Wieder im Kino: Triumph des Guten
Das Arsenal würdigt mit einer Filmreihe das große amerikanische Studio Columbia Pictures. „Kiss Me Deadly“ erzählt von einer bizarr verdrehten Welt.
I m Bunde der sieben größten Filmstudios des klassischen Hollywood-Systems bekleidete Columbia eher einen der hinteren Ränge. Große Budgets wie bei MGM konnte man dort ebenso wenig bieten wie die europäische „Sophistication“ des Paramount-Studios. Dass man es überhaupt aus der Poverty Row, dem „Armenhaus“ der Studios, herausgeschafft hatte, verdankte Columbia in erster Linie dem Studioboss Harry Cohn, der seit 1932 die Geschäfte führte.
Überaus berüchtigt für seine Vulgarität, besaß Cohn doch zumindest einen untrüglichen Geschäftssinn, der dem Studio bis zu seinem Tod im Jahr 1957 schwarze Zahlen in den Geschäftsbüchern bescherte. Es mochte ihn trotzdem niemand: Der Komiker Red Skelton witzelte etwa nach Cohns Ableben, die Leute auf dessen Beerdigung hätten wohl nur nachschauen wollen, ob er auch wirklich tot sei.
Wie nicht anders zu erwarten, produzierte Columbia in der Glanzzeit des Studiosystems Filme in allen erdenklichen Genres und Stilarten. Nachhaltig geprägt wurden die 1930er und -40er Jahre jedoch von der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Capra, der dort jene berühmten Tragikomödien schuf, für die der Filmhistoriker Richard Griffith später den Begriff „Fantasy of Goodwill“ fand: Filme über ein idealisiertes Amerika, in dem stets der Gemeinsinn der „kleinen“ Leute triumphiert – und zwar in einer Weise, die Gemeinsinn als individuellen Akt und damit als ausgesprochen amerikanisch definiert.
Das Zeughauskino zeigt im März als Teil der diesjährigen „Arsenal on Location“-Reihen die Retrospektive „The Lady with the Torch – Hommage an Columbia Pictures“, die denn auch mit einem typischen Capra-Film eröffnet.
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„Mr. Deeds Goes to Town“ (1936) präsentiert Gary Cooper als Kleinstädter, der unerwartet zu einem Riesenvermögen kommt und irgendwann beschließt, dieses an Bedürftige zu verteilen. Woraufhin ihn seine Verwandten für verrückt erklären lassen wollen – die Geschichte mündet in einem Gerichtsprozess, in dem der Wohltäter sich geschickt zu rechtfertigen weiß (1. 3., 19 Uhr, Zeughauskino).
Als eines der bizarrsten Werke des Film Noir kann Robert Aldrichs Independent-Produktion „Kiss Me Deadly“ (1955) gelten: eine bis ins Absurde getriebene Mickey-Spillane-Verfilmung, in der Ralph Meeker als Detektiv Mike Hammer stoisch durch eine vollkommen verdrehte Welt tappt. Die versteht der nicht besonders helle Hammer ebenso wenig wie seinen Fall, in dem alle möglichen Leute hinter einem kleinen Köfferchen mit einem glühenden Atomball herjagen.
Erkennbar ist „Kiss Me Deadly“ eines der großen Vorbilder für das Meta-Zitat-Kino der Nouvelle Vague, denn im Rahmen seiner Ermittlungen bekommt es der Detektiv nicht nur mit Gangstern zu tun, sondern auch mit Gedichtbänden, Caruso-Opernschallplatten und modernen Kunstsammlungen – die ihn natürlich auch allesamt heftig überfordern. Eine Film Noir-Reihe zeigt das Babylon Mitte vom 3.3. bis 19.30 (4.3., 22 Uhr, Babylon Mitte).
Auch zu später Stunde immer sehenswert ist der Stummfilm „Häxan“ (1921) des aus Dänemark stammenden Regisseurs Benjamin Christensen, der hier in einer kuriosen Mischung aus Dokumentation, Spielszenen und spekulativem Horror den Hexenwahn des Mittelalters beleuchtet.
Inhaltlich durchaus aufklärerisch gedacht, gelingt es dem Regisseur dabei auch ganz gut, die finsteren Zeiten in publikumswirksame Bilder umzusetzen. Wer sich etwa für die praktische Anwendung von Folterwerkzeugen interessiert, besucht einfach mal den Stummfilm um Mitternacht, wo Anna Vavilkina an der Orgel aufspielt. Der Eintritt ist frei (1.3., 23.59 Uhr, Babylon Mitte).
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