Antisemitismus im Internet

Betreff: Judenhass

Tausende Hassmails gingen in den vergangenen Wochen bei der israelischen Botschaft in Berlin ein. Eine Analyse der antisemitischen Schreiben.

Gegen die Raketen der Hamas verteidigt sich Israel mit dem Abwehrsystem „Iron Dome“. Gegen Hassmails hilft nur die Löschtaste. Bild: dpa

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel zitiert antisemitische und volksverhezende Äußerungen, die der israelischen Botschaft in Berlin zugesandt wurden.  

BERLIN taz | Birgit* arbeitet in der israelischen Botschaft in Berlin. „Ich bin eigentlich sehr abgehärtet“, sagt sie. Aber seit Kurzem hat sie in den sozialen Netzwerken alle Hinweise auf ihren Arbeitsplatz gelöscht. „Man darf denen nicht die Macht geben, mich mit ihren Äußerungen zu verletzen.“

„Denen“ – damit sind diejenigen gemeint, die seit Beginn des Gazakriegs im Juli auf der Facebook-Seite der Botschaft, auf Twitter oder bei YouTube Hasseinträge hinterlassen. Andere schreiben ausführliche Briefe oder senden Ansichtspostkarten mit hübschen Bildmotiven, die, wie es sich gehört, korrekt frankiert sind.

Weniger korrekt sind die Inhalte: Djibriel S.: „Hamas sollte mal Zyklon B einsetzen.“ Günter K.: „Wie schön wäre die Welt ohne Juden.“ Taner K.: „Hitler wo bist duuuuuuuuuu.“ Maurice A.: „Ihr dreckigen Juden gehört vergast!!!“

Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ am Sonntag, 14. September, ab 15 Uhr. Brandenburger Tor, Berlin.

„Kindermörder! Kindermörder!“

Tausende solcher und ähnlicher Nachrichten sind in den letzten Wochen bei der israelischen Botschaft angekommen. Ein Großteil davon flimmerte auch auf Birgits Bildschirm, sie arbeitet für die Social-Media-Abteilung. „Ich erspare mir das Lesen bis zum Ende“, sagt sie.

Einmal, Birgit hatte bei Facebook „Danke für Eure Solidarität“ an die Israelunterstützer gepostet, ergoss sich ein solcher Strudel Hassnachrichten über sie, dass sie mit dem Löschen nicht mehr nachkam. „Die ganze Abteilung hat das Wochenende damit verbracht, nur die Delete-Taste zu drücken“, sagt sie.

„Ich ficke euch, ihr Judensöhne. Ich ficke euer Papst und kacke auf Israel ihr Hunde.“ „Verdammte Zigeuner Zionisten!!!“ „Kindermörder! Kindermörder! Kindermörder!“ – Was sind das für Nachrichten?

Der taz liegen Hunderte dieser Briefe, Mails und Twitter-Nachrichten an die israelische Botschaft vor. Einige von ihnen beschäftigen sich durchaus ernsthaft mit dem Krieg. Ihre Autoren fordern den Staat Israel dazu auf, den Konflikt zu beenden und den Palästinensern mehr Freiheiten zu geben. Aber das sind Ausnahmen.

Viele kurze Facebook-Einträge beschränken sich auf wüste Beschimpfungen, wobei sich die Nutzer immer weiter gegenseitig aufstacheln. Dann gibt es die Briefe und Mails, in denen Menschen in aller Ausführlichkeit ihr antisemitisches Weltbild vorstellen, manche mit Klarnamen und Adresse. Fast allen diesen Nachrichten gemeinsam sind die Analogien, die zwischen dem Konflikt Gaza – Israel und der Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus gezogen werden – ein klassisches antisemitisches Stereotyp.

Die vermeintlich Enttäuschten

Darunter gibt es auch die vermeintlich Enttäuschten, die behaupten, sich angesichts des Krieges von Israel abwenden zu müssen: „Eigentlich wollte ich nach Israel reisen“, behauptet etwa Erich P., der diesen Plan aber verworfen haben will: „Dieser Völkermord an den Palästinensern ist genauso übel wie der Holocaust, aber leider haben die Juden nichts aus der Geschichte gelernt.“ Hier wird ein weiteres Klischee benutzt, nach dem die Juden durch ihr Verhalten selbst am Antisemitismus schuld seien.

Es finden sich diejenigen, die Ähnliches ohne größere Pirouetten äußern, etwa: „Was unterscheidet euch von Nazis? Ihr Menschenschlächter! Ich hasse Nazis und euch mordenen Israelis!“ Oder, kurz und handschriftlich: „Mörderstaat Israel ich bitte sie Deutschland zu verlassen. Ich möchte kein Volk hier haben, dass wie Nazis agieren, das hatten wir schon.“

Ein weiterer Typus der Hassschreiben: Die Empfänger werden nicht nur mit Nazis gleichgesetzt, ihnen wird zudem das gleiche Schicksal wie den Naziopfern angedroht. Ein Jochen lässt wissen: „Bis jetzt fand ich das nie gut was die Nazis gemacht haben aber jetzt glaube ich sie haben noch zu viele von Euch am Leben gelassen! Ich habe Hoffnung, dass der Iran euch irgendwann auslöscht!“ Endlich frei von der eigenen Verantwortung zu sein, wünscht sich der Autor dieses Schreibens. Denn indem er das Handeln Israels mit den Verbrechen der Nazis gleichsetzt, müsse er sich nicht mehr für die deutsche Geschichte genieren.

Und schließlich tragen Neonazis oder NS-affine Menschen ihren Teil zu diesem Panoptikum der Scheußlichkeiten bei: „Hätte unser geliebter Führer Adolf Hitler, Gott hab ihn selig, alle verpissten Juden dahin geschlachtet, hätten wir heute nicht diesen ganzen Juden-Dreck auf Gottes Erde“, erklärt ein Schreiber.

„Hitler kommt wieder!“

Und weil zum Antisemitismus auch der ganz normale Rassismus dazugehört, schreibt er weiter: „Nach Euch Drecks-Juden kommen dann die Moslems dran.“ Ozan G. dagegen lässt wissen: „Hitler kommt wieder! Und das ist euer Ende ihr Zionisten! Die muslimischen Länder wärden sich zusammentun und euch aus der Landkarte entfernen! Hoch lebe die Türkei.“

Welche Menschen schreiben so etwas? Eine schwierige Frage, selbstverständlich lassen sich Absenderangaben im Internet nach Belieben manipulieren. Ein Teil der Schreiben macht den Anschein, von Migranten zu stammen: mit türkischen und palästinensischen Flaggen in ihren Profilen. Doch quantitative Aussagen etwa über einen möglichen Migrationshintergrund sind schwer zu machen, wenn dort, wo ein „Mahmud“ steht, auch ein „Eberhard“ am Werk sein kann – und umgekehrt.

Das weiß auch Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman: „Sie verstecken sich hinter diesen E-Mails“, sagt er, und weiter: „Ich kann nur vermuten, dass das, was in den sozialen Netzwerken geäußert wird, dem entspricht, was manche Leute wirklich denken.“

Die Schreiben sind Anzeichen des Antisemitismus, der in der realen Welt zweifellos existiert. Aber, sagt Hadas-Handelsman: „Das eigentliche Problem ist die schweigende Mehrheit. Die Deutschen sollten sich fragen, warum sich manche Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlen.“ Und er zitiert Dieter Graumann, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, der jüngst äußerte: „Das sind die schlimmsten Zeiten seit der Naziära.“

„Eine Minderheit von Fanatikern“

Antisemitismusforscher wie Wolfgang Benz glauben nicht, dass sich der Judenhass in Deutschland wesentlich verstärkt hat. „Es handelt sich um eine kleine Minderheit von Fanatikern. Diese Minderheit bekommt jetzt eine Aufmerksamkeit, die sie von ihrem politischen und zahlenmäßigen Gewicht nicht verdient“, sagt Benz zu den Vorfällen auf einigen Demonstrationen anlässlich des Gazakriegs. Etwa jeder fünfte Deutsche gilt als latent antisemitisch. Zu diesem Schluss kommt der Antisemitismusbericht für den Bundestag von 2012. Die Zahl ist seit Jahren stabil.

Auch wenn die Zahl der Judenhasser sich nicht erhöht hat, die antisemitischen Schmähungen sind in den letzten Jahren explodiert. Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel, die 14.000 Hassschreiben an die israelische Botschaft und den Zentralrat der Juden aus der Zeit zwischen 2002 und 2012 untersucht hat, schreibt von einer „neuen Qualität der verbalen Gewalt im alltäglichen und öffentlichen Diskurs über Israel“.

Eine „qualitative Veränderung“ der verbalen Antisemitismen erkennt auch Stefanie Schüler-Springorum vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Das Tabu bekommt immer mehr Risse. Für diesen Sonntag ruft der Zentralrat der Juden zu einer großen Demonstration „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ am Brandenburger Tor in Berlin auf. Alle politischen Parteien von der Linken bis zur CSU unterstützen die Veranstaltung.

Birgit, die junge Frau, die die Hassmails an der israelischen Botschaft empfängt, sagt, sie finde „es sehr gut, dass dort die Spitze des Staats ein Zeichen setzt“. Ob sie selbst hingehen wird, weiß sie noch nicht. „Ich bin ja selbst Betroffene.“ 

*Name von der Redaktion geändert

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