das portrait

Saul Friedländer kämpft um die Erinnerung an den Holocaust

Foto: CH. Beck Verlag

„Ich wurde zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt – vier Monate vor Hitlers Machtergreifung – in Prag geboren.“ So beginnt Saul Friedländers Autobiografie „Wenn die Erinnerung kommt“. Das Buch erschien zuerst 1978 in Frankreich, dem Land, von dem Friedländer sagt, es habe am stärksten seine kulturelle Identität geprägt.

Friedländer lässt sich wohl eine Staatsangehörigkeit zuordnen, nämlich die israelische, doch er ist zugleich zu Hause in Prag, Paris, Tel Aviv, Stockholm, London und Los Angeles. Aber nicht unbedingt in Deutschland.

Saul Friedländer ist einer der international geachtetsten Holocaust-Forscher. Sein zweibändiges Buch „Das Dritte Reich und die Juden“ gilt als Standartwerk und ist zudem so großartig geschrieben, dass diese furchtbare Geschichte lebendig aus jeder Seite hervorquillt. Zugleich aber steht der 86-Jährige in eigener Person für Verfolgung und Flucht vor den NS-Massenmördern.

Als Sechsjähriger muss Friedländer mit seinen Eltern aus dem von den Deutschen besetzten Prag ins französische Exil fliehen. Nach der deutschen Okkupation von Paris zieht die Familie weiter ins besetzte Frankreich. 1942, als die Deportationen der Juden dort einsetzten, geben die Eltern ihr Kind in die Obhut eines katholischen Internats. Dort überlebt er versteckt die NS-Zeit, doch soll er, dessen deutschsprachige Familie kaum Bindungen an das Judentum besaß, zum frommen Katholiken erzogen werden – mit dem Ergebnis, dass Friedländer das Priesteramt anstrebt.

Danach, in Paris, wird er erst Kommunist, dann Zionist. Er datiert sein Geburtsdatum zurück, um die Chance an der Teilnahme am israelischen Unabhängigkeitskrieg zu erhalten, und erreicht tatsächlich den jungen Staat. Dort wird er – Israel braucht nicht nur Soldaten – Landwirtschaftsschüler.

Doch den jungen Mann zieht es in die Wissenschaft. In den 1950er Jahren finden wir ihn studierend in Paris, er promoviert in Genf, später lehrt er in Jerusalem und Los Angeles, aber auch mit einer Gastprofessur 2006 und 2007 in Jena.

Friedländers Eltern sind aus Frankreich deportiert und in Auschwitz ermordet worden. Sein Lebensthema ist die Erforschung der NS-Judenverfolgung. „Wie oft fühlte ich mich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, eine der so vertrauten Weinstuben aufzusuchen, und dem heftigen Verlagen, auf der Stelle meine Koffer zu packen“, das schrieb Friedländer über seine ersten Forschungsaufenthalte in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren. Später sei es ihm „fast gelungen“, sich dort entspannter zu fühlen.

Man darf gespannt sein, was der Jude, Israeli und Weltbürger Saul Friedländer an diesem Donnerstag im Deutschen Bundestag in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag den ­Abgeordneten zu erzählen hat – darunter 92 Frauen und Männer der AfD, für deren Fraktionschef Alexander Gauland die NS-Geschichte nur ein „Fliegenschiss“ ist.

Klaus Hillenbrand