ministerämter geraten sind. Das Abendessen musste kurzfristig verlegt werden, da es in einer Bude gebucht war, die vor Kurzem in die Schlagzeilen geriet. Jahrelang war nämlich ein Hitlerbild im Schankraum gehangen – mit der Adolfvisage zur Wand, aber bei besonderen Geselligkeiten wurde es umgedreht. Zyniker meinen, die Location wurde wohl gemieden, weil da jetzt kein Hitlerbild mehr hängt.

Horst Seehofer hatte zuvor blöd feixend kundgetan, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 Afghanen nach Kabul abgeschoben wurden. Wirklich fies von einem der Geburtstagsafghanen, dass er sich gleich erhängte und dem Minister damit die Party versaute. Reinstes Mobbing.

Kontrollverlust

Das Video von Seehofers Gekichere war zum Beispiel so ein What-the-fuck-Moment: WTF!

Wenn große Zeitungen debattieren, ob man Ertrinkende nun retten oder ertrinken lassen soll. Oder wenn Söder und Dobrindt die Sprache des Hasses übernehmen und jeden Tag den ­Diskurs versauen, von „Asyltourist“ bis „Asyl­industrie“. WTF.

Von Salvini bis Orbán, von Seehofer bis Strache, von Sebastian Kurz bis was weiß ich wohin: Alle produzieren im Stundentakt What-the-fuck-Momente. In Österreich soll ORF-Journalisten ein Knebelerlass umgehängt werden (WTF), in eine Wiener Schule marschiert das halbe Minister­kabinett, um eine Direktorin einzuschüchtern, die sich gegen segregierte Deutschklassen für Aus­länderkinder ausgesprochen hat (WTF), der Kanzler selbst sagt, die Financial Times habe sich entschuldigt, dass sie ihn „far-right“ genannt habe, und flunkert außerdem, die Arbeiterkammer bezahle Gewerkschaftsdemonstranten, was sich beides als dreiste Unwahrheit herausstellt (WTF).

Stimmungsmache

Dazwischen ein paar Tweets von Donald Trump. WTF, WTF, WTF.

Im Tagesstakkato wird stetig Stimmungsmache betrieben. Lüge, Propaganda, autoritäre Maßnahmen prasseln auf jeden Einzelnen nieder. Ein permanenter Wahlkampfmodus etabliert sich, und das Aufganseln, das Operieren mit Lügen und Unwahrheiten wird auf den Dauermodus gestellt.

Auf viele Menschen hat die schiere Dichte dieser WTF-Nachrichten, die auf sie niedergehen, verstörende Wirkung. Mal empören sie sich, mal werden sie passiv, weil man das alles nicht mehr hören kann. Wieder andere arrangieren sich, auch emotional. Weil die Menschen sich nach Normalität sehnen, reden sich biegsame Charaktere ein, das sei doch alles durchaus im Rahmen des Normalen, und richten ihre Aggression auf die, die das nicht normal finden, weil die ihnen täglich ihre Rückgratlosigkeit vor Augen führen. Man muss das verstehen, dieser emotionale Opportunismus ist eine menschliche Sache.

Rückgrat

Die Polarisierung der politischen Landschaft hat eine Folgeerscheinung, die bislang noch unterbelichtet ist: Sie etabliert einen Terror des Politischen. Man muss sich dreimal am Tag aufregen. Man kann all das schwer ignorieren. Kann man sich denn wirklich noch einen schönen, unbeschwerten Abend mit Freunden machen, ohne schlechtes Gewissen, wenn rundherum die Welt untergeht? Sollte man nicht stattdessen etwas tun, kämpfen, was dagegen machen?

Brecht hat in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ geschrieben: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Und falls da jetzt die Dauererregten von Welt oder AfD mitlesen: Nein, das ist kein unpassender Holocaustvergleich. Denn Unrecht fängt nicht erst in Gaskammern an, auch nicht mit der Etablierung einer normalen, finsteren Diktatur.

Brecht

Es gibt auch unterhalb dieses Levels genug ­Widerstehenswürdiges, für das dann gilt: Darf man sich, wenn Lage und Klima so kippen, noch mit Poesie, mit Kunst, mit klugen Ideen, aus denen kurzfristig nichts folgt, beschäftigen? Oder ist das Eskapismus? Und kann man das überhaupt noch, sich die Aufmerksamkeit dafür bewahren, wenn das Politische seinen Terror entfaltet?

Manche haben früher eine langweilige Politik beklagt, bei der es nur eine Auswahl zwischen ­sagen wir Helmut Kohl und Gerhard Schröder gab. Der eine war einem vielleicht sympathischer als der andere, man musste sich davon aber emo­tio­nal nicht zu sehr berühren lassen. Man konnte das gut ignorieren. Das waren keine so schlechten Zeiten, sage ich euch.

Nächste Woche Johanna Roth