Von "Realisten" ist Moral in der Politik immer belächelt worden. Trotzdem ist die Menschheitsgeschichte, so zeichnet der Philosoph Hanno Sauer nach, geprägt von der Überzeugung, dass es eine Unterscheidung zwischen gut und böse und ein Ringen um genau diese Unterscheidung geben müsse. In Bezug auf heutige, polarisierte Diskurse mit zunehmendem Erregungsniveau konstatiert er, dass es nicht selten darum gehe, die moralische Reputation der Gegenseite zu diskreditieren. Die Schriftstellerin Anne Rabe plädiert dafür, dem Moralverlust im politischen Raum etwas entgegenzusetzen und die Moral engagiert gegen Angriffe - vor allem von rechts - zu verteidigen. Wer profitiert, wenn progressive Ideen zunehmend als linke Spinnereien, Gutmenschentum und selbstverliebter Moralismus abgetan werden? Und ist es nicht ebenso moralisierend, wenn "virtue signaling" gebrüllt wird, sobald Kritik von links kommt?