heute in bremen

„Kein Urteil gesprochen“

Foto: privat

Philip Stemann, 42, ist Regisseur des Puppentheaters „Kafka – Der Prozess“.

Interview Lea Schweckendiek

taz: Herr Stemann, was geschieht mit Josef K. in Kafkas „Der Prozess“?

Philipp Stemann: Der Protagonist des Stücks, Josef K., wird eines Morgens in seiner Wohnung verhaftet – und weiß nicht, warum. Er wird nicht eingesperrt, doch der Umstand seiner Verhaftung wird sein neuer, gespenstischer Lebenszustand.

Wie sind Sie dazu gekommen, ausgerechnet diesen Text mit Puppen zu inszenieren?

Das Puppentheater ist eine sehr spezielle ästhetische Form, die einen speziellen, starken Inhalt braucht. Den gibt es im Falle des „Prozesses“. Das Kreatürliche, Monströse ist mit Puppen gut darstellbar.

Wie sieht Ihre Inszenierung aus?

Wir spielen das Stück mit rund 20 Puppen und Masken – drei Schauspieler bedienen diese und decken damit alle Charaktere ab.

Puppentheater wird oft auf Kinder ausgelegt. Ist auch dieses Stück kinderfreundlich?

Ich denke, dass der Stoff intellektuell zu schwierig und deshalb nicht für Kinder geeignet ist. Jugendliche allerdings können sich durchaus auf das Stück einlassen. Nicht selten wird Kafka ja in der Schule gelesen. Dann lohnt sich ein neuer Blick auf die Geschichte, außerhalb der schulischen Auseinandersetzung.

Vorstellung „Kafka – Der Prozess“:20 Uhr, Bremer Figurentheater, Schildstraße 21

Was macht Ihre Inszenierung besonders?

Jede Sicht auf ein Stück interpretiert sehr persönlich. Wir haben uns bemüht, über die Perspektive Josef K.s an das Stück heranzukommen. Das bedeutet, dass die ganze Zeit über kein Urteil gesprochen wird. Das Ende des Stücks bleibt offen, was sicher eine spezielle Lesart ist, aber unserer Auffassung nach dem mentalen Zustand des Protagonisten gerecht wird.

Welche Schwierigkeiten birgt die Darstellungsform des Puppentheaters?

Es gibt Stücke, die lassen sich gut spielen und Stücke, die nur sehr schwer auf die Bühne zu bringen sind. Und zu jedem Stück passen verschiedene Darstellungsformen besonders gut. Es gibt also keine Schwierigkeit im Format Puppentheater selbst, es gibt eher schwierige Stücke für das Format. Kafka eignet sich für das Puppenspiel hervorragend, weil er viele Dialoge verarbeitet, die durch die Puppen gesprochen werden können. Die Schwierigkeit dieses Stückes bestand vor allem im Fabelgeflecht, durch das es sich bei den Überlegungen zur Inszenierung zu arbeiten galt.