Aktion von Gegnern der Stadtaufwertung

Freiburg sucht den Hausbesetzer

Mit einer Freiraum-Show geißeln Kritiker der Gentrifizierung den Leerstand. Am Wochenende steht das Finale der potenziellen Hausbesetzer an.

Nach dem Vorbild von Dieter Bohlen werden Häuser zum Besetzen gecastet. Bild: http://supersquat.org

BERLIN taz Das Blondchen in der Jury hat die Haare, der andere Typ das Aussehen wie Dieter Bohlen. Er hat eine Pappmaske vor dem Gesicht, mit dem Konterfei von Deutschlands nervigem Chef-Auswähler darauf. Im Hintergrund prangt das pinke Logo, das in dieser Sendung Programm ist: "Freiburg sucht den Supersquat".

Ein kleiner Unterschied zum Original: Diese Sendung hier spielt nicht im Privatfernsehen, sondern kursiert derzeit in rotzig gedrehten Videos im Internet. Und nicht die schönsten Stimmen Freiburgs sollen den Wettbewerb gewinnen, sondern das leerstehende Hausobjekt, das in der Stadt am besten und nachhaltigsten zu besetzen ist. In Freiburg sind "Freiraumtage". Und dieses Mal sind es besondere.

Denn die Gegner der Stadtaufwertung haben eine Methode entdeckt, mit der ein altes Thema - Leerstand, Freiraum, Hausbesetzung - neu verpackt werden kann: "Aus acht Schmuckstücken des Freiburger Leerstandes bestimmst du und unsere hochqualifizierte Jury, welches Objekt es am meisten verdient hat, seinem eigentlich menschlichen Zweck zurückgeführt zu werden", heißt es in der Online-Show zu den "Recht auf Stadt"-Tagen, die seit Mittwoch von zahlreichen politischen Gruppen in Freiburg zelebriert werden und noch bis Sonntag anhalten sollen. Die große Frage dabei ist: Wie wird das Finale ausgehen?

Freiburg sucht den Supersquat - Runde 3! from P.H.A. Infotainment on Vimeo.

Mit Diskussionen, Workshops und einer so genannten Nachttanzdemo, mit einer Fahrraddemonstration, einem rollenden Umsonstladen und einem "Plenum von unten" sollen die Bewohnerinnen und Bewohner der baden-württembergischen Öko-Stadt Freiburg in den kommenden Tagen für eine soziale Schieflage sensibilisiert werden, die die Organisatoren in der Miet- und Stadtentwicklungspolitik ausmachen wollen.

Damit schließt sich die Freiburger Initiative einer Kampagne an, die in der linken Szene derzeit bundesweit diskutiert wird: Die Hamburger "Recht auf Stadt"-Kampagne, unter deren Dach linksradikale Aktivisten gemeinsam mit Kleingärtnern ein breites Bündnis gegen die städtische Aufwertungspolitik geschmiedet haben.

Freiburg hat eine bunte Hausbesetzerszene

In einigen Großstädten wird derzeit versucht, an die erfolgreiche Hamburger Kampagne anzuknüpfen. So etwa in Berlin, wo der geplante flächenmäßige Umbau des Spreeufers über Jahre zu anhaltenden Protesten geführt hatte und im Februar ein symbolträchtigt besetztes Haus von tausenden Polizisten geräumt worden war. Oder in Köln, wo Aktivisten im letzten Jahr ein Gebäude besetzt und ein "Autonomes Zentrum" ausgerufen hatten, das seitdem wiederholt vor der Räumung stand.

In Freiburg, wo sich seit Anfang März verschiedene Gruppen im neuen Netzwerk "Recht auf Stadt" zusammengeschlossen haben, soll nun der Effektivitätsbeweis erfolgen. Denn in der Stadt, die auf eine bunte Geschichte der Hausbesetzungen und alternativen Wohnprojekte zurückblicken kann, steht derzeit das selbstverwaltete Kunst-, Kultur- und Wagenkollektiv "Kommando Rhino" vor der Räumung.

Freiburg sucht den Supersquat - Runde 1! from P.H.A. Infotainment on Vimeo.

Und auch die Zukunft der Wagenburg "Schattenparker" ist laut einem Aktivisten unklar, weil nicht sicher ist, wie häufig und wie lange noch Duldungen für das Projekt erteilt werden. Deshalb will das Netzwerk nun in die Offensive gehen: "Wir wollen darstellen, warum die Methode der Besetzung ein interessanter Ansatz ist. Viele Projekte in legaler Nutzung sind in der Vergangenheit schließlich gescheitert", sagt ein Aktivist, der namentlich nicht genannt werden will. Er arbeitet für P.H.A.-Infotainment - das steht für "Plätze. Häuser.Alles".

"Da der Mensch ein träges Lebewesen ist", erklärt der P.H.A.-Aktivist, "bedienen wir uns dabei frei und ungeniert am derzeit erfolgreichsten Opium fürs Volk: pseudointeraktive Fernsehshows." Und so hoffen die Realitätsprouzenten, "dass die Show auch für andere Städte ein Vorbild sein kann." Denn wie schon bei Dieter Bohlen soll die Show reale Konsequenzen haben: Vier Objekte sind inzwischen im Finale, das an diesem Wochenende folgt. "Was bei diesem Finale passiert, das kann ja nur von unten passieren", sagt einer der Organisatoren. Anzunehmen ist, dass es ein sehr aktives Finale sein wird. Nicht nur im Internet. Sondern in einem von vier Objekten.

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