An die Zukunft glauben

Alles wird gut!

Viele Deutsche leben auf hohem Niveau in der sichersten, friedlichsten, saturiertesten Republik ever. Warum tun sie so, als steckten sie im Kessel von Stalingrad?

Bild: Martin Cartagena

von HARALD WELZER

Abenteuer erlebt nur der, der sie zu erzählen weiß. Sagte Henry James. Heißt: Die Wahrnehmung unserer Welt hängt von der Geschichte ab, die man sich über sie erzählt. Eine für den fantasiefreien, chronisch depressiven und wirklichkeitsverschlossenen armen alten Westen typische Geschichte las ich in der SZ vor dem letzten Silvester. Da schrieb Christian Mayer aus dem Ressort »Panorama« mit Blick auf das vor ihm liegende Jahr: »Wer das neue Jahr begrüßt, setzt ein Zeichen: Wir machen weiter, wir lassen uns nicht unterkriegen, wir bleiben trotzig optimistisch, selbst wenn 2019 wieder viele deprimierende Nachrichten zu erwarten sind.« (SZ vom 29./30.12.2018, S. 47)

Hört sich ein bisschen so an, als schriebe Mayer Januar ’43 aus dem Kessel von Stalingrad. Dabei lebt er in der sichersten, friedlichsten, saturiertesten Republik ever, und auch persönlich sieht bei ihm nichts nach Apokalypse aus. »Der Vater zweier Töchter«, heißt es im Impressum, »schätzt München vor allem wegen seiner kompakten Vielfalt: Das Kino, die Oper, der Tierpark, das Haus der Kunst, das nächste Beachvolleyballfeld und die Bar seiner Wahl sind alle in einer halben Stunde mit dem Fahrrad erreichbar.«

»Das routinierte Lamento über den ausbleibenden Weltfrieden liefert die Grundierung einer Weltbeziehung, die sich keine Rechenschaft ablegen möchte über die Komfortzone, in der man zu leben das Privileg hat.«

Wie schön. Auf was richten sich da das »nicht unterkriegen lassen« und der »trotzige« Optimismus? In einer Gesellschaft, in der seit mehr als siebzig Jahren Frieden herrscht, seit vielen Jahren Hochkonjunktur, sinkende Kriminalität, egal ob es um Gewalt oder Wohnungseinbrüche geht, und »kompakte Vielfalt«, inklusive Tierpark. Es scheint, dass die Geschichte, wie sie die Mayers erzählen, mit der gelebten Wirklichkeit eher nichts zu tun hat. Sein routiniertes Lamento, das zum sozialen Klima im Land zu gehören scheint wie die Klage über den Klimawandel, den ausbleibenden Weltfrieden, die Fahrverbote, liefert die Grundierung einer Weltbeziehung, die sich keine Rechenschaft ablegen möchte über die Bedingungen der Komfortzone, in der man zu leben das Privileg hat, und die man deshalb durch permanentes Geraune vom Untergang herunterrechnet, so, als sei das alles gar nicht so toll, wie es ist.

Aufbruch überall

Wir haben vor einem Jahr getitelt: »2018. Aufbruch oder Scheiße.« Und tatsächlich haben wir im vergangenen Jahr viel Aufbruch gesehen, die »Seebrücke«-Demos, die fantastische »Unteilbar«-Demo in Berlin, überall gingen Menschen auf die Straße gegen Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung, Horst Seehofer, neue Polizeigesetze, und es waren übrigens vor allem junge Menschen. Selbst in der CDU wurde das Ende der Ära der Silberrücken eingeläutet, die CSU verlor jede Menge Stimmen wegen ihrer Politik der Gegenmenschlichkeit, die Grünen begannen höchst erfolgreich einen anderen, fragenden Politikstil, die Wahlbeteiligungen stiegen, auch die allgemeine Aufmerksamkeit auf das stieg, was politisch geschieht, national wie international. Ein Fake-Reporter wurde entlarvt, ein Fake-Verfassungsschutzchef gefeuert, der Hambacher Forst final nicht abgeholzt. Den Märkten drohen Handelskriege, was gut für die Umwelt ist, genauso wie geringere Wachstumsraten. Alles gar nicht so schlecht, oder?

Oder besser gesagt: Alles eine Frage der Optik. Man kann die Renaissance des Nationalismus und die rechte Wutkonjunktur ja auch als Zeichen sehen, dass die Moderne und die Menschenrechte so siegreich sind, dass es auch die letzten Deppen jetzt merken und sich dagegen zu wenden versuchen. Und anstatt sich mit großer Geste verzweifelt zu geben über Trump-Klimawandel-Autoindustrie-Söder-Ozeanverschmutzung-rechte-Idioten, kann man die Dinge auch genau andersrum sortieren und sagen: Naja, wenn die Armut, der Hunger, der Analphabetismus, die Kindersterblichkeit, die Gewaltkriminalität kontinuierlich zurückgehen, nur zum Beispiel, gehen ja wohl nicht alle Entwicklungen in die falsche Richtung. Und dann kann man die Sortierung verfeinern und herauszukriegen versuchen: Was waren denn die Faktoren, dass vieles im Lauf der letzten Jahrzehnte besser wurde? Vielleicht mehr Gerechtigkeit, mehr Schulen, mehr Gesundheit, mehr Diversität, mehr Horizont, mehr Lebenschancen für viel mehr Menschen? Und wenn man solche Faktoren findet, kann man politisch weiter dafür kämpfen, dass auch dort die Dinge besser werden, wo sie noch im Argen liegen. Das ist eine Aufgabe.

Genauso wie es die überfälligste Aufgabe von allen ist, das gesellschaftliche Naturverhältnis so zu modernisieren, dass Lebenssicherheit nicht mehr nur um den Preis von Naturzerstörung zu haben ist. Exakt dies, die Entwicklung einer neuen, naturbefriedeten Wirtschaft, meinetwegen eines in diesem Sinn aufgeklärten Kapitalismus, hat die Moderne noch vor sich. Und wer sagt, dass das nicht möglich ist?

Wandel ist machbar

Es erscheint dann unmöglich, wenn alle erstarrt wie das Kaninchen vor der Schlange mit Namen »Klimawandel« sitzen und vor lauter Naturwissenschaft keinem mehr einfällt, dass jede Menge gemacht werden kann, gerade wenn die Kollegen Klimaforscher recht haben. Großflächige Aufforstungen, autofreie Städte, Energie-, Verkehrs- und Ernährungswenden sind doch machbar, auch wenn es ein bisschen dauert. Wir müssen wieder lernen, uns vom naturwissenschaftlichen Determinismus freizumachen, uns nicht die soziale Fantasie davon verstellen zu lassen.

Der Schriftsteller Jonathan Franzen hat darauf hingewiesen, dass nicht nur die Rechte, sondern auch die Linke die Realität leugnet. Rechte leugnen den menschengemachten Klimawandel, Linke leugneten die gesellschaftlich-politische Realität, in der ein schneller, radikaler globaler Wandel unmöglich sei, sagt er. Die Welt, in der umgesetzt wird, was die Konferenzen beschwören, existiere nicht. Es gebe keinerlei Perspektive, dass irgendjemand sein Öl im Boden lasse. Da hat er einen Punkt. Rechter und linker Illusionismus treffen sich im altbekannten Beschluss, dass eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Also bleibt man lieber beim recht haben, auch wenn keinerlei Chance besteht, recht zu behalten.

Von Milo Rau stammt der Begriff »Globaler Realismus« (taz FUTURZWEI 2/2017). Diesen Begriff legen wir jetzt mal so aus, dass weder die globalen sozialen Ungleichheitslagen noch die globalen Naturverhältnisse noch gar die globale Veränderung zum Besseren mit dem klassischen politischen Ideenbaukasten zu begreifen, geschweige denn anzugehen sind. Aber das ist ja die Aufgabe: realistisch zu sehen, was historisch fatale Pfade sind, sozial- und ökopolitisch bessere Pfade zu bahnen und all das als ein zivilisatorisches Projekt zu verstehen. Dieses zivilisatorische Projekt muss sich selbstverständlich naturwissenschaftlich informieren, kann aber nicht darauf verzichten, sich einen eigenen Modus, ja, eigene Gründe des Kämpfens für das Bessere zu erarbeiten. Klimamodelle und Emissionsmessungen ersetzen keine Gesellschaftspolitik, schlimmer noch: Sie leiten auch keinen Pfadwechsel an. Allzu oft munitionieren sie lediglich einen präventiven Fatalismus: Ach, wie unbehaglich haben wir es doch mit unseren First-World-Problems in dieser schrecklichen Komfortzone!

First-World-Problems

Wohlgemerkt: Nichts liegt mir ferner als ein Bashing der Klimaforschung. Dort wird seit vielen Jahren hervorragend gearbeitet, aber Klimawissenschaftler verstehen nichts von Gesellschaft, von sozialen Prozessen, von Psychologie, von historischen und ökonomischen Triebkräften. Müssen sie auch nicht, das ist nicht ihr Job. Wo aber sind die Sozial-, Kultur-, Politik-, Geschichts- und Geisteswissenschaften, die mal ihre Theorien und Methoden auf eine Moderne unter veränderten Naturverhältnissen anwenden und herauszufinden bereit sind, wie man sich aus ökologischen Miseren herausarbeitet oder wenigstens mit ihnen so zu leben lernt, dass die Zivilisation dabei nicht vor die Hunde geht?

Warum haben wir keine Katastrophensoziologie, die analog zur Gesundheitswissenschaft nicht nur nach den Faktoren sucht, die krank machen, sondern auch nach denen, die gesund machen? Warum haben wir kaum Forschung darüber, wie Menschen soziale und ökologische Krisen und Katastrophen bewältigen, darüber, was sie stark macht, totalitären Verlockungen zu widerstehen oder nach Niederlagen aufzustehen? Das alles sind psychologische und soziale Kompetenzen, vielleicht ist es auch Lernen aus der Geschichte.

Ich stelle mir immer vor, wie man denn im Sommer 1945 als Mitteleuropäer inmitten zerstörter Städte und Infrastrukturen, nach Massentod und millionenfachem Mord, nach Desillusionierung, Vermögensverlust, Flucht usw. in die Welt geschaut hat, und nur vier Jahre später begann mit dem Grundgesetz ein Zivilisierungsschub, von dem wir heute noch zehren. Und den wir weiter ausbauen, mit dem nötigen neuen Schwung versehen können.

Politische Kraft erwächst nicht aus Fatalismus

Politische Kraft erwächst nicht aus Fatalismus, schon gar nicht aus der Kombination von historischem Maximalkomfort und Sich-doof-Stellen. Und nicht aus diesem saudummen Reden über Welt- und Planetenretten. Als wenn es jemals darum gegangen wäre! Alles, was zivilisatorisch erreicht worden ist, ist ein Produkt von Träumen, Konflikten, Kämpfen, Vorführen des Besseren. Und vom Geschichtenerzählen darüber. Übrigens: Man kann auch vieles wieder gutmachen, was ruiniert worden ist. – Warum reden wir eigentlich so wenig über die erfolgreiche Renaturierung von Flüssen, die Wiedervernässung von Sümpfen, die Erholung von Tierpopulationen?

Kann es sein, dass die routiniert negative Zukunftssicht, dieses anheimelnd Apokalyptische unserer Gegenwartskultur nur Zynismus ist, weil man nicht einzugestehen bereit ist, auf welchen Fehlern, Lügen, Ungerechtigkeiten und Anachronismen die eigene Existenzweise beruht? Und dass man höchsten Aufwand in das Wieder-und-wieder-Erzählen steckt, dass das alles ja nicht gutgehen kann und das Ende nah ist, nur um immer noch ungestört von sich selbst auf sein deppertes Beachvolleyballfeld latschen zu können?

Alles wird gut. Niemand sagt, es sei einfach, dafür zu sorgen, dass alles gut wird. Aber es ist der Anfang eines politisch Neuen, das für möglich zu halten.