Ägyptischer Blogger aus dem Gefängnis: "Versucht, für mich zu feiern"

Der ägyptische Blogger Alaa Adb El-Fattah verbringt seinen 30. Geburtstag im Knast. Auch die Geburt seines Sohnes wird er nicht mitkriegen. Ein Blog aus dem Gefängnis.

Demonstrant auf dem Tahrir-Platz. Bild: reuters

BERLIN taz | Der ägyptische Blogger Abd El-Fattah war am 30. Oktober wegen seiner angebliche Rolle bei einer vorwiegend koptischen Demonstration am 9. Oktober, in deren Verlauf 28 Personen getötet wurden, festgenommen worden.

Am Sonntag hatte ein Militärtribunal entschieden, seine Haft um 15 Tage zu verlängern, nachdem er sich geweigert hatte, auf Fragen durch die Militärstaatsanwaltschaft zu antworten. Es soll einen Zeugen dafür geben, dass Abd El-Fattah und seine Freunde einen Polizisten brutal zusammengeschlagen und seine Waffe entwendet hätten. Seine Freunde bestreiten dies. Eine Anklage wurde bisher nicht erhoben.

In den vergangenen drei Jahren habe ich das Eid (1) im Ausland und ohne meine Familie verbracht. Es ging vorüber wie jeder andere Tag auch – morgens zur Arbeit gehen und spät nachts nach hause kommen. Wir hätten es nicht einmal wahrgenommen, wenn nicht jemand angerufen hätte, um uns alles Gute zu wünschen.

Am Freitag will sich Buthaina Kamel, die als Unabhängige für die Präsidentschaftswahlen kandidieren will, einem Hungerstreik für die Freilassung Abd El Fattahs anschließen, den seine Mutter, die Professorin Laila Soueif, initiiert hat. Auch der Publizist Mohamed Hashem nimmt an der Aktion teil; mehrere Autoren und politische Aktivisten wollen sich anschließen, sollte der Blogegr nicht freigelassen werden. Am Dienstag rief die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Militärstaatsanwaltschaft dazu auf, Abd El Fattah umgehend freizulassen.

***

Doch es sind nicht nur Freunde und Verwandte des Inhaftierten, die für diesen Freitag zum Tahrir-Platz mobilisieren. Der Demonstrationstermin steht bereits seit längerem fest, und einmal mehr soll es gegen den herrschenden Militärrat (SCAF) gehen.

Ein breites politisches Spektrum empört sich derzeit über politische Prinzipien, die der Verfassung übergeordnet sein sollen, mit denen sich der SCAF sich weitgehende Rechte sichern will. Danach sollen unter anderem die Ausgaben im Rahmen des Militärbudgets der Geheimhaltung unterliegen, außerdem will der SCAF das letzte Wort bei allen Gesetzen haben, die das Militär betreffen. Die Muslimbrüder sowie die radikal-islamischen Salafisten und Al Jamaa Al Islamiya, aber auch linke Gruppen haben zu der Demonstration aufgerufen. B.S.

Dieses Jahr hatte ich vor, das Eid mit meiner Familie zu verbringen, aber das Militär verweigerte mir das Recht, zu feiern. Ich verbrachte Eid in einer Zelle, meine Familie den ganzen Tag in einer Schlange von Besuchern. Als schließlich nur einige von ihnen mich für einige kurze Minuten treffen konnten, wurden sie von doppelt so vielen Polizisten eskortiert.

Als ich meine Mutter, die einen Hungerstreik für meine Freilassung begonnen hat, fragte, wie es ihr ginge, und versuchte, meine Anspannung zu überwinden, weil mir ein Briefwechsel mit Manal (2) verweigert wurde, verstrichen die Minuten des Besuchs und der erste Tag des Eid war vorbei. Die Angestellten, Polizisten und Untersuchungsbeamten feierten das Eid, was bedeutete, dass das Gefängnis nur mit halber Besetzung arbeitete. Die Zelle war vier Tage lang ohne Unterbrechung geschlossen – keine Besuche, keine Zeitungen, kein Essen von außerhalb der Einrichtung, gar nichts. Sollen die Kriminellen das Eid feiern? Gott bewahre!

Wenn ich eure Tweets nicht bekommen hätte, die wie Glückwunschtelegramme eintrafen, hätte ich nicht gewußt, dass draußen Eid ist. Dank an alle, die sich gekümmert haben, und denen, die die Idee hatten.

Wie werde ich damit klar kommen?

Eid ist vorbei und mein Geburtstag rückt näher. In den vergangenen vier Jahren habe ich meinen Geburtstag fern von meiner Familie gefeiert, aber dieser sollte ein besonderer sein. Es ist mein dreißigster Geburtstag, damit verbunden ist die Erkenntnis und die Anerkennung der Tatsache, dass ich in die Welt der Erwachsenen eingetreten bin und es keinen Weg zurück gibt. Ich hatte vor, mit meinen revolutionären Kameraden am 18. November auf dem Tahrir-Platz zu feiern und abends mit meiner Familie, nur ein paar Tage vor der Geburt meines Sohnes Klaled (3). Aber weil der Tag ein Freitag ist, kann mich natürlich niemand besuchen und keine Türen werden geöffnet.

Versucht also, für mich auf dem Platz zu feiern, denn wenn ich die Nachrichten darüber erhalte, wird mich das trösten und froh stimmen, zumindest für einige Augenblicke. (...)

So ist das Eid vorbei gegangen und so wird auch mein Geburtstag vorbei gehen. Ich bin daran gewöhnt, diese Anlässe fern von meiner Familie zu verbringen, aber was ist mit der Geburt meines Sohnes Khaled? Wie sehr werde ich die Geburt meines ersten Kindes vermissen? Wie will ich damit klarkommen, in einer solchen Zeit nicht bei Manal zu sein? Wie werde ich mich in den Griff bekommen, während ich warte, ob sie ok sind oder nicht? Wie wird es sein, sein Gesicht nicht zu sehen oder das Gesicht seiner Mutter, wenn sie seins sieht?

Wir nannten ihn Khaled, um die große Schuld gegenüber Khaled Said zurückzuzahlen. Doch anstelle diejenigen gefangen zu nehmen, die ihn getötet haben, wandern wir ins Gefängnis.

Übersetzung Beate Seel

(1) Das Eid el-Kebir wird jedes Jahr nach dem Ende der Pilgerfahrt nach Mekka gefeiert. In diesem Jahr fiel das Fest auf den 6.,7. und 8. November. Vom Stellenwert her ist es vergleichbar mit Weihnachten.

(2) Manal Hussein ist die Frau von Alaa Abd El Fattah und ebenfalls Aktivistin und Bloggerin.

(3) Alaa und Manal möchten ihren Sohn nach Khaled Said nennen. Der junge Mann aus Alexandria wurde von der Polizei zu Tode geprügelt und posthum zu einem Symbol des Aufstands.

Die englische Version des Blogs wurde auf Ahram Online veröffentlicht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben